Gegründet 1947 Mittwoch, 20. November 2019, Nr. 270
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 29.08.2019, Seite 12 / Thema
1989

Kooperation statt Vereinigung

Im Mai 1989 trafen sich Wissenschaftler aus der BRD und der DDR zum halboffiziellen Gespräch über die Perspektiven der Deutschlandpolitik. Kurze Zeit später änderte die Bundesregierung ihren Kurs. Schon im September standen die Zeichen auf Annexion
Von Ekkehard Lieberam
Helmut_Kohl_ist_tot_53773563.jpg
Als sich im Laufe des Sommers 1989 zeigte, dass die Sowjetunion keinen Widerstand leisten würde, änderte die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl ihre Strategie und orientierte auf eine »Wiedervereinigung« beider deutscher Staaten unter westdeutscher Führung (Kohl am 19.12.1989 in Dresden)

Die Geschichte der deutschen Zweistaatlichkeit ist facettenreich und wechselvoll. Die BRD und danach die DDR entstanden im Ergebnis des beginnenden Kalten Krieges, der Abkehr der westlichen Deutschlandpolitik von den gemeinsam mit der Sowjetunion im August 1945 getroffenen Vereinbarungen von Potsdam über »Deutschland als Ganzes«, über die zukünftige politische und geographische Gestaltung des Landes im Geiste des Antimilitarismus, des Antinazismus und der Entmonopolisierung.¹

Zwei Staaten

Ende 1947 nahmen die USA, Großbritannien und Frankreich im Alliierten Kontrollrat offen Kurs auf einen separaten Weststaat. Im März 1948 stimmte die Provisorische Regierung Frankreichs dem Anschluss der französischen Besatzungszone an die am 1. Januar 1947 von den USA und Großbritannien gebildeten Bizone zu. Mit der Einführung der Deutschen Mark durch die Währungsreform vom 20. Juni 1948 in dieser nunmehr geschaffenen Trizone wurde daraus ein einheitliches Währungs- und Wirtschaftsgebiet. Am 1. Juni 1948 erging die Weisung an die Ministerpräsidenten der dazu gehörenden elf Länder, eine Verfassung für den zu bildenden Weststaat zu schaffen. Konrad Adenauer, Präsident des als verfassunggebende Versammlung gebildeten »Parlamentarischen Rates«, verkündete am 23. Mai 1949 das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Es folgten am 7. September 1949 die Konstituierung von Bundestag und Bundesrat.

Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) sowie die anderen Parteien und politische Organisationen in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) versuchten mit Unterstützung der Sowjetunion vergeblich, diese Entwicklung mit der Volkskongressbewegung aufzuhalten. Der II. Volkskongresses beschloss am 18. März 1948 die die Bildung eines Ausschusses zur Ausarbeitung einer gesamtdeutschen »Verfassung der DDR«. Am 15. Mai 1949 fand in der SBZ eine Volksabstimmung über eine Neuzusammensetzung des Volkskongresses statt (58,1 Prozent Jastimmen). Der von diesem III. Volkskongress gewählte Volksrat konstituierte sich am 7. Oktober 1949 als Provisorische Volkskammer, zugleich trat in der SBZ die »Verfassung der DDR« in Kraft.

Zwischen BRD und DDR verlief für die folgenden vier Jahrzehnte die gesellschaftspolitische und militärische Grenze in der globalen Systemauseinandersetzung. Die BRD übernahm die Rolle eines Vorpostens des Kapitalismus und der NATO. Die DDR war der westliche Vorposten der sozialistischen Staatengemeinschaft und des Warschauer Vertrages (ab 1955). Unter schwierigen Bedingungen (1949 verfügte die DDR über etwa 30 Prozent der Arbeitsproduktivität der BRD, zugleich leistete sie Reparationszahlungen im Umfang von 99,1 Milliarden DM, während aus der BRD lediglich 2,1 Milliarden DM flossen²) begann die DDR-Führung 1952 mit der Sozialismusgestaltung auf deutschem Boden und verringerte den wirtschaftlichen Abstand zur Bundesrepublik.³

