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Aus: Ausgabe vom 27.08.2019, Seite 1 / Titel
Israel gegen Iran

Iran im Fadenkreuz

Angriffe gegen Syrien, Irak, Libanon und Gaza. Israels Streitkräfte im »weltweiten Einsatz« gegen Teheran
Von Knut Mellenthin
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Auf der Suche nach dem nächsten »iranischen Ziel«? Israels Premier Benjamin Netanjahu auf einem Militärstützpunkt (Gaza, 20.10.2015)

Israel führt Krieg gegen »iranische Ziele«, wo immer sich diese befinden, hat Benjamin Netanjahu in den vergangenen Tagen bei mehreren Gelegenheiten verkündet. »Iran hat nirgendwo Immunität. Unsere Kräfte operieren in jeder Richtung gegen die iranische Aggression«, twitterte der Premierminister am späten Sonnabend. Am Donnerstag hatte er nach israelischen Angriffen auf Milizenstützpunkte im Irak dem israelischen Sender Channel 9 gesagt: »Wir handeln nicht nur, wenn es notwendig ist, sondern gehen auf sehr vielen Schauplätzen gegen einen Staat vor, der uns vernichten will. Selbstverständlich habe ich den Sicherheitskräften den Befehl und die operative Freiheit gegeben, alles zu tun, was nötig ist, um Irans Pläne zu stören. Und selbstverständlich führe ich einen weltweiten Einsatz gegen den Iran.«

Zuletzt hatten israelische Streitkräfte am Sonnabend ein »Ziel« in der Nähe der syrischen Hauptstadt Damaskus, am Sonntag »Ziele« in Beirut, der libanesischen Bekaa-Ebene und im Irak und während der Nacht zum Montag im Gazastreifen angegriffen. Am Sonntag drohte Netanjahu während eines Auftritts in dem seit 1967 besetzten, nach internationalem Recht zu Syrien gehörenden Golan-Gebiet, allen Nachbarstaaten: »Wir werden keine Angriffe von irgendeinem Land der Region auf Israel dulden. Jedes Land, das es zulässt, dass sein Territorium für Angriffe gegen Israel benutzt wird, muss die Folgen tragen. Ich betone: Der Staat wird die Folgen tragen.«

Die Wirklichkeit ist aber, dass es zwar vereinzelte Raketenabschüsse aus dem Gazastreifen, aber keine Angriffe aus dem Libanon und Syrien gegen Israel gibt. Insbesondere Iran hält sich völlig zurück. Ihrerseits prahlen israelische Militärs damit, sie hätten in fünf Jahren über hundert oder sogar mehr als tausend »iranische Ziele« in Syrien zerstört. Die erste Angabe machte der frühere Kommandeur der israelischen Luftwaffe, Amir Eschel, im August 2017. Das zweite behauptete der frühere Generalstabschef Gadi Eisenkot im Januar 2019.

Der israelische Raketenangriff vom Sonnabend auf mehrere »Ziele« im syrischen Dorf Aqraba wird offiziell damit gerechtfertigt, dass Angehörige der iranischen Revolutionsgarden und der libanesischen Hisbollah dort unmittelbar bevorstehende Drohnenangriffe gegen Israel vorbereitet hätten. Die Planung dafür habe schon vor Monaten begonnen und sei vom Leiter der Kuds-Truppe, General Kassem Soleimani, persönlich geleitet worden. Beweise für das Vorhaben – das äußerst dilettantisch gewesen sein müsste, falls die israelischen Erzählungen darüber stimmen – gibt es offenbar nicht.

Eine unmittelbare Folge ist jedoch, dass die israelische Regierung einen Mordbefehl der höchsten Dringlichkeitsstufe gegen Soleimani ausgesprochen hat. Anders lässt sich die Drohung, die Außenminister Israel Katz am Sonntag in einem Interview mit Ynet.news, der Onlineausgabe der Tageszeitung Jedi’ot Acharonot, äußerte, kaum verstehen: »Israel handelt, um den Kopf der Schlange zu treffen und ihr die Zähne auszureißen.« Die Schlange sei Iran, die Zähne seien Soleimani. Der Kuds-Chef twitterte als Reaktion, es bestehe kein Zweifel, »dass diese wahnsinnigen Operationen die letzten Kämpfe des zionistischen Regimes sein werden«.

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