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Aus: Ausgabe vom 24.08.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Nur ganz anders

Sommer 1989: Wie die Deutsche Demokratische Republik mein Land wurde
Von Ronald Weber
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Die DDR-Ruderin Kerstin Förster mit Fahne, der Autor mit Schild

Die Sonne brennt. Unter einem großen Baum steht eine Gruppe von Schülern. Es ist die Jahrgangsstufe acht des Albert-Schweizer-Gymnasiums in Marl. Heute wird auf dem schuleigenen Sportplatz geprobt. Einlauf in Formation. Dann herauslösen. »Langsam, Abstand halten, schön Abstand halten.« Ich stelle mir vor, wie es wohl am Ende aussehen wird, das Gesamtbild. Ein Boot soll es sein, Symbol des Zusammenhalts und der Gastfreundschaft. »Komm, wir bauen uns ein Boot …«

»Nicht träumen! Du musst gucken, dass du nicht zu nah an den Vordermann rankommst.« Mein Vordermann heißt Bianca. Sie ist das schönste Mädchen, das ich je gesehen habe. Bei der ersten Probe, das war noch im Mai, hat sie mir über den Kopf gestreichelt. Ein Knistern. Seitdem darf ich manchmal bei ihrer Gruppe stehen. Sie geben mir Süßigkeiten und lassen mich an ihren Gesprächen teilhaben: Wendy und New Kids on the Block. Bianca hat einen kurzen Pony und einen Pferdeschwanz, der beim Laufen wippt. Weil ich da immer hingucken muss, bin ich schon wieder zu schnell.

Vor der Rückfahrt nach Duisburg gehen Vater und ich Pommes essen. Ich habe das gut gemacht, müsse mich aber besser konzentrieren. »Na, das wird schon. Es wird ja noch dreimal geübt werden.« Er ist zufrieden und aufgeregt und auf eine seltsame Art und Weise durch den Wind. Es sind jetzt noch knapp zwei Monate bis zum Beginn der Weltsportspiele der Studenten. Dann kommen Tausende in unsere Stadt. Seit Ostern laufen die Vorbereitungen. In einer Hauruckentscheidung hat das Rathaus im März beschlossen, die Universiade auszurichten, nachdem São Paulo, wo die Sportveranstaltung eigentlich stattfinden sollte, kurzfristig abgesagt hatte. »Olympia ins Ruhrgebiet«, ein alter Traum der Verantwortlichen in Stadt und Land, schien mit einem Mal zum Greifen nah. Seitdem herrscht Ausnahmezustand, zumindest bei uns zu Hause. Weil mein Vater sich als Beamter der Stadtverwaltung wie viele andere freiwillig gemeldet hat, um die Spiele mitzuorganisieren, ist er ständig unterwegs. Er geht früh aus dem Haus und kommt spät heim, mit leuchtenden Augen, ein Sportfunktionär reinsten Wassers.

Gladbeck, Bottrop, Oberhausen. Auf dem Rückweg stehen wir auf der A 2 im Stau, Berufsverkehr. Radio Duisburg spielt David Hasselhoffs Sommerhit »Looking for Freedom«. Ich träume vor mich hin, denke an Bianca und wie wir alle aussehen werden in den lila-grünen Jacken, die wir nach den Sommerferien bekommen sollen. Als wir in Duisburg von der Autobahn fahren, ist es längst Mittag. Eigentlich sollte ich nach der Probe noch in die letzte Unterrichtsstunde gehen, doch dafür ist es nun zu spät. Etwas dösig stehe ich vor unserem Haus. Vater fährt weiter in die Innenstadt, die Fechtbahnen inspizieren oder irgendwie so etwas.