Gut eineinhalb Jahrzehnte setzte die Bundesrepublik auf einen »Kollaps der DDR« und eine nachfolgende Annexion. Außenpolitisch verfolgte sie mit der Hallstein-Doktrin, die jede Aufnahme diplomatischer Beziehungen von Drittstaaten mit der DDR als »unfreundlichen Akt« wertete und Sanktionen androhte, das Ziel, die DDR zu isolieren. Mit der Großen Koalition von CDU/CSU und SPD 1966 bahnte sich unter Außenminister Willy Brandt eine »neue Ostpolitik« an, die zu einer gewissen Entschärfung der Systemauseinandersetzung führte und auf einen »Wandel durch Annäherung« (Egon Bahr) abzielte. In seiner Regierungserklärung vom 28. Oktober 1969 erkannte Brandt zumindest die staatsrechtliche Existenz zweier deutscher Staaten an. Es folgten in den Jahren 1970 und 1973 Gewaltverzichtserklärungen gegenüber osteuropäischen Staaten. Am 18. September 1973 nahm die UNO die BRD und die DDR als 133. bzw. 134. Mitgliedsstaat auf. Am 21. Juni 1973 trat der Grundlagenvertrag zwischen der BRD und der DDR in Kraft. Die Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten, unter anderem auf kulturellem und kommunalpolitischem Gebiet, intensivierten sich. Auch die 1982 in Bonn gebildete Koalition aus CDU/CSU und FDP unter Helmut Kohl hielt an diesem Vertrag fest. Beginnend am 19. September 1986 mit der Städtepartnerschaft zwischen Saarlouis und Eisenhüttenstadt wurden bis zur »Wende« 98 Städtepartnerschaften geschlossen.⁴

Koevolution?

Am 2. und 3. Mai 1989, zu einer hochinteressanten Phase der Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten, kam es in einem Hotel in Ostberlin zu einer zweitägigen Diskussion zwischen jeweils drei Wissenschaftlern aus der Bundesrepublik und der DDR. Aus politikwissenschaftlicher und juristischer Sicht beschäftigte man sich mit den Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten und deren Perspektive. Aus der DDR beteiligten sich daran Heinz Kosin vom Berliner Institut für Politik und Wirtschaft (IPW), Gerhard Riege von der Sektion Rechtswissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena und ich, als Wissenschaftler des Instituts für Internationale Studien (IIS) der Karl-Marx-Universität Leipzig.

Nicht uninteressant ist, wie dieses Gespräch zustande kam: Das Ganze begann als Initiative von drei Vertretern der bundesdeutschen »Deutschlandforschung«: des Marburger Politikwissenschaftlers Wilfried von Bredow, des Direktors des Instituts für Gesellschaft und Wissenschaft (IGW) in Erlangen, Clemens Burrichter, und des Mitarbeiters dieses Instituts Rudolf Horst Brocke. Das IGW war eine Institution, die dem Bundesforschungsministerium zuarbeitete. In einem Appell für eine Weiterentwicklung der Deutschlandpolitik, den die drei Wissenschaftler am 8. November 1988 in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht hatten, vertraten sie die Position, man sei an einer »Wendemarke« angekommen. Dies verlange eine Neuorientierung. Erstens sei der Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR »sozusagen ausgeschöpft«. Die sich entwickelnde »Vielfalt der Kommunikation mit der DDR« (also Beziehungen zwischen Kommunen, Ausbau von Verkehrswegen, Wissenschaftlerkontakte) bedürfe einer »behutsamen« politischen Koordinierung. Verhindert werden müsse, dass es zu einer »Balkanisierung der Deutschlandpolitik« komme. Zweitens ginge es darum, die sich in der DDR ankündigende »sozialistische Strukturreform« angemessen zu berücksichtigen. Es entwickelten sich neuartige »Gestaltungschancen für westliche Ostpolitik« infolge der sich anbahnenden »Reformphase« der voraussehbaren »strukturell, integralen sozialistischen Modernisierungsstrategie«. Drittens stünden auch in der Bundesrepublik »schmerzhafte Strukturanpassungen« an. Viertens würde die Deutschlandpolitik durch eine »große, weiter anwachsende Zahl von inter- und transnationalen Bezügen« modifiziert. Fünftens seien, insbesondere angesichts der bevorstehenden »Umbruchphase« in der DDR und in anderen sozialistischen Ländern, die Ziele und Schritte der Deutschlandpolitik und deren mittelfristige Zielstellungen neu zu definieren. Ein »Reformprozess, der aus dem Ruder läuft«, sei nicht wünschenswert. Es könne »gegenwärtig nicht darum gehen, ein Konzept zu entwickeln, wie der Ost-West-Konflikt siegreich beendet oder die Einheit Deutschlands unverzüglich ins Werk gesetzt werden kann«.

