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Aus: Ausgabe vom 05.09.2019, Seite 11 / Feuilleton
Fotografie

Tausend Tage Zukunft. Fotos aus dem Chile der Unidad Popular in Berlin

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Lässt sich der Kapitalismus einfach abwählen? Ganz demokratisch, ohne Blutvergießen? Erweist sich das Bürgertum, wenn man nur seinen Spielregeln folgt, eines schönen Tages als fairer Verlierer? Ungefähr das hat Salvador Allende geglaubt, als er 1970 zum Präsidenten Chiles gewählt wurde und sein »Unidad Popular«-Bündnis mit dem Aufbau des Sozialismus begann: Ressourcen wurden verstaatlicht, Arbeiter und Bauern aus der Knechtschaft befreit. Skrupulös überlegte die Regierung Allende, wie die Macht am besten verteilt werden könnte (u. a. war ein Technikerteam um den britischen Kybernetiker Stafford Beer ab 1971 damit befasst). Als Fidel Castro Allende zur Bewaffnung des Volkes riet, um nicht auf das Militär angewiesen zu sein, entschied Allende dagegen. Es sollte diesmal anders gehen, ohne Gewalt.

Tausend Tage lang wurde die Gesellschaft in einem Tempo umgekrempelt, das die Welt in Atem hielt. Tausend Tage, in denen die USA Sanktionen verhängte, Sabotageanschläge verüben ließ und die Reaktion nach Kräften förderte, bevor sie am 11. September 1973 zum Mittel ihrer Wahl griff und einen faschistischen Militärputsch ins Werk setzte. Man kann an diese kurze Zeit der Euphorie gar nicht genau genug erinnern, findet auch das Recherchebündnis »Allendes Internationale«, das seit 2017 in Archiven forscht und Erfahrungen von Zeitzeugen dokumentiert.

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Ein Ergebnis ist eine Ausstellung, die heute abend in der Bi­bliothek »Pablo Neruda« in Berlin-Friedrichshain eröffnet wird: »1000 Tage / 6 Blicke – Fotografien aus dem Chile der Unidad Popular (1970–1973)«. Die Exponate stammen etwa vom spanischen Internationalisten John M. Hall, der sich in Algerien und Kuba als landwirtschaftlicher Berater verdient gemacht hatte, bevor er für die Unidad Popular ein Milchproduktionsprogramm mitentwickelte. Parallel dokumentierte er Demos und Kundgebungen in Santiago, hielt in Totalen die Massen, aber auch konkrete Gesten und Blicke fest. Weniger bekannt, aber ebenso spannend sind seine Aufnahmen des Alltags abseits der großen Straßen und Plätze. Weitere Bilder stammen von Leonore Mau, Silvio Tendler, Marcelo Montealegre, Luis Poirot und dem Schweden Karl Jagare, der eine Straßentheatertruppe durchs befreite Land begleitete. Der Kampfeswille in den Gesichtern ist ansteckend, und das kann überhaupt nicht schaden mit Blick etwa auf die frappierend ähnlichen Entwicklungen in Venezuela, wo es nur eher um Öl als Kupfer geht. (jW)

Eröffnung heute, 17.30 Uhr in der Bibliothek »Pablo Neruda«, Frankfurter Allee 14a, 10247 Berlin, die Schau läuft bis 1. Oktober

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