*

»Das passt doch überhaupt nicht«, sagt mein Onkel und zeigt mit der Kuchengabel auf mich. »Ausgerechnet die. Konntse da nicht nein sagen?« Wir sitzen im Garten unter dem Pflaumenbaum, der schon Früchte trägt, und feiern meinen neunten Geburtstag. »Lass doch den Jungen in Ruhe«, entgegnet meine Mutter. Sie steht auf und holt das Kuchenblech. »Will noch wer? Die Stachelbeeren sind dieses Jahr wirklich gut. Nach der Katastrophe letztes Jahr mit dem Mehltau habe ich ja schon gedacht …« – »Wie ist denn das zustande gekommen? Liegen da die Schilder auf einem Haufen und alle suchen sich eins aus?« »Komm, nimm noch ein Stück«, hält sie meinem Onkel den Kuchen etwas missmutig unter die Nase, aber der lässt sich davon nicht irritieren. Wieder stößt die Gabel in meine Richtung: »Nu sach doch mal!«

Seit ein paar Minuten geht das jetzt schon so. Vater hatte stolz berichtet, wie weit die Vorbereitungen gediehen seien, bis meine Tante die etwas langatmigen Ausführungen über die Unterbringungen von Sportlern und die besondere Eignung der Regattabahn in Duisburg-Wedau – »Da wird sich zeigen, wir könnten auch Olympia!« – unterbrach: »Jetzt lass doch mal den Jungen erzählen. Der sagt ja gar nichts. Was musst du denn dann da machen?« Da ich schon ein paar Verwandten von den Proben für die Eröffnung der Spiele hatte berichten müssen – einigen mehrmals, mit steigendem Alter schienen die Menschen Gefallen daran zu finden, sich Dinge öfter anzuhören –, spulte ich brav meinen Text ab. Choreographie, sagte ich (ein ganz neues Wort, das ich vor einem halben Jahr noch nicht gekannt hatte und das in meinen Ohren immer noch geheimnisvoll klang, nach Zeichnen und Bewegung, Mustern und Musik). Eröffnungsfeier, Einlauf, Begrüßung, Mannschaft, Delegation, Repräsentanten (auch so ein Wort, das mit Tanten komischerweise nichts zu tun hat, sondern mit Vertretung und Würde, damit, mehr zu sein, als man ist – »Ihr seid die Repräsentanten des Ruhrgebiets«, hatte der Choreograph gesagt, als wir uns zum ersten Mal trafen). Sportler aus aller Welt: USA, Frankreich, Italien, Spanien, Brasilien, Argentinien, Kuba, Polen, Ungarn, DDR …

Keine meiner Omas hatte es für nötig befunden, nachzufragen. Kein Nachbar hatte die Mundwinkel verzogen. Vielleicht waren sie auch einfach nur leicht irritiert über den Umstand hinweggegangen. Nicht so meine Tante.

»Die DDR?«

»Äh, ja.«

»Hör mal, Jupp, der Junge läuft da ins Stadion ein für die DDR.«

*

»Komm, wir bauen uns ein Boot, und wir fahren in eine neue Zeit. Wir fühlen unsere Stärke, und wir wissen, das Ziel ist nicht mehr weit.« Der offizielle Universiade-Song, mit dem die Spiele am 22. August eröffnet werden. Weltoffenheit und Schicksalsgemeinschaft, das Ruhrgebiet, der kranke Mann, wie er sich selbst sehen soll. »Was für eine Chance«, sagt Oberbürgermeister Josef Krings, und in der lokalen Mundart hört es sich an, als spreche er schon von den Winterspielen. »Was für eine Chance«, sagt der Landesvater Johannes Rau im etwas wärmeren Barmener Dialekt, staatsmännisch und einladend. »Was für eine Chance«, sagt der Manager Rudolf von Bennigs en-Fo er der von der Vereinigten Elektrizitäts- und Bergwerks AG, und es klingt sehr amerikanisch. Es geht voran, weiß der Initiator des jüngst aus der Taufe gehobenen Initiativkreises Ruhr, dessen Logo dem der Duisburger Universiade nicht ganz unähnlich sieht – ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Es muss vorangehen. Was für eine Chance, das Ruhrgebiet endlich in ein anderes, freundliches Licht zu tauchen. Noch ein Jahr zuvor waren die Bilder vom Streik in Duisburg-Rheinhausen um die Welt gegangen. Fast ein Jahrhundert hatten Kohle und Stahl die Region geprägt. Zuerst kam das Zechen-, dann das Hüttensterben. Dinosaurier aus Schrott, in der Landschaft verendete Tiere, groß und hässlich. Hunderttausende gingen gegen die Schließung der Krupp-Werke auf die Straße. Generalstreik, Demonstrationen, Verhandlungen. Am Ende die bittere Niederlage. Dazwischen – unvergessen – der Verrat der SPD-Landesregierung, die sich offiziell für den Erhalt der Stahlproduktion einsetzte, dem Krupp-Management aber längst hinter verschlossenen Türen Unterstützung zugesichert hatte.