Gerade die letzte Position fand in der DDR Aufmerksamkeit. Es gab Bemühungen der drei Politikwissenschaftler, über das IPW mit Wissenschaftlern aus der DDR ins Gespräch zu kommen. Dies fand Resonanz bei politisch Verantwortlichen in der DDR. Dabei spielte sicherlich eine Rolle, dass es hier nicht nur um eine Initiative von Wissenschaftlern ging (darum ging es natürlich auch), die ihren Forschungsgegenstand (die »deutsch-deutschen Beziehungen«) aufwerten wollten, sondern offensichtlich um eine halboffizielle politische Sondierungsaktion der Parteien bzw. Fraktionsführungen des Bundestages.

Das Angebot einer Diskussion unter Wissenschaftlern war, wie in der DDR vermutet wurde und es sich dann auch bestätigte, ein Mittel, um den Regierenden in der DDR dies und jenes mitzuteilen und die Reaktion darauf zu testen. Umgekehrt war die Annahme dieses Angebots natürlich auch eine Chance, auf diesem Weg mit der Bundesregierung bzw. den Parteispitzen des Bundestags zu kommunizieren.

Aus heutiger Sicht sind vor allem die in diesen Gesprächen vorgetragenen konzeptionellen Positionen von Interesse. In der Sache ging es schließlich um nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Vorstellungen in beiden deutschen Staaten über die Perspektive ihrer Beziehungen ein halbes Jahr vor der »Wende«.

Ein erstes Problem der Diskussion war die These der drei westdeutschen Wissenschaftler, der Grundlagenvertrag vom 1973 sei »ausgeschöpft«. Kosin, Riege und ich machten deutlich, dass wir dem nicht zustimmen können. Eine solche Position sei desorientierend, wenn mit ihr ausgedrückt werden sollte, die im Artikel 1 des Grundlagenvertrages gegebene Orientierung auf gutnachbarschaftliche Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten sei verwirklicht. Artikel 1 lautet: »Die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik entwickeln normale gutnachbarschaftliche Beziehungen auf der Grundlage der Gleichberechtigung.« Da sei noch viel Raum, meinten wir.

Im Verlaufe der Diskussion festigte sich dann mein Eindruck, dass die These von Bredows, Burrichters und Brockes über die Ausschöpfung des Grundlagenvertrages kein Unwerturteil über diesen Vertrag war, sondern eigentlich eine Erweiterung der Zielrichtung »gutnachbarschaftlicher Beziehungen« im Sinne »gemeinsamer Umweltprojekte« oder die Unterstützung von bestimmten »Reformprojekten« in der DDR meinte.

Interessanterweise wurde bemängelt, dass im Konzept der »gutnachbarschaftlichen Beziehungen« das Moment der »ökonomischen Motivation« fehle. Ich habe das damals (wohl nicht zu Unrecht) als Angebot für eine mögliche punktuelle finanzielle und ökonomische Unterstützung der DDR verstanden.

Ein zweiter Problemkomplex der Diskussion betraf den Charakter der »Umbrüche« in den sozialistischen Ländern und deren Auswirkungen auf die »deutsch-deutschen Beziehungen«. Die bundesdeutschen Wissenschaftler sprachen von einer »Epochenschwelle«. Für eine mittlere Zeitspanne, die sie mit dem Begriff »Strukturpolitik 2000« kennzeichneten, müsse davon ausgegangen werden, dass der Ost-West-Konflikt verblasse. Vermutet wurde zum einen, es werde zu einer »Koevolution« kommen. Notwendig sei deshalb der Übergang »von der friedlichen Koexistenz zur ideologischen Koexistenz«. Zum anderen gab es die Meinung, vom »Sozialismus/Kommunismus« werde kaum etwas übrig bleiben. Wir verneinten das – mit einem schon damals haltlosen Optimismus.

Anstehende Reformen

Auf eine einheitliche Position z. B. zur Frage einer »bevorstehenden Reformphase der DDR« waren wir vorher keineswegs »vergattert« worden. Ich vertrat den Standpunkt, dass natürlich absehbar eine Reformphase der DDR bevorstehe, verbunden mit einer Demokratisierung und einer deutlicheren Gewaltenteilung, eine Ansicht, der Gerhard Riege widersprach. Damit, meinte ich, würde die Dialektik von Systemauseinandersetzung und Kooperation erst so richtig in Gang kommen. Der Sozialismus würde attraktiver werden. Eine aus damaliger Sicht verständliche Auffassung, aber aus heutiger eine naive Illusion.

