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Aus: Ausgabe vom 05.09.2019, Seite 10 / Feuilleton
Auf eine Zigarette

Der große Mann gibt auf

Neulich im Zug
Von Michaela Conrad
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Ich drehte mir eine Zigarette. In St. Pölten war ein längerer Halt zu erwarten, und ich wollte vorbereitet sein

Ich erreichte den Zug in Wien-Meidling in letzter Sekunde. Ich betrat den letzten Wagen vor der ersten Klasse, und wir fuhren los.

An dem Tisch, an dem ich Platz nahm, saßen zwei Männer aus Marokko. Alles war vollgeladen, also behielt ich meinen Rucksack auf meinem Schoß.

»Wenn ich die Regatta auf Hawaii noch mache, könnte ich sie danach für 120.000 Euro verkaufen.« Der Mann am Tisch neben mir trug Kopfhörer, was ihm ermöglichte, den ganzen Wagen über seine Transaktionen informiert zu halten. Bevor wir St. Pölten erreichten, hatte er fünf Yachten für einen Gesamtbetrag von einer halben Million Euro verkauft (soweit ich zählen konnte).

Ihm gegenüber erblickte ich Catweazle zum erstenmal, einen dünnen Mann mit langem Bart und einem braunen Mantel, der es vorzog, sich mit sich selbst in einer fremden Sprache zu unterhalten. Er hatte keine Kopfhörer, aber einen großen Koffer zwischen den Beinen.

Ich drehte mir eine Zigarette. Ich wusste, dass in St. Pölten ein Halt zu erwarten war, der länger als die üblichen zwei Minuten dauern würde, und ich wollte vorbereitet sein.

Eine schöne Dame aus der Sitzgruppe schräg gegenüber lächelte mir zu. Später erfuhr ich, dass sie auch rauchte.

»Es tut mir leid. Hier sitzt eine Frau, die kurz auf einen Kaffee in den Speisewagen gegangen ist.« – »Oh, hier sitzt eine Frau? Ich verstehe.« Der große Mann mit dem Seesack war überhaupt nicht zufrieden. Er hatte sich neben die schöne Dame setzen wollen und nahm unwillig auf der danebenliegenden freien Sitzgruppe Platz.

In der Zwischenzeit begannen die beiden Männer an meinem Tisch, etwa fünfundzwanzig getragene Brillen aller Formen und Größen auszupacken, probierten sie an, testeten sie, und während wir durch den Wienerwald fuhren, diskutierten sie und legten sie auf verschiedene Haufen, ich verstand einige Namen, männliche und weibliche, Nicken, wiegende Köpfe.

Ich verpasste den Halt in St. Pölten. Die Dame verpasste ihn nicht. Sie sah mich danach vorwurfsvoll an.

Der Schiffsverkäufer hatte den Zug verlassen. Ich schloss die Augen. Als ich in Passau für meine Zigarette ausstieg, blieb die Dame sitzen.

Catweazle öffnete seinen Koffer. Er enthielt etwa fünfzig kleine leere Plastikflaschen. Er suchte in seinem Koffer herum und schloss ihn dann wieder.

»Meine Damen und Herren, wir entschuldigen uns für eine Verspätung auf Grund von Steinschlag in der ersten Klasse. Die lokale Polizei wird sich um den Vorfall kümmern. Die Reise wird so schnell wie möglich fortgesetzt. Wir halten Sie auf dem laufenden.«

Die Dame ging zuerst. Zwanzig Minuten später öffnete Catweazle seinen Koffer wieder. Diesmal nahm er sein Ticket und einen Reiseplan heraus. Er seufzte.

»Meine Damen und Herren, die lokalen Behörden eruieren die Gefahren und die Möglichkeit weiterzufahren.«

Catweazle rief den Zugbegleiter und fragte ihn auf englisch, ob wir Hamburg rechtzeitig erreichen. Der Zugbegleiter seufzte, murmelte eine Ausrede vor sich hin, er wisse es noch nicht – auf deutsch –, und eilte davon. Catweazle sank wieder auf seinen Sitz und seufzte zweimal.

Ich rauchte eine Zigarette.

Die Marokkaner aßen Brot und Eier.

Auf dem Bahnsteig standen drei uniformierte Polizisten mit einem großen blauen Plastiksack und diskutierten eifrig. Das Fenster war mit weißem Gaffa-Tape abgeklebt.

Zeit für drei weitere Zigaretten. Die Dame und ich verpassten uns immer wieder. Aber jetzt lächelte sie mich an, als sie gerade vorbeikam.

