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Aus: Ausgabe vom 30.08.2019, Seite 10 / Feuilleton
Ökologie und Kirche

Wenn kein anderer Ausweg bleibt

Von der befreienden Gewalt der Volksmassen: Zur bevorstehenden »Amazonien-Synode« im Vatikan
Von Gerhard Oberkofler
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»Maschine zum Geldschlagen« – Brandrodung in der Nähe von Porto Velho, Brasilien (27.8.2019)

Unter dem Titel »Amazonien – neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie« findet vom 6. bis 27. Oktober in Rom die von Papst Franziskus einberufene Bischofssynode statt. Im Vatikan sollen Antworten der römisch-katholischen Kirche auf die riesigen gesellschaftlichen und ökologischen Probleme im Amazonasbecken gefunden werden. Vom Ansatz her wäre es eine Partikularsynode, aber weil Papst Franziskus als Internationalist mit der Dialektik von Reich und Arm befasst ist, wird die Synode ökumenisch sein und die römisch-katholische Gesamtkirche verpflichten.

1946 schrieb Max Frisch, der Globus sei »ausgemessen ein für allemal, eine Kugel, die handlich auf dem Schreibtisch steht: ohne die Räume der Hoffnung«. Auch Amazonien, dieses riesige Waldgebiet – etwa fünf Prozent der Landfläche der Erde – mit seiner Biodiversität und seinen Mineralien ist »ausgemessen«, eine »Maschine zum Geldschlagen« (Karl Marx).

Der in Vorarlberg aufgewachsene und nach seiner Ausbildung in Salzburg in der römisch-katholischen Kongregation der »Missionare vom Kostbaren Blut« (CPPS) ab 1965 als Missionar in Brasilien wirkende Erwin Kräutler hat an den Vorbereitungen zur Amazonien-Synode mitgewirkt. Kräutler hat im selben Jahr wie der 1989 ermordete Befreiungstheologe Ignacio Ellacuría SJ in Österreich mit dem Studium der Theologie begonnen (1958/59). Von 1981 bis 2015 war Kräutler der von Johannes Paul II. auserwählte Bischof der brasilianischen Amazonas-Region Xingu.

Der Heilige Johannes Paul II. hat bekanntlich die Befreiungstheologen drangsaliert. Kräutler hat in seinem Zimmer sicher nicht das Porträt des kolumbianischen Priesterrevolutionärs Camilo Torres Restrepo hängen. Sein Andachtsbild könnte »Unsere Liebe Frau von Fátima« sein. Mit der ist er aufgewachsen, wie die gesamte katholische Jugend im damaligen Österreich.

Kräutler hat sich für den Schutz der Ureinwohner persönlich exponiert und wurde von Schergen der herrschenden Klasse tätlich bedroht. Dennoch macht sein Wirken, wie es von ihm selbst dargestellt wurde, deutlich, dass ihm als Bischof das Verständnis für die Theologie der Befreiung fehlt. In der entscheidenden Frage über die Parteinahme in Sachen reich und arm bleibt Kräutler so wie Johannes Paul II. Antirevolutionär, Antikommunist und ein für unsere durchkapitalisierte Welt letztlich nützlicher Bischof. In seinem Buch »Habt Mut! Jetzt die Welt und die Kirche verändern« schreibt Kräutler mit dem Bibelzitat »Wer das Schwert zieht, wird durch das Schwert umkommen«, als »Lebensregel« fest: »Absolute Gewaltlosigkeit ist ein Grundauftrag nicht nur der Bibel, sondern jeder ernsthaft humanistischen Lebensführung.«

Mit Bibelpassagen lässt sich freilich auch revolutionäres Gedankengut begründen, so wie das etwa Gerrard Winstanley getan hat. Kräutler lässt die Armen von Amazonien und die indigenen Völker auf eine Fata Morgana am Horizont schauen: »Sie (die Armen) allein haben keine Chance, sich zu wehren, wenn sie von ihren Gebieten vertrieben werden, weil man Soja anbauen will oder weil es Bodenschätze gibt. Es braucht Menschen, die sie unterstützen. Ich bin überzeugt, dass es die indigenen Völker ohne die katholische Kirche und ohne den Bischöflichen Rat für die indigenen Völker nicht mehr gäbe.«

Kräutler sieht es als Aufgabe der katholischen Kirche an, den Indios bei ihren Vorsprachen beim Nationalkongress »logistischen und juridischen Beistand zu leisten und sie mit unseren Rechtsanwälten und anderen Sachverständigen zu unterstützen«. Er verlangt von den Enteigneten, sich unterwürfig in das herrschende Rechtssystem einzugliedern, das mit seinen Gesetzen die Enteignung und den damit einhergehenden Terrorismus ermöglicht. Er hilft mit, entstehende Volksbewegungen in Amazonien zu entwaffnen und zu domestizieren, wenn er ihnen als alleinigen Ausweg empfiehlt, sich zu unterwerfen. Rechtsverhältnisse bleiben Herrschaftsverhältnisse. Karl Marx kommentierte, »dass auch das Faustrecht ein Recht ist, und dass das Recht des Stärkeren auch in ihrem ›Rechtsstaat‹ fortlebt«.

In Zeiten des Umbruchs gilt es auch für Priester wie Kräutler, sich zu entscheiden: Ist einer Ordnung Folge zu leisten, die Unrecht in Recht setzt, oder eine Revolution zur Befreiung von diesem Unrecht anzustreben? Ignacio Ellacuría SJ spricht über die Notwendigkeit von Volksbewegungen, von revolutionär-befreiender Gewalt: »Wenn kein anderer Ausweg bleibt, wird diese revolutionäre Gewalt zum bewaffneten Kampf, ohne deswegen terroristischer Kampf sein zu müssen. Sie nimmt die Gestalt der Guerilla an, was dazu führt, dass Formen irregulären Krieges, aber darum noch nicht terroristische Kampfformen, eingeführt werden. Terrorismus ist nicht das, was die von vornherein als Terroristen Bezeichneten tun, sondern diejenigen sind Terroristen, die, in der objektiven Definition des Wortes, Terrorismus praktizieren.« Denn auch der Christ komme nicht umhin, bestimmte Formen von Gewalt zu akzeptieren, »sofern es sich um eine nicht terroristische, befreiende Gewalt handelt, die vor allem auf die Befreiung von dem Tod bezogen ist, der über die Volksmehrheiten in der Dritten Welt hereinbricht«. Ellacuría SJ ist für diese Überzeugungen eingetreten und musste den »Preis der Gerechtigkeit« (Jon Sobrino SJ) zahlen. Er wurde mit fünf Mitbrüdern am 16. November 1989 in El Salvador im Auftrag der imperialistischen Kräfte der USA ermordet. Die römisch-katholische Kirche muss den traditionellen Glauben im Dialog offensiv überwinden. Es muss verstanden werden, dass es einen Preis hat, Christ zu sein. Alten Wein in neue Schläuche zu gießen, wird zu wenig sein.

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