2408877.jpg
Der Grundlagenvertrag von 1973 sah noch »gutnachbarliche Beziehungen auf gleichberechtigter Basis« zwischen der BRD und der DDR vor – Austausch der unterzeichneten Dokumente zwischen DDR-Staatssekretär Michael Kohl (l.) und Bundesminister Egon Bahr am 8. November 1972 in Bonn

Ein drittes Problem, das bei den Diskussionen eine Rolle spielte, war die Bedeutung der Vereinigungsfrage. Burrichter, von Bredow und Brocke rückten die Frage der »Wiedervereinigung« keineswegs in den Vordergrund. Als »langfristige Option« spiele sie aber durchaus eine Rolle. Im Vordergrund stand die Idee, die Vorzüge des westlichen Gesellschaftssystems im Rahmen einer engeren Kooperation stärker zur Wirkung zu bringen und wichtige Personengruppen in der DDR am Ausbau der Zusammenarbeit zu interessieren. Wörtlich formulierte einer der westdeutschen Teilnehmer: »Solange wir leben, steht das Problem der Wiedervereinigung nicht, aber es ist aus der Politik nicht wegzukriegen. Ein Abschied von der Reichsidee ist politisch nicht durchsetzbar.« Gesagt wurde, »verkaufsstrategisch« solle man nicht auf die »Wiedervereinigung« hinweisen. Gleichzeitig zitierte aber ein anderer westdeutscher Teilnehmer eine Äußerung von Egon Bahr gegenüber dem französischen Außenminister: »Glauben Sie nie einem Deutschen, wenn er sagt, die Einheit sei nicht wichtig.« Das klang so wie eine vom Wohlwollen gegenüber der DDR getragene Warnung an uns.

Interessant war in diesem Zusammenhang die von mir vertretene These, über Artikel 1 des Grundlagenvertrages solle man möglichst zu einer spezifischen Vertragsgemeinschaft zwischen DDR und BRD kommen. Man solle n icht den Begriff der »Konföderation« verwenden (Walter Ulbricht hatte 1957 einen entsprechenden Vorschlag unterbreitet). Aber mittelfristig gehe es sicherlich um »konföderale Elemente«, eben im Sinne einer Vertragsgemeinschaft für Friedenssicherung in Europa. Insofern gebe es auch Momente einer nationalen Frage. Das waren Gedanken wie sie insbesondere der Völkerrechtler Walter Poeggel am IIS in Leipzig vertrat. Die drei westdeutschen Wissenschaftler nahmen das interessiert zur Kenntnis. Im persönlichen Gespräch sagte mir dann einer von ihnen: Die DDR solle lieber »nicht die nationale Komponente ins Spiel bringen«. Das wäre der Versuch, »auf einem Tiger zu reiten«.

Wie uns keineswegs verheimlicht wurde, hatte die Initiative der drei Wissenschaftler einen handfesten politischen Hintergrund. Sie verstanden sich nicht nur als Vordenker einer zu präzisierenden Deutschlandpolitik, sondern sie waren es wohl auch. Sie deuteten an, dass ihre Thesen von verantwortlichen Politikern der SPD, FDP und von einer Mehrheit der CDU unterstützt würden. Eine ganz andere Position, darauf wiesen wir hin, bezog aber z. B. der am 18. Mai 1988 als Verteidigungsminister berufene CDU-Politiker Rupert Scholz. Dieser hatte Anfang 1988 ganz im Tone des Kalten Krieges erklärt: Politische wie militärische Entspannung ist ohne Lösung der Deutschlandfrage letztlich nicht erreichbar.«⁵ Die Führung der CSU stand insgesamt auf dieser Position. Sie wolle einen auf verstärkte Kooperation setzenden Kurs in der »Deutschlandpolitik«, wie unsere Gesprächspartner durchblicken ließen, nicht mitmachen.

Wie ich später erfuhr, gab es in den folgenden Monaten in Bonn keine parteiübergreifende Einigung auf das deutschlandpolitische Konzept unserer drei Gesprächspartner. Es war ja auch aus der Sicht der in der Bundesrepublik Regierenden alsbald überholt. Die Prämisse dieses Konzepts, nämlich eine längere Phase machtpolitischer Stabilität der DDR und damit auch einer bevorstehenden Phase entsprechender Beziehungen zur BRD, eine »Koevolution zwischen sozialer Marktwirtschaft und marktwirtschaftlichem Sozialismus«, wie es einer der westdeutschen Teilnehmer formuliert hatte, entfiel. Auf die Tagesordnung gesetzt wurde eine Politik, die darauf abzielte, die »Deutschlandfrage« möglichst schnell »siegreich« zu lösen.

