Gegründet 1947 Donnerstag, 19. September 2019, Nr. 218
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 28.08.2019, Seite 12 / Thema
Klima und Marxismus

Erschöpfte Springquellen

Vorabdruck. Raubbau und Ausbeutung. Marx, Engels und die Klimakrise
Von André Leisewitz
Tagebau_Schaufelradb_55362594.jpg
Mensch, Maschine und Natur in einem gestörten Verhältnis zueinander (Schaufelradbagger in einem Tagebau bei Weißwasser in Sachsen)

In der kommenden Woche erscheint Nummer 119 der Zeitschrift Marxistische Erneuerung mit dem Schwerpunkt »Klimakrise«. Wir veröffentlichen daraus redaktionell gekürzt den Aufsatz von André Leisewitz: »Marx, Engels und die Klimakrise. ›Kontrolle sozialer Produktion durch soziale Ein- und Vorsicht‹«. Die neue Ausgabe kann unter www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de bestellt werden.(jW)

Karl Marx hatte in seiner »Kritik des Gothaer Programms« (1875) der damaligen Arbeiterbewegung ins Stammbuch geschrieben, dass der gesellschaftliche Reichtum sich aus zwei Quellen speist – der menschlichen Arbeit und der Natur. Deren Ausbeutung schon unter kapitalistischen Bedingungen Grenzen zu setzen war für ihn wie für Friedrich Engels ein Dauerthema. Die aktuellen Auseinandersetzungen um die Klimapolitik geben Gelegenheit, sich Marx’ und Engels’ Sicht auf die gesellschaftlichen Naturverhältnisse in Erinnerung zu rufen, aber auch die wesentlichen Veränderungen, die sich seit ihrer Zeit in diesem Verhältnis mit der Dynamik der kapitalistischen Entwicklung vollzogen haben, zu betrachten.

Arbeit und Natur

Ohne Ausbeutung der lebendigen Arbeitskraft gibt es keinen Kapitalismus. Die Arbeitskraft der Lohnabhängigen ist für das Kapital der Lieferant von Mehrarbeit und Mehrwert. Die konkurrenzgetriebene Selbstverwertung des Kapitals beruht darauf, aus ihr ein Maximum an Mehrarbeit »aus[zu]pumpen«.¹ Die Natur liefert dagegen eine – scheinbar unendliche – Fülle von Gebrauchswerten als Arbeitsgegenstände bzw. Arbeits- und Genussmittel. Man kann sie als stoffliche »Ressourcen« oder »ökologische Dienstleistungen« auffassen, die so lange als »von der Natur gratis geschenkt«², als »Gratisproduktivkräfte« fungieren und angeeignet werden können, wie sie (scheinbar) unbegrenzt zur Verfügung stehen oder sich schnell regenerieren (»nachwachsen«). Hierzu gehören z. B. die Bodenfruchtbarkeit, Grundwasserbildung, die Selbstreinigungskraft von Gewässern, vorfindbare mineralische Lagerstätten aller Art usw., die als Quellen und »Senken« im Stoffwechselprozess des Menschen mit der Natur dienen. Ihnen allen liegen natürliche Stoffumsatzvermögen (Bildungs- wie Abbauvermögen physikalisch-chemischer und biologischer Natur) zugrunde. Diese Stoffumsatzvermögen haben in der Erdgeschichte Lagerstätten gebildet (z. B. seit dem Devon die Kohlelagerstätten), die nicht regenerativ sind. Fließgewässer oder die Atmosphäre können dagegen bestimmte Stoffe, die in sie eingetragen werden, in bestimmten Mengen und Zeiträumen abbauen, ohne selbst dauerhaften Schaden zu nehmen. Tropenwald wird durch punktuellen Wanderfeldbau nicht nachhaltig geschädigt, weil kleine Rodungen rasch wieder bewaldet werden können; aber anders als mitteleuropäische Wälder, die auf tiefgründigeren Böden wachsen, verträgt der Tropenwald keine großflächigen Rodungen. Im Mittelmeerraum hat die Entwaldung weiträumig verkarstete, nur schwer wieder aufforstbare Böden hinterlassen. Bei natürlichen Ressourcen und Stoffumsatzvermögen sind also quantitative und (in den natürlichen Reaktionsgeschwindigkeiten der jeweiligen Prozesse begründete) zeitliche Begrenzungen ihrer Wirksamkeit und Kapazität zu beachten.

