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Aus: Ausgabe vom 29.08.2019, Seite 8 / Ansichten

Unmoralisches Pack des Tages: Deutsche Manager

Von Simon Zeise
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Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral, lehrt uns Bert Brecht. Dass Kapitalisten offen zugeben, sich einen feuchten Kehricht um Anstand zu kümmern, ist neu. Nur jeder vierte Manager denke regelmäßig über moralische Fragen nach. Und nur jeder fünfte gebe unumwunden zu, nur teilweise oder aber gar nicht nach seinen moralischen Überzeugungen zu entscheiden, zitierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung am Mittwoch aus der »Führungskräftebefragung 2019«, die von der »Wertekommission« und der Technischen Universität München durchgeführt wird. An der diesjährigen Umfrage haben sich 545 Konzernlenker aus der Bundesrepublik beteiligt, fast alle davon gehören zur oberen oder mittleren Führungsebene.

Klimawandel? In der Wirtschaft nicht angekommen. Nur jeder zwanzigste Manager gab an, dass für ihn »Nachhaltigkeit« von Bedeutung sei. Ein »bemerkenswertes« Ergebnis, meinten die Studienautoren, angesichts einer immer extremer werdenden Witterung.

Im Grunde dürfen sich Konzerne alles rausnehmen. Fast jeder zweite Manager gab zu, dass es in seinem Unternehmen nur eingeschränkt möglich sei, Regelverstöße und unethisches Verhalten aufzudecken. Und nicht einmal die Hälfte gab an, dass Mitarbeiter irgendetwas zu befürchten hätten, wenn sie mal über die Stränge schlügen. Warum auch? Wenn laut Studie fast jede dritte Führungskraft nach eigenen Angaben dazu neigt, in bestimmten Situationen moralische Ansprüche zurückzustellen und ethisch fragwürdig zu agieren. »Die ethische Kultur zeigt in vielen Unternehmen Deutschlands Defizite«, erklärt die Wertekommission zu den Ergebnissen der Studie. Schnickschnack, meinen die Bosse und bescheißen weiter, was das Zeug hält. Kapitalismus ist keine Frage der Moral.

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