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Aus: Ausgabe vom 30.08.2019, Seite 8 / Ansichten

Theaterhoffnung des Tages: Matthias Lilienthal

Von Peter Merg
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»Einen hab’ ich noch …« – Sehr witzig, Herr Lilienthal

Das deutschsprachige Theater arbeitet weiterhin beständig an seiner Selbstabschaffung und wird dafür noch beklatscht: Nachdem zuletzt zum Branchenschaulaufen »Theatertreffen« nicht eine einzige Inszenierung eines Theaterstückes eingeladen worden war, sondern ausschließlich Performancekunst und Prosaadaptionen, wählten nun 44 vom Magazin Theater heute befragte Kritiker die Münchner Kammerspiele zum »Theater des Jahres« 2018/19. Deren Intendant Matthias Lilienthal hatte nicht nur einst Kunstmanager Chris Dercon zu seinem Berliner Volksbühne-Abenteuer verführt, sondern steht auch generell für tendenziell schwachsinniges Experimentaltheater und wolkiges Diskursgedöns, dem mittlerweile sogar das leidgeprüfte Restpublikum davonläuft.

Das war auch dessen langjährigem Nachbar vom Münchner Residenztheater, Martin Kusej, aufgefallen, der sich für seine jüngst begonnene Intendanz am Wiener Burgtheater Lilienthal gerade nicht zum Vorbild nehmen wollte und anfügte: »Ich glaube, dass manche Bereiche im postdramatischen oder dekonstruktivistischen Theater sehr interessant sein können, wenn sie gut gemacht sind. Aber so leid es mir tut: Ich habe in vielen Fällen einen Grad an Dilettantismus und Selbstüberschätzung erlebt, der furchterregend, abenteuerlich oder einfach bescheuert war.«

Womit alles gesagt wäre, wünschte sich nicht offenbar eine Mehrheit der »Experten« auch weiterhin öffentlich gefördert ins Delirium gejallert zu werden. Entsprechend wurde auch Christoph Rüpings Antikenexzess »Dionysos Stadt«, natürlich an den Münchner Kammerspielen, zur »Inszenierung des Jahres« gekürt. Nach dessen zehnstündiger Odyssee von Prometheus’ Felsen über das brennende Troja in die Fußballstadien der Gegenwart waren sich nicht mal mehr die jW-Chefkritiker sicher, wie sie das fanden. Peer Schmitt urteilte salomonisch: »Zeus spricht Arabisch, wir sprechen immer noch Heiner-Müllerisch.« In Ewigkeit, Amen.

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