Dies gilt auch für die lebendige Arbeitskraft. Deren Ausbeutung folgte in der ersten Phase des industriellen Kapitalismus der »Raubbau«-Maxime, aus ihr möglichst schnell, kostengünstig und ohne Rücksicht auf ihre Regeneration soviel an Mehrarbeit »herauszupumpen« wie möglich. Der Widerstand der frühen Arbeiterbewegung hat dem im Kampf um die gesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit eine Grenze gesetzt, die Marx 1864 als den ersten Sieg der politischen Ökonomie der Arbeiterklasse bezeichnete. Dieser markiert den Übergang zu einer »nachhaltigen« Ausbeutung, bei der das »Herauspumpen« der Mehrarbeit die Regenerations- und Reproduktionsfähigkeit der Arbeitskraft möglichst nicht überstrapazieren soll und bei der in die Qualifikation und Reproduktion der Arbeitskraft investiert wird – um sie wertvoller, »nachhaltig wirksamer« und damit produktiver zu machen: Dabei vollzieht sich der Übergang von der extensiven zur intensiven Ausbeutung, vom absoluten zum relativen Mehrwert. Das der Konkurrenz unterliegende Kapital kann diesen Übergang von sich aus nicht bewerkstelligen; es bedarf der Gegenwehr der Lohnabhängigen und der gesetzlichen, für alle Kapitalisten gleichen Regelung durch den Staat, der damit deren »allgemeine« Interessen wahrnimmt. »Nachhaltig« hat hier also einen Doppelsinn: Erhalt der Arbeitskraft einerseits und dauerhafte, ertragreichere Ausbeutung andererseits. Die Aufhebung der Ausbeutung ist dagegen nur um den Preis der Aufhebung des Ausbeutungs- und Klassenverhältnisses von Lohnarbeit und Kapital zu haben.

Mensch und Erde

Marx und Engels haben sehr ausführlich und sich dabei auf konkrete zeitgenössische Studien, Berichte und Debatten stützend den Raubbau an menschlicher Arbeitskraft und die Störung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Erde als Momente der Entfaltung des kapitalistischen Reproduktionsprozesses analysiert. Im ersten Band des »Kapitals« findet sich die oft zitierte Formulierung: »Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.«³ Im dritten Band konstatiert Marx bei der Behandlung der kapitalistischen Bodenbewirtschaftung Bedingungen, die »einen unheilbaren Riss hervorrufen in dem Zusammenhang des gesellschaftlichen und durch die Naturgesetze des Lebens vorgeschriebnen Stoffwechsels«, der entsteht, weil die Bodenfruchtbarkeit nicht wieder durch systematische Düngung etc. regeneriert wird. Als Ursache wird der zunehmende Gegensatz von Stadt und Land ausgemacht.⁴ Engels weist 1872 deswegen dem Stadt-Land-Gegensatz – also der ökologischen Frage in damaliger Sicht – eine ähnliche Sprengkraft zu wie dem Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital.⁵

Aber beide beobachten auch sehr genau die Entwicklung im gesellschaftlichen Naturverhältnis. Engels hatte in seiner »Lage der arbeitenden Klasse« 1845 u. a. die horrende Wasserverschmutzung durch Einleitung von Produktions- und häuslichen Abwässern in Manchester detailliert beschrieben. Im Vorwort zur englischen Ausgabe von 1892 konstatiert er mit Verweis auf den Bau von Kanalisation, »dass die schreiendsten Missstände heute beseitigt oder doch weniger auffällig gemacht« seien.⁶ Hier werden Tendenz und Gegentendenz registriert. Als Gegentendenz zur Störung des »Stoffwechsel(s) zwischen Mensch und Erde« benennt Marx den aus der kapitalistischen Vergesellschaftung erwachsenden Zwang, diesen Stoffwechsel »systematisch als regelndes Gesetz der gesellschaftlichen Produktion (…) herzustellen«.⁷ An anderer Stelle wird dies so ausgedrückt: »die Beschränkung der Fabrikarbeit [war] diktiert durch dieselbe Notwendigkeit, welche den Guano auf die englischen Felder ausgoss. Dieselbe blinde Raubgier, die in dem einen Fall die Erde erschöpft, hatte in dem andren die Lebenskraft der Nation an der Wurzel ergriffen.«⁸

Marx und Engels registrierten unterschiedliche Dimensionen und Formen der Störung des Stoffwechsels zwischen Gesellschaft und Natur. Aus der Umweltforschung ihrer Zeit kannten sie große überregionale Degradationen von Naturräumen – die Entwaldung und Verkarstung im Mittelmeerraum –, also die Folgen einer nichtregenerativen Naturnutzung. Bei der Gewässerverschmutzung hatten sie es mit lokalen Umweltzerstörungen zu tun, die jedoch zumindest teilweise durch Gewässerschutzmaßnahmen rückgängig zu machen waren. Das ließ sich z. B. an der Themse beobachten.

