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Aus: Ausgabe vom 27.08.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
HIV im Dialog

Fortschritt mit Hindernissen

Ab Freitag diskutieren Fachleute, Betroffene und Aktivisten aus der Selbsthilfe in Berlin über die Gesundheitsversorgung von Menschen mit HIV-Infektion
Von Markus Bernhardt
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Diskriminierung von HIV-Positiven entgegentreten: Christopher Street Day in Frankfurt am Main (15.7.2017)

Die Herausforderungen, die sich aufgrund von HIV-Infektionen und AIDS für Betroffene, aber auch das Gesundheitssystem ergeben, sind andere als die zum Zeitpunkt des ersten Auftretens der Immunschwächekrankheit in den 1980er Jahren. Endete eine Infektion mit dem HI-Virus damals noch tödlich, können Betroffene, die sich in medizinischer Behandlung befinden, heutzutage ohne größere Einschränkungen damit leben.

Den letzten veröffentlichten Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) zufolge lebten Ende 2017 geschätzt 86.100 Menschen mit HIV in Deutschland. Rund 11.400 Menschen von ihnen wüssten laut RKI nichts von ihrer Infektion. Freiwillige Selbsttests und niedrigschwellige Testangebote, auch für Menschen ohne Krankenversicherung, seien daher wichtig, »damit die Betroffenen behandelt werden könnten«, werben die Mediziner auf ihrer Internetseite. Sobald durch die Therapie eine stabile Absenkung der Viruslast erfolgt ist, würden schließlich keine Übertragungen mehr beobachtet. »Die effektive und frühe Behandlung nach der Diagnose, der Ausbau zielgruppenspezifischer Testangebote und die gestiegene Testbereitschaft der Betroffenen sind wesentliche Gründe für die sinkende Zahl der HIV-Neuinfektionen«, hatte Lothar H. Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, bereits anlässlich des letzten Welt-AIDS-Tages im Dezember 2018 unterstrichen.

Ähnlich formulieren es auch die Veranstalter des Kongresses »HIV im Dialog«, der am kommenden Freitag und Sonnabend im Roten Rathaus in Berlin stattfindet. Unter dem Motto »HIV-Stigma beenden, Zugänge zur sexuellen Gesundheit schaffen!« treffen sich bereits zum 20. Mal eine Reihe von Medizinern, Wissenschaftlern, Aktivisten aus Selbsthilfeorganisationen und andere Interessierte, um sich über Maßnahmen gegen die Immunschwächekrankheit auszutauschen.

»Durch Beratung und Aufklärung, Testangebote, Kondome, Schutz durch Therapie und Prä- und Postexpositionsprophylaxe kann für sehr viele Menschen ein effizientes kombiniertes Präventionspaket zusammengestellt werden«, geben sich die Organisatoren des Kongresses mit Blick in die Zukunft zuversichtlich. Mit diesem Maßnahmenpaket könnten auch die »90-90-90-0-Ziele« erreicht werden, um AIDS bis 2030 zu besiegen. Zur Erinnerung: Im Jahr 2014 hatte UN AIDS, das für die Behandlung von HIV-Infektionen und AIDS zuständige Programm der Vereinten Nationen, das 90-90-90-Ziel ausgegeben, welches beinhaltet, dass weltweit 90 Prozent der Menschen, die mit dem Virus infiziert sind, davon auch wissen sollen, 90 Prozent medikamentös versorgt werden sollen und dass bei 90 Prozent der Betroffenen die Viruslast im Blut unter der Nachweisgrenze sein solle, womit sie nicht mehr als infektiös gelten würden. Das 90-90-90-Ziel wurde mancherorts um die »Null« ergänzt, was für »null Diskriminierung« stehen soll.

Vor besondere Probleme sehen sich die Fachleute jedoch aufgrund der anhaltenden Stigmatisierung von HIV-Positiven gestellt, die »einen breiteren rationalen Diskurs über die Möglichkeiten eines effektiven Schutzes vor der Infektion« verhindere. »Die Bestrebungen der Rechten und konservativer Kräfte, bereits errungene sexuelle Freiheiten zurückzudrängen, Migrantinnen und Migranten zu bekämpfen und Menschen mit einem erweiterten Begriff von Genderidentität zu diffamieren, birgt die Gefahr eines Rückschlages auch in der HIV-Bekämpfung«, warnen die Kongressorganisatoren, zu denen unter anderem der Arbeitskreis AIDS der niedergelassenen Ärzte aus Berlin (AK AIDS), die Berliner AIDS-Hilfe und das Vivantes-Auguste-Viktoria-Klinikum zählen.

