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Aus: Ausgabe vom 05.09.2019, Seite 6 / Ausland
Kolumbien gegen Venezuela

Alarmstufe orange

Venezuela mobilisiert nach Drohungen Streitkräfte an der Grenze zu Kolumbien
Von André Scheer
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Venezolanische Soldaten am 8. Februar an der Tienditas-Grenzbrücke nach Kolumbien

Nach aggressiven Äußerungen aus Kolumbien hat Venezuelas Präsident Nicolás Maduro für die kommende Woche den Beginn eines großen Manövers angekündigt und für die an der Grenze zum Nachbarland stationierten Truppen die zweithöchste Alarmstufe »orange« ausgerufen. Während einer Veranstaltung aus Anlass des neunten Gründungstages der »Bolivarischen Militäruniversität« in Caracas wies der Staatschef am Dienstag (Ortszeit) Vorwürfe seines kolumbianischen Amtskollegen Iván Duque zurück. Dieser hatte Venezuela in der vergangenen Woche dafür verantwortlich gemacht, dass ein Teil der im Rahmen des Friedensprozesses demilitarisierten FARC ihre Rückkehr zum bewaffneten Kampf angekündigt hatte. Bei der Gruppe handele es sich nicht um eine neue Guerilla, »sondern um eine von Nicolás Maduro unterstützte Bande von Drogenterroristen«, hatte Duque in einer Fernsehansprache erklärt. Er habe den »rechtmäßigen Präsidenten Venezuelas« – gemeint war der Oppositionspolitiker Juan Guaidó – um »Unterstützung bei der Ergreifung dieser kriminellen Gruppe« gebeten und ihm dafür »Rückhalt« zugesagt.

Sowohl die Regierung in Bogotá als auch die Führung der legalen FARC-Partei – die weiter am Friedensprozess festhalten will – behaupten, dass sich die »Dissidenten« auf der venezolanischen Seite der Grenze aufhielten. Die neue Guerilla selbst teilte dagegen in ihrer ersten öffentlichen Stellungnahme vom 29. August mit, dass sie sich in der Umgebung des Inírida-Flusses im äußersten Osten Kolumbiens befinde. Das von Urwald und Bergen geprägte Gebiet grenzt an den venezolanischen Bundesstaat Amazonas. Eine Offensive der kolumbianischen Regierungstruppen gegen die Aufständischen dort könnte angesichts der kaum sichtbaren »grünen Grenze« versehentlich oder mit Absicht auf das Territorium des Nachbarlandes übergreifen – und müsste von Venezuelas Armee als Aggression verstanden werden.

Duque wolle Venezuela für den seit 70 Jahren anhaltenden Krieg in Kolumbien verantwortlich machen, erklärte Maduro am Dienstag. »Die gegenwärtige Regierung Kolumbiens will keinen Frieden, sondern Krieg, und das bedauern wir.« Bildungsminister Aristóbulo Istúriz ergänzte im Gespräch mit dem staatlichen Radio Nacional de Venezuela, dass die Oligarchie des Nachbarlandes im Krieg nur ein Geschäft sehe, sich die Ressourcen Venezuelas anzueignen, und deshalb den Konflikt wolle: »Sie glauben, dass die Gringos kommen und sie dann alles unter sich aufteilen können.«

Caracas wirft Bogotá auch vor, hinter einem im August vereitelten Sprengstoffanschlag in der venezolanischen Hauptstadt zu stehen. Man werde den Vereinten Nationen Beweise für die Unterstützung vorlegen, die Duque terroristischen Gruppen erweise, kündigte Außenminister Jorge Arreaza am vergangenen Wochenende an. Zuvor hatte Informationsminister Jorge Rodríguez informiert, dass am 17. August zwei an öffentlichen Gebäuden deponierte Sprengsätze rechtzeitig entschärft werden konnten. Ein Verdächtiger, der die kolumbianische Staatsangehörigkeit haben soll, sei festgenommen worden. In diesem Zusammenhang forderte Rodríguez die sofortige Auflösung von drei Camps, in denen auf kolumbianischem Staatsgebiet Terroristen ausgebildet würden. In den Lagern in Maicao, Riohacha und Santa Marta würden Angriffe auf Venezuela vorbereitet, warnte er. »Was wird Iván Duque mit dieser Information anfangen? Wie werden die Polizeikräfte Kolumbiens mit der Tatsache umgehen, dass auf kolumbianischen Staatsgebiet Paramilitärs, Terroristen, Mörder, Sprengstoffattentäter trainiert werden?«

Mehr als neun Millionen Menschen haben inzwischen mit ihrer Unterschrift gegen die verschärften Sanktionen und Interventionsdrohungen der USA gegen Venezuela protestiert. Wie Maduro in seiner Ansprache am Dienstag mitteilte, unterzeichneten sie einen am 10. August veröffentlichten offenen Brief, der Ende des Monats in New York der UN-Vollversammlung übergeben werden soll.

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