Die umfangreiche Lektüre zur Störung der Bodenfruchtbarkeit zog Marx in die zeitgenössische Auseinandersetzung um unterschiedliche naturwissenschaftliche Theorien zu deren Ursachen und zu den Möglichkeiten der Regeneration, was auch Gegenstand zahlreicher praktischer Agrarexperimente war. Was bei Marx und Engels noch nicht am Horizont der zeitgenössischen Umweltforschung auftaucht, sind die mit der kapitalistischen Dynamik ungeheuer wachsenden Dimensionen der Natureingriffe und die daraus sich ergebenden Störungen der globalen Kreislaufsysteme, die heute Gegenstand der ökologischen Erdsystemforschung sind. Im Konzept der »Planetary boundaries« werden z. B. die Grenzen der Belastbarkeit von wichtigen Natursystemen und das Stoffumsatzvermögen der Biosphäre (»Ökosystemdienstleistungen«) dargestellt, von deren Verfasstheit und Funktionsfähigkeit die heutige Zivilisation abhängig ist. Diese Natursysteme und Stoffumsatzvermögen können anhand bestimmter Messgrößen beschrieben (im Fall des Klimasystems ist ein zentraler Indikator die CO2-Konzentration in der Atmosphäre) und hinsichtlich ihrer Belastung geprüft werden. Während das Klimasystem auf »Kippunkte« zusteuert, bei deren Überschreitung kaum noch kontrollierbare Folgen befürchtet werden, ist ein relativ »einfaches« System wie die stratosphärische Ozonschicht durch politische Grenzsetzungen (Emissionsverbote für ozonschichtschädigende Substanzen und deren Substitution durch weniger problematische Stoffe; »Montreal-Protokoll«) weitgehend regenerierbar, wenn auch in großen Zeiträumen.

Die Hinderung des Kapitals an schrankenloser Ausbeutung der lebendigen Arbeitskraft war das Resultat eines Kampfes zwischen Lohnarbeit und Kapital auf nationaler, ja auf Branchenebene. Die globalen Dimensionen der heutigen Umweltkrise verkomplizieren nicht nur die Interessenlagen jener Kräfte, die dem Kapital auf diesem Feld eine Grenze setzen könnten, sondern verdoppeln auch die Ebenen, auf denen die Auseinandersetzung geführt werden muss – im nationalen Rahmen wie auf der internationalen Ebene zwischenstaatlicher Verhandlungen. Dies schließt nicht nur die Konkurrenzbeziehungen zwischen den entwickelten kapitalistischen Ländern und ihren Monopolen ein, sondern ebenso das Verhältnis zwischen armen und Schwellenländern und deren Bedürfnissen »nachholender« Entwicklung und den kapitalistischen Metropolen. Gleichzeitig hat die kapitalistische Dynamik, besonders nach 1945, zu einer ungeahnten Ausweitung des individuellen Konsums in den entwickelten kapitalistischen Ländern geführt. Dies galt, wenn auch mit anderen Akzentuierungen, auch für die sozialistischen Länder. Die damit verbundene Lebensweise (»Konsumismus«) ist so wenig »nachhaltig« wie die Produktionsweise selbst, an die sie die Menschen bindet.

Klimakrise und Klimapolitik

1956 berechnete Gilbert Plass erstmals die bei steigender atmosphärischer CO2-Konzentration zu erwartende Erderwärmung. Er konstatierte, dass der anthropogene CO2-Input in die Atmosphäre aus fossilen Brennstoffen, Entwaldung, Bodenbearbeitung u. a. m. alle natürlichen Veränderungen der atmosphärischen CO2-Konzentration bereits um mehrere Größenordnungen überstieg und damit die globale CO2-Bilanz nachhaltig veränderte. Für das Jahr 2000 nahm er (bei einem CO2-Konzen­trationsanstieg um 30 Prozent) eine globale Erwärmung von etwas mehr als einem Grad Celsius an.