Catweazle wurde nervös. Er versuchte mehrmals, den Zugbegleiter zu kontaktieren, der den Schritt beschleunigte, wann immer er sich ihm näherte.

Eine halbe Stunde später verließ der Zug den Bahnhof.

In Regensburg warteten bereits uniformierte Polizisten auf uns. Sie hatten einen Plastiksack dabei, sprachen über das Fenster und überprüften das Gaf fa-Tape.

»Meine Damen und Herren, auf Grund von Steinschlag in Plattling wird die erste Klasse evakuiert. Wir werden mit reduzierter Geschwindigkeit weiterfahren. Wir haben eine Verspätung von neunzig Minuten. Anschlusszüge werden nicht erreicht. Wir bitten um Entschuldigung und hoffen auf Ihr Verständnis.«

Der Zugbegleiter lief mittlerweile al le zehn Minuten vorbei.

Catweazle versuchte, ihn zu kontaktieren. Vergeblich.

Die beiden Marokkaner begannen, ihren Reiseplan zu überprüfen. Alle anderen überprüften auch ihre Reisepläne. Die erste Klasse wurde in unseren Waggon umquartiert.

»Da sitzt eine Frau, die Kaffee trinkt.« Der große Mann versuchte, einen anderen großen Mann mit Anzug und Krawatte zu vertreiben. Die schöne Dame korrigierte ihn. »Nein, die Frau ist in Linz ausgestiegen.« – »Oh, die Frau trinkt keinen Kaffee mehr?! Die Frau ist in Linz ausgestiegen?!« Der große Mann gab auf.

Der Mann, der sich Catweazle gegenübergesetzt hatte, öffnete seinen Laptop.

Eine zweite Zugbegleiterin tauchte auf. Der Laptopmann bestellte ein Bier. Die Zugbegleiterin bat ihn, in das Restaurant zu gehen, das sich im nächsten Wagen befand, zehn Schritte entfernt. Er weigerte sich und sagte ihr, dass er ein Erste-Klasse-Passagier sei.

»Meine Damen und Herren, wir bitten die Passagiere, die nach Hamburg reisen, den Zug in Hanau zu verlassen und die Route über Fulda zu nehmen.«

Catweazle stöhnte. Er stand auf und fing an herumzuspringen.

Ich frage ihn, wohin er unterwegs sei, und er sagte mir, dass er in Hamburg einen Nachtbus erreichen müsse, um nach Norwegen zu fahren.

Der Erste-Klasse-Mann bestellte ein Essen, einen Salat und einen Nachtisch.

Ein Gespräch zwischen der schönen Dame und dem Krawattenmann begann. Er erzählte ihr von seinen Geschäftsreisen nach Bangkok und beschrieb die Whirlpools in den Hotels. Er trug keine Kopfhörer, wurde aber von allen gut verstanden.

Der Erste-Klasse-Mann bekam sein Essen. Der Laptop hatte nun keinen Platz mehr auf dem Tisch.

Der erste Zugbegleiter kam vorbei, und ich fragte ihn, ob er Catweazle nicht bei der Suche nach einer Verbindung helfen könne. Ich bot mich an, zu übersetzen. Er war erleichtert und schrieb alles auf.

Catweazle setzte sich hin.

Wir fuhren durch Würzburg.

Die Marokkaner fragten mich, ob ich auch für sie übersetzen könne. Sie befürchteten, dass sie den letzten Regionalzug von Düsseldorf aus nicht erreichen würden. Ich sagte ihnen, sie könnten ein Taxi nehmen, das bezahlt werden sollte. Der Zugbegleiter brachte ein Formular, für das sie in Düsseldorf am Bahnhof ein anderes Formular bekommen könnten.

Der Krawattenmann hatte aufgehört zu reden. Die Dame kam nicht mehr rauchen. Aus einer Ecke des Abteils drangen laute Kussgeräusche herüber. Ich klammerte mich an meinen Rucksack. Catweazle weinte.

Als ich ihn fragte, was los ist, zeigte er mir seine Notizen. Er musste in Hanau an Gleis 2 aussteigen und acht Minuten später den Zug nach Fulda an Gleis 103 nehmen.

Ich versuchte, ihm zu erklären, dass Hanau ein sehr kleiner Bahnhof ist, aber er war nicht zu trösten. Er stieg trotzdem aus. Der große Mann ebenso. Ich wünschte beiden alles Gute.

Zwanzig Minuten später erreichte ich Frankfurt. Ich rauchte eine Zigarette.