Auch eine »rechtzeitige« auf einen »geordneten Rückzug« gerichtete Politik etwa im Frühjahr 1989 hätte wohl kein anderes Ergebnis bringen können als der dann erfolgte Anschluss der DDR an die BRD. Natürlich ist Geschichte, wie Rosa Luxemburg einmal sagte, immer wieder »Premiere«. Es gibt stets Alternativen. Aber Alternativen im Jahre 1989 waren infolge der veränderten Kräfteverhältnisse in Europa, vor allem der wachsenden politischen Schwäche der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow, begrenzt. Ob in der DDR mit einer Doppelstrategie (sozialistische Erneuerung einerseits und Angebot einer konföderalen Vertragsgemeinschaft anderseits) zumindest partiell ein wirklicher Vereinigungsprozess hätte erreicht werden können, ist fraglich. Betrachtet man die nachfolgende Entwicklung, die Lähmung und Zerrüttung der SED und die Katastrophe des »Beutezuges Ost« der westdeutschen Banken, Konzerne und Politiker, wäre es aber sicherlich einen Versuch wert gewesen.

Das Sondierungsgespräch vom 2. und 3. Mai 1989 ist dennoch von einem gewissen geschichtlichen Interesse. Es macht deutlich, wie die Kommunikation zwischen den Regierenden beider deutscher Staaten unterhalb der Regierungsebene erfolgte. Unübersehbar ist der völlige Bruch zwischen dem Geist der gutnachbarschaftlichen Kooperation in den Gesprächen und dem regelrechten Rachefeldzug gegen die DDR, wie er sich alsbald in der Deutschlandpolitik der BRD durchsetzte.

Kursänderung

Dass die Regierenden der Bundesrepublik bereits vier Monate später, im September 1989, ihren Kurs gegenüber der DDR voll auf »Wiedervereinigung« ausgerichtet hatten (jedoch noch nicht per Anschluss), weiß ich aus eigener Kenntnis. Noch vor der »Wende« gab es, um den 10. September 1989 herum, ein Angebot des Außenministeriums der Bundesrepublik an die Regierung der DDR, miteinander »über die Vereinigung« zu verhandeln. Die Voraussetzungen der Zweistaatlichkeit, »Jalta und die Stärke der Sowjetunion«, seien entfallen. An der entsprechenden Beratung in Ostberlin mit Vertretern des BRD-Außenministeriums nahm unter anderem der 1991 verstorbene Rechtswissenschaftler Karl-Heinz Röder teil, mein ehemaliger Chef am Institut für Theorie des Staates und des Rechts der Akademie der Wissenschaften. Er berichtete mir und anderen davon am 15. September 1989 am Rande der gerade stattfindenden letzten Staats- und Rechtswissenschaftlichen Konferenz in Potsdam-Babelsberg. Wir beglückwünschten ihn dafür, dass er und die anderen DDR-Teilnehmer das Verhandlungsangebot abgelehnt hatten.

Im Dezember 1989 sprach auf Einladung des IIS Walter Momper, Regierender Bürgermeister von Westberlin, in Leipzig. Die Frage nach den Chancen zukünftiger konföderaler Strukturen zwischen BRD und DDR verneinte er. Das sei alles vorbei. Es ginge nun um »Wiedervereinigung«. Einer Einladung zu »einer Tasse Kaffee«, die er am Schluss der Veranstaltung aussprach, folgte eine ganze Reihe meiner Kolleginnen und Kollegen. Ich verzichtete. Die westdeutsche »Deutschlandpolitik« war zu ihren Ursprüngen zurückgekehrt: zum Konzept der Vernichtung und alsbald auch der Kriminalisierung der DDR. Nach 20 Jahren »zaghafte(r) Normalisierung« der Beziehungen zwischen BRD und DDR kam eine »Vereinigung, die so aussieht, als ob die BRD auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges die DDR erobert hätte, weswegen unter dem Stichwort ›Aufarbeitung‹ denn auch nur ein Gerichtstag des ›Rechtsstaats‹ über die DDR vorbereitet wird«, urteilte der westdeutsche Verfassungsrechtler Helmut Ridder 1992 in seiner Trauerrede für den in den Selbstmord getiebenen PDS-Politiker Gerhard Riege in Jena.⁶

Anmerkungen:

1 Vgl. Karl Bittel (Hg.): Das Potsdamer Abkommen und andere Dokumente, Berlin 1959, S. 17 ff. Die USA, die Sowjetunion und England verkündeten das Potsdamer Abkommen am 2. August 1945. Die Provisorische Regierung Frankreichs erklärte sechs Tage später ihre Zustimmung.