Vor nunmehr vierzig Jahren, auf der Ersten Weltklimakonferenz der World Meteorological Organization (WMO) in Genf 1979, folgte aus dem damaligen Stand der Wissenschaft die dringende Warnung vor langfristigen anthropogenen Veränderungen des globalen Klimas und damit politischer Handlungsbedarf. 1988 forderte eine Folgekonferenz der WMO in Toronto die Reduzierung der Treibhausgasemissionen bis 2005 um 20 Prozent und bis 2050 um die Hälfte gegenüber 1988. Der im gleichen Jahr von WMO und dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) gegründete IPCC (Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen) veröffentlichte 1990 seinen ersten Bericht. Seit der auf der Rio-Konferenz von 1992 beschlossenen Klimarahmenkonvention (UNFCCC), also seit mehr als einem Vierteljahrhundert, liegt ein völkerrechtlich verbindliches Ziel der internationalen Staatengemeinschaft (inzwischen 197 Vertragsstaaten) vor, einen gefährlichen Eingriff der heutigen Gesellschaften in das Klima- und Erdsystem zu verhindern. Schließlich gelang es mit dem Kyoto-Protokoll von 1997 fünf Jahre nach Rio, verpflichtende Reduktionsziele für die entwickelten kapitalistischen Länder für die Jahre 2008–2012 festzuschreiben (sog. Annex-B-Länder). Schwellenländer bzw. industriell schwach entwickelte Länder (inkl. VR China, Indien, Brasilien) blieben auf Grund ihrer geringen Pro-Kopf-Emissionen (und ihrer vergleichsweise sehr niedrigen historischen Emissionen) hiervon ausgenommen.

Die Reduktionsverpflichtungen waren in den einzelnen Ländern sofort umkämpft. Die USA hatten das Kyoto-Protokoll zwar unterschrieben, doch lag zu diesem Zeitpunkt bereits ein einstimmiger Beschluss des US-Senats vor, kein Protokoll zu ratifizieren, das die Schwellen- und Entwicklungsländer (wobei es wohl insbesondere um den aufkommenden Rivalen China ging) von Reduktionsverpflichtungen ausnehmen oder der US-Wirtschaft »schwerwiegenden Schaden« zufügen würde – »America first« war auch damals schon die zentrale Maxime. Insofern war die Unterschrift nichts wert; 2001 zogen die USA sie offiziell zurück. Paradoxerweise hatte das aber zumindest kurzfristig eine gewisse befreiende Wirkung für den internationalen Verhandlungsprozess, weil der gewichtigste Bremser nicht mehr am Tisch saß und den anderen klar war, dass ein weiteres Scheitern das Ende der internationalen Klimapolitik bedeuten würde.

Das Protokoll trat erst 2005 (nach dem Beitritt Russlands) in Kraft. 2006 begannen die Verhandlungen über die Nach-Kyoto-Phase. Kanada, das das Protokoll ratifiziert hatte, verließ 2011 vorzeitig das Abkommen: es sei wettbewerbsschädigend. Im selben Jahr teilten Japan und Russland mit, keiner Verlängerung des Kyoto-Protokolls zuzustimmen. Die Verhandlungen zogen sich über sechs Jahre hin, bis schließlich 2012 in Doha zumindest grundsätzlich die Verlängerung des Kyoto-Protokolls beschlossen wurde. Die Verhandlungen in Paris 2015 brachten zwar die überraschende Einigung auf das 1,5-Grad-Celsius-Ziel, aber keine konkreten Umsetzungsbeschlüsse. Die USA klinkten sich 2017 komplett aus.