»Was für eine Chance«, sagt Johannes Rau.

Unvergessen?

Komm, wir basteln uns ein Märchen: glückliche Spiele, glückliche Menschen. Nina Hagen und Udo Lindenberg sind schon fürs Rahmenprogramm gebucht.

Ob das in Huttrop und Steele, in Marxloh, Bruckhausen oder Sterkrade jemand interessiert? In Rheinhausen gar? Gesellschaftliche Wunden werden selten geheilt. Die Zeit geht über sie hinweg, und die alten Probleme verblassen angesichts der neuen und kommenden. Oder sie gehen in sie über. Vergessen aber werden sie nie, und oft kaut noch die nächste Generation an ihnen.

*

Leise fällt der dünne Regen auf die Tartanbahn. Der rote Kunststoff schluckt die Tropfen. Wir sitzen auf der überdachten Tribüne des Wedaustadions und warten. Die Generalprobe darf nicht ins Wasser fallen. Was heute nicht korrigiert wird, wird morgen schieflaufen. Am Himmel lösen sich die Regenwolken bereits auf, als sich Dieter vom Organisationskomitee neben mich setzt.

»Du bist immer noch zu schnell. Am besten, du zählst im Kopf durch. 45 Sekunden, das ist der Abstand den wir brauchen, dann erst läufst du los. Und dann ganz ruhig, Schritt für Schritt. Betrachte dich von außen. Die Leute wollen lesen, was auf deinem Schild steht. Wenn du denkst, du bist zu langsam, dann ist deine Geschwindigkeit genau richtig.«

Wir sind alle wahnsinnig aufgeregt. Wir werden unten in den Katakomben mit den Sportlern stehen. Mannschaft für Mannschaft, Land für Land wird aufgerufen werden. Und während sich auf dem grünen Rasen das symbolische Boot formiert, das uns am Ende alle aufnimmt, drehen wir im Stadion eine Runde. Vor 30.000 Menschen und den Fernsehkameras aus aller Welt.

»Und noch etwas. Ihr alle, ich habe das schon mehrmals gesagt, seid nicht nur Botschafter des Ruhrgebiets, sondern Deutschlands. Und du bist ein ganz besonderer Gastgeber, das musst du dir immer vor Augen halten. Denn die DDR-Bürger, das ist nicht Ausland, das sind ja … Landsleute, unsere Brüder und Schwestern von drüben. Du verstehst mich schon.«

Ich nicke.

»Landsleute, nur ganz anders als wir«, so hatte meine Mutter mir das auch erklärt, als ich sie zu Beginn des Sommers gefragt hatte. Aber wie anders, das konnte sie mir auch nicht sagen. »Wir kennen ja niemanden drüben. Ist halt ein anderes System, weniger Geld, weniger Freiheit.« Aber ich solle mir mal keine Sorgen machen, das seien bestimmt nette Leute.

Als die Probe vorbei ist, kann es den meisten gar nicht schnell genug gehen, nach Hause zu kommen. Auf die Marler wartet draußen auf dem Parkplatz schon der Bus. Ich suche Bianca, aber ich kann sie nicht finden. Sitzt sie schon drin? Ohne sich verabschiedet zu haben? Morgen ist der große Tag, zugleich der letzte. Ich weiß, dass wir uns nicht wiedersehen werden. Ich weiß, dass sie sich nicht für einen Neunjährigen interessiert. Sie wird die Dänen ins Stadion führen – und das war’s. Ich bin traurig, aber dem matten Gefühl der Aussichtslosigkeit mischt sich doch die Vorfreude bei. Der Sommer war ein Versprechen auf etwas Großes. Jetzt ist er fast vorbei, die Spiele stehen vor der Tür, und ich freue mich darauf. Morgen werde ich sie kennenlernen, meine Landsleute, die so anders sind, dass es mir keiner richtig erklären kann.