2 Vgl. Siegfried Wenzel: Was war die DDR wert? Und wo ist dieser Wert geblieben?, Berlin 2006, S. 43 f.

3 Von 1950 bis 1989 erhöhte die DDR ihre Wirtschaftskraft auf das Zehnfache, die Bundesrepublik auf das Sechsfache. Das Volkseinkommen pro Kopf lag 1988 bei 69 Prozent, die Arbeitsproduktivität bei 45 Prozent der der Bundesrepublik.

4 Vgl. Deutscher Städtetag (Hg.): Die innerdeutschen Städtepartnerschaften, Köln 1992, S. 23

5 Zit. n. Der Spiegel, 2.5.1988

6 Ansprache von Prof. Dr. Helmut Ridder auf der Trauerfeier für Prof. Dr. Gerhard Riege am 5. März 1992 im Luther-Haus zu Jena, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 05/1992, S. 638

Ekkehard Lieberam war Professor für Staatstheorie und Verfassungsrecht an der Akademie der Wissenschaften der DDR und am Institut für Internationale Studien der Karl-Marx-Universität Leipzig. Er ist Vorsitzender des Marxistischen Forums in Sachsen.

Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus Hagen (29. August 2019 um 13:12 Uhr)
    Da ist wohl die trickreiche Politikkriegsgroßmeisterschachvariante des »Doppelputsches« – der Erstputsch als »Ausrede zum Entfernen sowjettreuer Kommandierender« – Jelzins gehen Gorbatschow schon in NATO-Kreisen »bekannt« gewesen!

    Wenn man schon in der international anerkannten universitären Logik die Lügner -Antinomie nicht auflöst und ihren »Kalten-Krieg«-Charakter deutlich sieht, wird man von den dauerlügenden, heimtückisch gerissenen Militärs und Politikern halt nicht ernst genommen.
  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus Hagen (29. August 2019 um 14:04 Uhr)
    Um den nun wieder Sklaven-Akademikern (»Die Intellektuellen und die Macht«) deutlich ihren Fehlzug zu demonstrieren.

    Man hätte auf keinen Fall den Ersatz der kirchlichen Religion – mit »persönlich demaskierender vernichtender Kritik des Massenmordes der ewigen Seelen« – durch die einzig global wahre philosophische Religion der Wahrheit (Spinoza) unterlassen sollen (Geophilosophie).

    Spinozas Ethik hätte Moral und Menschenkenntnis auf die Seite des regierenden Sozialismus gebracht!

    Mitten in die Massenakademisierung hinein (ein andere Wahrheit als die Wahrheit die Macht ...)

    Selbst Bloch (Avicenna – die aristotelische Linke für den intellectus agens des »Selberdenkens« statt Nachäffens (Imitation der Affekte) und Adorno – Negative Dialektik – letztere als Problem und nicht Lösung) sind da viel zu »verspielt« und »barockfaltenverliebt«.

    Ein moralisch so »verkommener Gegner« per ebenso verkommener Kirche, Religion, Moral, der »normalen« Menschen, »höchste Kräfte« und Motive, statt ihnen Techniken des Selbst (Tantrasex fürs Private! statt gegnerischer Kopie Chemo-Psychiatrie) zu bringen.

    Die »Geschichte« meinte das im blutigen Ernst, schon öfter!

Ähnliche:

  • Thälmann spricht: Kundgebung der KPD im Berliner Lustgarten am 1...
    17.08.2019

    Nicht vom Posten gewichen

    Vor 75 Jahren wurde der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann von einem Sonderkommando der Gestapo im KZ Buchenwald ermordet
  • Der offizielle Teil: Der sowjetische Staats- und Parteichef Mich...
    11.07.2019

    Das vergessene Gespräch

    Vorabdruck. Anfang November 1989 traf Egon Krenz in Moskau mit dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow zusammen
  • Vor der Abwicklung Arbeitsplatz von 8.000 Menschen: VEB Halbleit...
    30.06.2018

    »Aufrappeln gewohnt«

    Bei einer Buchvorstellung in Berlin wurde an die elektronische Industrie der DDR erinnert