Der gesamte Verhandlungsprozess offenbarte ein höchst kompliziertes Interessengeflecht. Die entscheidenden Achsen bei den Klimaverhandlungen ergaben sich aus den jeweiligen innergesellschaftlichen Auseinandersetzungen und aus der Formulierung der »nationalen« Interessen in der Konkurrenz zwischen imperial-dominierenden Ländern und aufstrebenden Schwellen- sowie den ärmeren Ländern. Die Abstimmung der USA und Kanadas wie auch Russlands und Japans gegen das Kyoto-Protokoll bzw. dessen Verlängerung zeigten, dass die Haltungen der Länder in hohem Maße von den jeweiligen privatkapitalistischen bzw. monopolistischen Unternehmensinteressen bestimmt wurden, die staatlich geschützt werden sollten. Auch in den anderen entwickelten kapitalistischen Ländern opponierten entscheidende Teile der Wirtschaft. In der BRD lehnte z. B. der BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie) das Kyoto-Protokoll ab, das er als gescheitert, zu teuer und industriefeindlich bezeichnete, und sprach sich gegen dessen Verlängerung aus. Die starke Stellung der exportorientierten Großkonzerne der Auto-, Chemie-, Elektroindustrie und der mit ihnen verbundenen und von ihnen abhängigen Zulieferindustrien garantierten ihnen entsprechenden Einfluss auf die Bundesregierung.

Entscheidend blieb überall der politische Vermittlungsprozess, das jeweilige nationale Kräfteverhältnis zwischen Befürwortern und Gegnern entsprechender supranationaler Regulationen, das sowohl die öffentliche Meinung wie die Entscheidungsfindungen innerhalb der politischen Apparate bestimmte. Deutlich zeigten sich dabei auch die Auswirkungen von Konjunktur und Krise. Das Scheitern der Kopenhagener Konferenz 2009, bei der (entgegen der Planung) kein Beschluss zu einer Nachfolgeregelung für Kyoto gefasst wurde, stand ganz unter dem Eindruck der Weltfinanz- und Wirtschaftskrise. Rio hatte 1992 noch große Erwartungen geweckt, aber die Umwelt- und Klimabilanz der Periode des entfesselten Kapitalismus ist, wie die Bilanzen des Weltklima- und Weltbiodiversitätsrates von 2018 und 2019 zeigen, verheerend.

Konflikt- und Kampffeld

Die Klima- und Umweltkrise ist wieder zu einem zentralen Thema der medialen Berichterstattung, der öffentlichen Aufmerksamkeit und der politischen Auseinandersetzung geworden. 2015 bis 2018 waren die seit Beginn der globalen Wetteraufzeichnungen heißesten Jahre. Auf der kommunalen Ebene wird Alarm geschlagen (Ausrufung des »Klimanotstands«), weil sich hier dem Klimawandel zugeschriebene Schäden zeigen und Gegenmaßnahmen ergriffen werden müssen. Offenbar sind es die subjektive Erfahrbarkeit des Klimawandels einerseits und die Betroffenheit durch Maßnahmen des Klimaschutzes andererseits, die dazu beitragen, dass dessen Brisanz öffentlich stärker wahrgenommen wird. Dies zeigt sich auch in den Protestbewegungen, die auf nationale klimapolitische Maßnahmen reagieren – in Frankreich die »Gelbwesten«, die gegen eine die unteren sozialen Schichten belastende CO2-Bepreisung protestierten, in Deutschland die Kohleausstiegsbewegung (u. a. »Ende Gelände«, Hambach) – bzw. den klimapolitischen Stillstand skandalisieren: weltweit die Jugendbewegung »Fridays for Future« (FFF). Die in sich vielschichtige Klimabewegung beginnt – gezwungenermaßen durch die realen Verhältnisse –, auch über die Rolle des Großkapitals (wie Energie- und Automobilkonzerne, Banken) als Verursacher der Klimakrise nachzudenken, vor deren Zentralen sie demons­triert und nach politischen Interventionen verlangt. Politische Regulierung, Planung, Steuerung werden mit der Klimakrise zwangsläufig zu Themen und damit auch Grundstrukturen der Macht- und Eigentumsverhältnisse.

Niemand kann derzeit die Frage definitiv beantworten, ob sich soziale Koalitionen und Kräfteverhältnisse herausbilden können, die in der Lage sind, in der Umwelt- und Klimapolitik den Kurswechsel zu erzwingen. Gegenwärtig sieht es nicht danach aus. Die zumeist auf unverbindlichen Kabinettsbeschlüssen beruhenden Klimaschutzziele der Bundesregierung (»Klimaschutzplan 2050«) werden mit den bisherigen Maßnahmen nicht erreicht werden. Der IPCC hatte in seinem Sondergutachten von 2018 in einem »Budgetansatz« abgeschätzt, wieviel Treibhausgase global noch emittiert werden dürfen, wenn der in Paris festgelegte Korridor einer gerade noch zulässigen Erwärmung von 1,5 bis zwei Grad Celsius nicht verlassen werden soll. Bricht man diese Größenordnungen auf die BRD herunter (z. B. entsprechend ihrem 1,1-Prozent-Anteil an der Weltbevölkerung), ergibt sich ein »Restbudget« an erlaubten Emissionen, das weitaus kleiner ist als die zukünftigen Emissionsmengen, mit denen die Bundesregierung in ihrem bisherigen »Klimaschutzplan« rechnet.