*

»Ich hätte auch gerne die USA gehabt. Ich meine, Australien ist schon o. k., aber die Amis sind halt irgendwie cooler.«

Lars zieht mit seinem Fuß kleine Halbkreise in den Kies. Wir warten darauf, dass unsere Eltern uns nach der Generalprobe abholen. Sein Vater arbeitet ebenfalls bei der Stadtverwaltung und hat ihn in den Kreis der Schüler geschummelt, die die Universiade eröffnen.

»Klar, Deutschland war sofort weg. Das hat Timos Vater einfach so entschieden. Bums, aus die Maus. Eigentlich voll ungerecht. Und du, bist du zufrieden? DDR ist voll ungeil, sagt mein Bruder.«

»Das heißt nicht DDR, sondern Deutsche Demokratische Republik. So steht es ja auch auf dem Schild«, sage ich. Ich bin langsam wirklich genervt, dass alle ständig die Deutsche Demokratische Republik runtermachen. Was soll das? Schließlich ist es mein Land, auch wenn ich es mir nicht ausgesucht habe.

*

Der 22. August 1989 ist ein warmer, sonniger Tag. Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees Juan Antonio Samaranch, früher Francisco Francos Mann für den Sport, trägt Sonnenbrille. Der Anzug ist ein wenig zu warm für das hochsommerliche Abendwetter. Neben ihm auf der Tribüne schwitzt Wil li Daume, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, ein ehemaliger Nazi (NSDAP-Mitgliedsnummer 6.098.980) und Informant des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS, Erbe einer Eisengießerei im Dortmunder Hafen, in der 65 Zwangsarbeiter für den Endsieg schuften mussten, der nicht kam. 1980 hatte sich Samaranch gegen Daume durchgesetzt, der ebenfalls ganz nach oben wollte. Die Herren mögen sich dennoch. Man stellt Kontakte her, man hält die Hand auf. Eine ehrenwerte Gesellschaft. Zu ihr zählt auch der Präsident des Leichtathletikweltverbandes Primo Nebiolo, erfolgreicher Bauunternehmer und Inspirator der ersten Universiade 1959 in Turin. Ob der ehemalige Partisan aus dem Piemont weiß, neben wem er da sitzt?

Unten auf dem Platz spielt die Band auf, laufen Schüler mit weißen, gelben, roten, grünen, blauen und schwarzen Tüchern umher. Sie sollen die Kontinente der Erde symbolisieren. In der Mitte auf dem Rasenplatz formiert sich das Boot. Zur Begeisterung der Zuschauer drehen die Schauspieler des seit jüngstem in Bochum ansässigen Musicals »Starlight Express« ihre Runden. Gerade sind die Bulgaren losgelaufen. Lars müsste mit den Australiern längst im Inneren des Boots angekommen sein. Wir stehen in den Fluren, alle sind nervös. Es dauert nicht mehr lange, dann bin ich dran.

»Ich find’s schön, dass wir ’nen Ronny gekriegt haben. Ich darf doch Ronny sagen, oder? Da fühlt man sich wie zu Hause.« Claudia Krüger lächelt mich freundlich an. Ich lächle zurück, was offenbar als Zustimmung verstanden wird. »Ronny also. Hört mal Leute, das ist Ronny.« Die Ruderin stellt mich dem Rest der Mannschaft vor. »Seid ihr bereit? In fünf Minuten, um viertel sieben geht’s los.«

*

Natürlich bin ich zu schnell. Kaum ist Bianca losgelaufen, renne ich schon hinterher. Die 45 Sekunden habe ich in einem Affenzahn runtergezählt. Der Sprecher sagt die Deutsche Demokratische Republik an, aber da bin nur ich, ich und mein Schild. Einer der Koordinatoren am Rand gibt mir Zeichen. Ich solle auf der Stelle laufen. Es dauert eine Weile, bis endlich die DDR-Mannschaft da ist. Irgendwann spüre ich sie hinter mir. Aber nun bin ich vollends eingeschüchtert und laufe zu langsam, so dass die Doppelvierer-Olympiasiegerin Kerstin Förster, die die Fahne mit dem Ährenkranz schwingt, beinahe in mich hineinläuft. Es ist einer der bewegendsten Momente meiner Kindheit, und ich mache alles falsch. Zu schnell, zu langsam. Wo ist die Mitte? Wie soll man gehen? Mit der Zeit aber finde ich den richtigen Rhythmus. Jetzt klappt alles. Die Zuschauer jubeln, und als wir endlich im Bauch des Bootes ankommen, klopfen mir die Sportler auf die Schulter und loben mich.