Von einem »beleidigenden Umgang« im Alltag berichteten neben Männern, die Sex mit Männern haben, vor allem Transpersonen, Menschen mit Fluchterfahrung oder Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter. »Der daraus resultierende Rückzug in immer kleinere, als sicherer empfundene Räume erschwert die Präventionsarbeit. In der Folge bleibt diesen Menschen der Zugang zu notwendigen Informationen versperrt, so dass neuere Schutzmöglichkeiten vor einer HIV-Infektion nicht genutzt werden können«, warnen die Fachleute daher. Insofern sehen sich die Kongressveranstalter in der Pflicht, mittels einer offensiven Vernetzung und Solidarität mit den besonders gefährdeten Menschen eine Möglichkeit zu nutzen, Stigmatisierung und Diskriminierung zurückzudrängen.

Thematisch bietet die Tagung in diesem Jahr ein breites Spektrum. So finden Impulsreferate, Workshops und Diskussionsrunden unter anderem zu Geschlechtervielfalt, sexuell übertragbaren Krankheiten wie Hepatitis und Syphilis und zur Versorgung für HIV-Positive im Land Brandenburg statt. Darüber hinaus wird das Thema »HIV und Alter« einen größeren Raum einnehmen. Dies ist auch notwendig, schließlich haben sich aus der gestiegenen Lebenserwartung von Infizierten neue Herausforderungen für Betreuungs- und Versorgungseinrichtungen ergeben. Statt ums Überleben würden sich die Fragen jetzt viel mehr um Lebensqualität und andere Themen drehen, etwa das gleichzeitige Bestehen mehrerer Erkrankungen, chronische gesundheitliche Einschränkungen als Folge der HIV-Infektion oder die antiretrovirale Therapie, also die medikamentöse Behandlung von HIV-Patienten, heißt es in der Ankündigung des entsprechenden Panels.

Auch zum Thema Drug-Checking, also der chemischen Analyse von Betäubungsmitteln, ist eine Expertenrunde geplant. Die Berliner Regierungskoalition hatte den Weg dafür freigemacht, dass Drogen zukünftig straffrei auf ihre jeweiligen Inhaltsstoffe überprüft werden dürfen, um Konsumenten vor möglichen Verunreinigungen und daraus folgenden Schäden zu schützen (jW berichtete). Diskussionsstoff dürfte also genügend vorhanden sein.

»HIV im Dialog«. Kongresseröffnung: Freitag, 30. August, 12 Uhr, Festsaal Rotes Rathaus. Die Teilnahme an der Tagung ist kostenfrei. Um Anmeldung wird gebeten. Informationen: www.hiv-im-dialog.de

HIV im Dialog: Ehrung für Martin Dannecker

Seit 2001 wird im Rahmen der Tagung »HIV im Dialog« der »Reminders Day Award« (ReD- Award) in Berlin verliehen, um Persönlichkeiten für ihr außerordentliches Engagement im Kampf gegen HIV und AIDS zu würdigen. In diesem Jahr wird der Sexualwissenschaftler Prof. Martin Dannecker für sein Wirken geehrt. Er habe zu jenen Menschen gehört, die »bereits zu Beginn der HIV-Epidemie in Deutschland in den frühen 1980er Jahren der neuen sozialen und politischen Stigmatisierung von schwulen Männern in Zeiten von AIDS den Kampf ansagte(n) und im nationalen AIDS-Beirat erfolgreich und unangepasst für den richtigen Umgang mit HIV/AIDS in der deutschen Gesundheitspolitik stritt(en)«, so die Kongressveranstalter. Zudem habe Dannecker »in kritischer Distanz ebenso wie mit Leidenschaft und dem Anspruch von dialektischer Wahrhaftigkeit die gesellschaftspolitischen Diskussionen um HIV/AIDS« stetig begleitet und »war der AIDS-Selbsthilfe ebenso wie der HIV-Medizin ein mahnendes, immer wieder auch widersprechendes Korrektiv«.

Seine 2019 unter dem Titel »Fortwährende Eingriffe« erschienene Sammlung von Aufsätzen und Vorträgen zur AIDS-Krise zeuge außerdem »von der tiefen Einsicht und unerschütterlichen Überzeugung, dass der Emanzipationsprozess schwuler Männer (…) nicht einfach in der sogenannten Normalisierung enden darf, sondern die unterschiedlichen Lebensentwürfe und sexuellen Lebensstile zu berücksichtigen« habe. Tatsächlich ist Danneckers Lebensleistung nicht zu unterschätzen. Er war 1971 Mitbegründer der »Roten Zelle Schwul« (»RotZschwul«) in Frankfurt am Main. Dannecker lieferte auch eine Reihe von Textpassagen zu Rosa von Praunheims legendärem Film »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt«. Danneckers Ehrung findet am 30. August um 18.30 Uhr im Festsaal des Roten Rathauses statt. (bern)

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