Zwar haben sich in den letzten Jahrzehnten Wirtschaftswachstum, Energieverbrauch und Emissionen »entkoppelt«, aber die unerbittliche Konkurrenz der Einzelkapitale und der Wachstumszwang konterkarieren sämtliche Effizienzgewinne und hemmen die Reduktion der Treibhausgasemissionen. Wenn im widersprüchlichen Verhältnis zwischen der Produktions- und Aneignungsweise und ihrer Naturbasis – ein Widerspruch, der, nebenbei gesagt, auch in einem zukünftigen, auf gesellschaftlichem Eigentum beruhenden Sozialismus keineswegs aufgehoben, sondern nur in eine neue, natur- und menschenverträglichere und für die Gesellschaft leichter zu steuernde Bewegungsform gebracht werden kann – schon heute, unter kapitalistischen Bedingungen, ein »nachhaltigeres«, naturschonenderes Verhältnis durchgesetzt werden soll, setzt das im ersten Schritt gesellschaftlichen Zwang gegenüber den Einzelkapitalien voraus. Dieser Zwang kann im Endeffekt nur in staatlich-gesetzlichen Maßnahmen bestehen, die durch soziale und politische Bewegungen erkämpft werden. Diese Maßnahmen müssen heute, angesichts der Eingriffe in die globalen Stoffkreisläufe mit ihren alle Grenzen überschreitenden Rückwirkungen auf jeden Fleck der Erde, international koordiniert sein.

Dass dies auch unter kapitalistischen Verhältnissen möglich und notwendig ist, kann der Rückblick auf die Kämpfe um Arbeitszeitverkürzung zeigen. Diese Kämpfe konnten sich auf zwei grundlegende Interessen stützen: das Interesse der Lohnabhängigen an erträglicheren Arbeitsbedingungen und das Interesse der Unternehmer am Erhalt ihrer Existenzbasis, der Lohnarbeitskraft. Dass dies, wie Rosa Luxemburg konstatierte, ein jahrzehntelanger, zäher Kampf mit den Einzelkapitalisten auf der Ebene einzelner Branchen war⁹, verweist nur darauf, dass das Kapital bei einer solche Regelung schon an seine eigenen Grenzen stößt und sie nicht »aus sich heraus« zustande bringen kann. Dass entsprechende Maßnahmen möglich waren, verweist zudem darauf, dass der Kapitalismus eine antagonistische Gesellschaft ist, eine Gesellschaft, in der die Logik des Kapitals nicht uneingeschränkt herrscht, sondern Gegenwehr und die Einschränkung kapitalistischer Willkür möglich sind – trotz der asymmetrischen Machtverhältnisse, die diese Gesellschaft charakterisieren. Das gilt auch mit Blick auf die Naturfrage. Hier über die einzelkapitalistischen »Lösungsvorstellungen« hinaus eigenständige, an den Mehrheitsinteressen der Lohnabhängigen orientierte Alternativen für Energieversorgung, Mobilität, Regionalstrukturentwicklung, Wohnen, Nahrungsmittelerzeugung, Ernährung usw. zu entwickeln und im außerparlamentarischen Raum dafür agierende Bewegungen zu fördern, ist eine genuine Aufgabe der Linken in einer geschichtlichen Phase, in der der Widerspruch von kapitalistischer Produktionsweise und Naturbasis immer stärker in den Vordergrund drängt und die historische Überlebtheit des Kapitalismus und die Notwendigkeit seiner Überwindung sichtbar macht.