Als mit Simbabwe das letzte Team den Rasen erreicht hat, verstummt das Orchester. Oberbürgermeister Josef Krings tritt ans Mikrofon. Das mit Tüchern angedeutete Boot sei ein »Symbol für die Einheit der Welt«, und er freue sich, dass diese nun auf Duisburg schaue, das alle Sportlerinnen und Sportler herzlich willkommen heiße. »Glück auf!« Tosender Applaus. Anschließend eröffnet Bundeskanzler Helmut Kohl – auf der besagten Tribüne, neben besagten Herren – die Spiele. Ein kurzes Pfeifen ist zu hören. Der Kanzler, der uns allen durch die Unbilden der Geschichte noch fast zehn weitere Jahre erhalten bleiben wird, ist nicht beliebt. Die Entourage wirft sich Blicke zu, flatternd. Aber dann setzt der Applaus ein. Heide Ecker-Rosendahl, Olympiasiegerin 1972 in München, läuft mit der Fackel ins Stadion, die eine Woche lang von Hand zu Hand durchs Ruhrgebiet getragen worden ist. Mögen die Spiele beginnen.

*

Erinnerungen sind trügerisch. Was ist echt, was durch ständiges Erzählen verformt, übermalt – durch die Bilder der Medien? Unvergessen der Blick ins Stadionrund, das Kribbeln zwischen den Schultern, das Schild in meiner Hand. Unvergessen Gabriele Reinsch. Zwei Drehungen, und der Diskus fliegt. 65,20 Meter, nur zwölf Zentimeter hinter Hou Xuemei aus China. Und am letzten Tag Silke Renk im Speerwerfen mit fast vier Metern Abstand auf Platz eins vor Brigitte Graue aus der Bundesrepublik. Am Abend unterschrieb sie auf meinem T-Shirt, wie alle anderen Mitglieder des kleinen DDR-Teams. Eine Erinnerung, die ein paar Jahre später im Übereifer in der Waschmaschine landete, für immer verloren.

Für immer verloren wie das Land, das ich nie betreten, nur getragen habe. Am selben Tag, als Gabriele Reinsch ihren Diskus in den westdeutschen Himmel schleudert, landen der ungarische Ministerpräsident und der Außenminister in Köln. 70 Kilometer südlich des Wedau­stadions treffen sie im Gästehaus der Bundesregierung auf Schloss Gymnich mit Kanzler Kohl und Außenminister Genscher zusammen. Wo Erich Honecker zwei Jahre zuvor bei seinem Staatsbesuch im Glauben, nun sei die DDR anerkannt und über den Berg, übernachtete, erfolgt die Kreditzusage. 500 Millionen harte Mark, dafür fällt die ungarische Grenze für die DDR-Bürger noch im September. Als Silke Renk am 30. August, dem letzten Tag der Universiade, ihren Speer wirft, ist die DDR schon Geschichte. Der Weg in den Westen ist frei. Die Flüchtlinge jubeln. Es wird ein langer Weg.

*

»Glück auf!« rief Josef Krings den Zuschauern zu. Heute weiß ich, wie nos­talgisch, wie unangebracht die Grußformel damals war, war doch das Ruhrgebiet längst fahrtlos geworden wie der Bergmann, der sich im Schacht verirrt. »Der Osten des Westens« heißt es jetzt manchmal. Der Osten, die Armut, abgeschnitten, weggeschaltet. In Duisburg sprechen sie noch heute von Dunkeldeutschland – erhaben im Dreck. Von wegen »Brüder und Schwestern«.

*

Ob mir die DDR gefallen hätte? Vielleicht. Ich wäre gerne hingefahren. Ich führe heute noch gerne hin.

»Na, wie war’s?« fragt mein Vater, als er mich am Abend des 30. August 1989 abholt. »Schön«, sage ich ein wenig wehmütig. »Sehr, sehr schön.«

Ronald Weber, geboren 1980 in Duisburg, ist Thema-Redakteur der jungen Welt. Bei der Sommeruniversiade 1989 war er Schildträger der Deutschen Demokratischen Republik.

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