Die Konzerne, die in erster Linie unmittelbar davon profitieren, dass sie die Umweltkosten ihres Geschäftszweiges externalisieren können (z. B. die Energie-, Verkehrs-, Agrarkonzerne), werden alles unternehmen, die durch gesetzliche Zwangsmaßnahmen auf sie zukommenden Kosten anderweitig abzuwälzen – auf die Konsumenten, also in erster Linie die Lohnabhängigen, durch Preissteigerungen, und auf den Staat durch die Forderung nach Subventionen und öffentliche Infrastrukturausgaben aller Art. Das wäre eine neue Dimension im Verteilungskampf zwischen Lohnarbeit und Kapital. Hier dazu beizutragen, dass dem Kapital und seinen Verbänden Paroli geboten wird, ist eine zweite entscheidende Aufgabe für die Linke und die Gewerkschaften.

Die marxistische Linke muss auf beiden Feldern präsent sein. Sie muss mit klarem Blick auf die antagonistischen Macht- und Eigentumsverhältnisse im Kapitalismus für mehrheitsfähige sozialökologische Umgestaltungen eintreten. Sie muss dazu beitragen, dass die neuen Klima- und Jugendbewegungen an Einfluss gewinnen, die völlig zu Recht die Sicherung zukünftiger Lebensmöglichkeiten hier und in der ganzen Welt zu ihrer Sache machen. Sie muss in den dabei unvermeidlichen Verteilungskämpfen energisch für die Interessen der Lohnabhängigen eintreten – also alle Versuche zurückweisen, die Kosten des Umbaus der Produktionsweise einseitig auf sie abzuwälzen. Und sie kann das im Bewusstsein tun, dass hier wieder neue Ansatzpunkte für die Perspektive einer am Gemeinwohl und Gemeineigentum orientierten Gesellschaft mit Primat der Politik über die Ökonomie wachsen können, einer sozialistischen Gesellschaft.

Anmerkungen

1 Karl Marx: Das Kapital, Erster Band, in: MEW 23, Berlin/DDR 1962, S. 330

2 Ebd., S. 630

3 Ebd., S. 530

4 Karl Marx: Das Kapital, Dritter Band, in: MEW 25, Berlin/DDR 1964, S. 821

5 Friedrich Engels: Zur Wohnungsfrage, in: MEW 18, Berlin/DDR 1962, S. 279

6 Friedrich Engels: Vorwort [zur englischen Ausgabe (1892) der »Lage der arbeitenden Klasse in England«], in: MEW 22, Berlin/DDR 1963, S. 268

7 Karl Marx, Das Kapital, Erster Band., a. a. O., S. 528

8 Ebd., S. 253

9 Vgl. Rosa Luxemburg: Einführung in die Nationalökonomie, in: dies.: Gesammelte Werke, Bd. 5, Berlin/DDR 1975, S. 746

André Leisewitz ist Biologe und Redakteur der Zeitschrift Marxistische Erneuerung.

Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus N. (28. August 2019 um 08:32 Uhr)
    Die Erhaltung und Regenerierung der Umwelt als menschlicher (Über-)Lebensbasis ist nur möglich mit einer grundlegenden Abkehr vom profit- und konsumorientierten Handeln. Außer Betracht bleibt aber dabei – leider auch von links – das quantitative Problem der globalen Bevölkerungsexplosion (1950 2,5 Mrd., 2020 7,7 Mrd., 2050 9,5 Mrd.). Jeder hinzukommende Mensch hinterlässt mit seinen berechtigten Lebensinteressen einen ökologischen Fußabdruck. Ohne baldiges regulierendes Eingreifen werden sich die Probleme rasant potenzieren.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Schülerprotest in Berlin: Es mangelt nicht an kritischen Stimmen...
    01.06.2019

    »Wir müssen angriffslustiger werden«

    Klimawandel treibt Wähler zu den Grünen, Die Linke bleibt außen vor. Dabei fehlt es an sozialen Lösungen. Ein Gespräch mit Lorenz Gösta Beutin
  • »Ambitioniert«, aber großenteils kapitalismuskompatibel im Sinne...
    10.05.2019

    Immer wieder freitags

    Der »Klimastreik« der Schülerbewegung »Fridays for Future« bewegt sich zwischen ökologischer Modernisierung und Systemfrage
  • Ein Viertel des RWE-Stroms stammt aus Kohlemeilern. Im Bild das ...
    15.11.2017

    Ansage vom Kohlekonzern

    Stromriese RWE fährt Milliardengewinn ein – und warnt vor »Überbewertung« des Klimaschutzes. Laut Studie steigt globaler Ausstoß von Kohlendioxid

Regio: