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Aus: Ausgabe vom 24.08.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Das Harlem Cultural Festival

»Black Woodstock«

Afroamerikanische Kultur mitten im New York des August 1969: »Das populärste Musikfestival, von dem man nie etwas gehört hat«
Von Jürgen Heiser
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Schon am ersten der insgesamt sechs Sonntage strömten rund 60.000 Menschen in den Mount Morris Park und lauschten unter anderem Sly and the Family Stone beim »Harlem Cultural Festival« (New York, 29.6.1969)

Die Vereinigten Staaten von Amerika im August 1969. Ein ziviler Hubschrauber überfliegt langsam die große Zuschauermenge eines Open-Air-Musikfestivals. Schließlich setzt der Pilot auf einem baumlosen Hügel des weiträumigen Geländes zur Landung an. »Massen von Kindern kletterten die Hänge zu uns hinauf«, beschrieb später einer der Insassen die stürmische Begrüßung durch die jüngsten Festivalbesucher. Doch halt – wer jetzt denkt, hier werde einmal mehr über die seit fünfzig Jahren für den bürgerlichen Mainstream so legendäre »Woodstock Music and Art Fair« der »amerikanischen Hippies« geschrieben, die kürzlich in den USA und Europa erneut abgefeiert wurde, irrt – hier wird die Geschichte des »Harlem Cultural Festival« erzählt.

In dem Hubschrauber saßen zwei Absolventen der Yale University. Der eine war John Lindsay, Bürgermeister von New York City. Der andere, August Heckscher, war sein neu berufener Dezernent für die städtischen Park- und Freizeitanlagen. Der smarte Republikaner Lindsay, der Jahre später zu den Demokraten konvertierte, wollte die Probleme »seiner Stadt« in den Griff kriegen. Die Bürger sollten wieder stolz sein auf den Big Apple. Für sein Projekt »Fun City« kurbelte Lindsay das kulturelle Leben an – mit Theater und Klassikkonzerten für die einen und kostenlosen Happenings in öffentlichen Parks für die anderen. Und weil ihm an einer besserer Integration sogenannter Minderheiten wie der Schwarzen und der Puertoricaner gelegen war, besuchte er regelmäßig zu Fuß ihre Wohnviertel, machte Shakehands und beteiligte sich an Märschen der Bürgerrechtsbewegung. Dass er sogar vorschlug, wegen der Klagen schwarzer Bürger über Polizeigewalt einen Beschwerdeausschuss für polizeiliche Übergriffe einzurichten, führte zu mieser Stimmung und Ablehnung im Polizeikorps, auch wenn das Projekt letztlich am Wählerwillen in den besseren Vierteln scheiterte.

Vom Helikopter aus und beim Bad in der Menge wollten sich Lindsay und sein Dezernent ansehen, was Tony Lawrence, Nachtklubsänger und Mitarbeiter der städtischen Park- und Freizeitabteilung, auf die Beine gestellt hatte. Lawrence hatte sich schon in den Sommern 1967 und 1968 mit kleinen, aber feinen Konzertveranstaltungen in Harlem einen Namen gemacht. Für 1969 hatte der Bürgermeister ihm grünes Licht gegeben, »etwas Großes« zu inszenieren. Der Plan: Im weitläufigen Mount Morris Park im Herzen von Black Harlem sollte Lawrence eine Konzertreihe für die schwarze Bevölkerung organisieren. Seit der Ermordung Martin Luther Kings im April des Vorjahres herrschte Unruhe in dem New Yorker Bezirk. Die Lage war längst nicht mehr so explosiv wie direkt nach dem rassistischen Attentat auf King in Memphis, Tennessee, aber die Spannungen blieben. Zu deren Milderung wollte Lindsay beitragen, aber der Sommer 1969 stand für ihn auch im Zentrum eines wichtigen Wahljahrs. Dezernent Heckscher, von dem die Beschreibung der Helikopterlandung stammt, hielt in seinen schriftlichen Aufzeichnungen fest: »Zu dieser Zeit befand sich John Lindsays Popularität auf dem Höhepunkt. Für viele junge Schwarze war er ein Held.«

Verleumdetes Großereignis

Doch auch der cleverste Bürgermeister hat die Dynamik gesellschaftlicher Dialektik nicht in der Hand. Lawrence erinnerte sich später, »die fieberhafte politische Atmosphäre der damaligen Zeit« habe das von der Stadt gesponserte Festival nicht unberührt gelassen. Sein unmittelbarer Chef, Dezernent Heckscher, finanzierte zwar das Ereignis und hatte den Kaffeeröster Maxwell House, eine Tochter von General Foods, als Sponsor gewinnen können. Indes stellte er in einer Presseerklärung seines Amtes heraus: »Die Stadt ist jedoch genausowenig Veranstalter des Festivals wie General Foods. Wir unterstützen es nur. Das Harlem Cultural Festival gehört den Harlemites. Es ist der Ausdruck der vielen Elemente – der Seele, wenn Sie so wollen – verschiedener Kulturen, aus denen die Gemeinschaft Harlems besteht.« Und die Harlemites machten das Beste aus dieser Gelegenheit. »Die Atmosphäre war sehr politisiert«, erinnerte sich jüngst der Journalist Stuart Cosgrove in einem Interview mit der britischen Wochenzeitung Socialist Worker, das unter der Überschrift »Harlem 1969 – ein vergessenes Festival der Unterdrückten« veröffentlicht wurde. Die US-Dokumentarfilmerin Jessica Edwards bezeichnete das von Tony Lawrence in Kooperation mit der afroamerikanischen Musikszene und der schwarzen Bürgerrechtsbewegung organisierte »Harlem Cultural Festival« als »das populärste Musikfestival, von dem man nie etwas gehört hat«. Viele bedauern schon länger, dass der US-Filmproduzent Hal Tulchin, der das Festival durch mehrere Teams dokumentieren ließ, die Aufnahmen bis heute »nicht kommerziell genutzt« habe. Der Bürgerrechtler Bryan Greene sah es eher als politisches Problem an: »Der Hauptgrund, warum wir einen Film über das Harlem Cultural Festival brauchen, ist, zu dokumentieren, dass da eine Gemeinde an einem Scheideweg stand. Sie stand unter Stress, war aber voller Hoffnung, und ihre Einheit hatte sich nicht aufgelöst.«

Von Beginn an als »Free Concert« geplant, fand das Harlemer Festival an sechs Sonntagen zwischen dem 29. Juni und 24. August 1969 im Mount Morris Park statt. Es war dem Hype über jenes andere parallel an drei Tagen im August stattfindende Woodstock-Festival geschuldet, dass die Harlemer Veranstaltungsreihe auch den Beinamen »Black Woodstock« erhielt. Allerdings nur in den schwarzen Gemeinden, denn offizielle Nachrichten über dieses sechswöchige Ereignis kamen über die Lokalseiten der New York Times nicht hinaus. Ganz zu schweigen von nationalen oder internationalen Medienkanälen. In ihnen fand »Black Woodstock« einfach nicht statt – bis heute.

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Ob Stevie Wonder, Nina Simone oder B. B. King: Freier Eintritt und hochkarätige Künstler und Künstlerinnen aus allen Genres schwarzer Musik verdrängen für kurze Zeit den von Rassismus geprägten Alltag

Das lag nicht an zu geringen Besucherzahlen, denn nach Angaben der Mitwirkenden – und bestätigt von der »alten Tante« New York Times – strömten mehr als 300.000 Menschen an den sechs Sonntagen zusammen und lauschten auf der Hauptbühne und den zahlreichen, zum Teil spontanen Veranstaltungen auf Straßen und Plätzen in der Umgebung des Parks den herausragenden musikalischen Entertainern schwarzer Musik von Blues, Rhythm and Blues und Rock über Gospel, Jazz, Soul und Funk bis zu den Urformen des noch embryonalen Rap. Sly and the Family Stone, die auch im Bethel-Woodstock auftraten, zogen schon am ersten Sonntag, dem 29. Juni, 60.000 Leute an. Es folgten B. B. King, Abbey Lincoln and Max Roach, Chuck Jackson, The 5th Dimension, Gladys Knight and the Pips, Nina Simone, Stevie Wonder, The Staple Singers, Moms Mabley, Mahalia Jackson und viele andere. Sie zogen ein massenhaftes Publikum aller Altersklassen, Familien und alle Fraktionen der schwarzen Freiheitsbewegung und ihrer Verbündeten weit über die Stadt hinaus an. Viele internationale Stars, an deren Sound sich geschundene Seelen laben konnten, waren also gekommen. Den Medien waren sie sehr wohl bekannt, ihre Platten wurden auch von weißen Fans gehört und geschätzt. Am mangelnden Bekanntheitsgrad der Musikerinnen und Musiker kann die öffentliche Ignoranz gegenüber dem Großereignis somit auch nicht gelegen haben. Der schwarze Folksinger Richie Havens fungierte sogar objektiv als Bindeglied zum »anderen Woodstock« im ländlichen Norden des Bundesstaats New York. Nach seinem Auftritt in Harlem wurde er per Helikopter nach Bethel geflogen.

Allgegenwärtiger Rassismus

Es gab nur einen Grund, warum die Welt sich nicht für das Festival in New York City interessierte: Es fand in Black Harlem statt, und die Massen, die sich an der Musik erfreuten, waren fast ausschließlich schwarz. Wenige Jahre später besangen Bobby Womack und seine Peace Band in ihrer Soulballade »Across 110th Street« den wahren Grund für diese Art Ignoranz. Die 110. Straße markiert die virtuelle Grenzlinie zwischen dem südlichen Black Harlem einerseits und dem Viertel Manhattan Valley und dem Central Park North andererseits. Womack and Peace besangen die Tatsache, dass sich die gesellschaftliche Lage der afroamerikanischen Bevölkerung seit ihrem Aufbegehren in den 1960er Jahren kaum verändert hatte. Die Kämpfe dieses Jahrzehnts hatten mit »Black Power« und »Black is beautiful« zwar das Selbstbewusstsein der Unterdrückten gestärkt, aber der Rassismus vergiftete weiter alle Lebensbereiche. Dazu kamen Armut, Verwahrlosung ganzer Stadtteile, Drogen, Prostitution und der Zwang zum Kriegsdienst in Vietnam. »Der Versuch, aus dem Ghetto auszubrechen, war ein täglicher Kampf«, klagte Womack die US-Gesellschaft an und erklärte Harlem zur »Hauptstadt aller Ghettos«, weil »in all diesen Städten der gleiche Niedergang« herrsche.

Im Sommer 1969 war Harlem eine Stadt in der Stadt. Mehr als neunzig Prozent der Bevölkerung waren schwarz. Und sie waren verbittert. Erst der tödliche Kugelhagel gegen den Bürgerrechtsaktivisten Malcolm X im Februar 1965 nicht weit vom Festivalort entfernt, dann die Ermordung Martin Luther Kings. Zwei herausragende Ereignisse, die für viele Harlemites bedrückend und mobilisierend zugleich waren. Unter anderem trat die »Black Panther Party for Self-Defense« organisiert gegen Rassismus und Polizeigewalt auf und unterstützte das Festival. Da die Truppen des New York Police Department (NYPD) ihrem Bürgermeister nur zögerlich folgten und das Festival nicht schützen wollten, sondern nur die Teams des Fernsehsenders CBS, sprangen die Black Panthers als Sicherheitsdienst ein. Zudem fanden sie die Gelegenheit günstig, auf dem Festival Spenden für die Verteidigung der »Panther 21« zu sammeln. 21 Mitglieder der Partei waren bei einer großangelegten Polizeirazzia des NYPD verhaftet worden und standen zu dieser Zeit vor Gericht. Die Anklage: Sie hätten geplant, anlässlich des ersten Jahrestages der Ermordung Kings Polizeireviere und öffentliche Gebäude mit Bomben anzugreifen. Viele Harlemites pfiffen auf die Propaganda gegen die Panthers und schätzten deren Ordnerdienst, der dafür sorgte, dass alles friedlich blieb. Die Stimmung in Harlem war kämpferisch.

Politisches Signal

Wie politisch dieses Festival war, zeigte sich am Auftritt Nina Simones, die wegen ihrer Konzerte für die Bürgerrechtsbewegung und ihrer Solidarität mit den Black Panthers immer wieder ins Kreuzfeuer der Medien geriet. Sie sang ihren Song »Revolution«, um die Dringlichkeit der Bewegung und die Notwendigkeit grundlegender Veränderungen auszudrücken. Ursprünglich wollte sie mit ihrem Lied den gleichnamigen Song der Beatles konterkarieren, einen distanzierenden Abgesang der Liverpooler auf die sozialrevolutionären Bewegungen der 1960er Jahre. »Es geht um mehr als Evolution«, entgegnete Simone den britischen Popkollegen. »Pustet mal euer Hirn durch und macht euch klar, dass wir nur aufsteh'n können, wenn ihr endlich euren Fuß aus unserem Genick nehmt!« Und mit einem Gedicht der Last Poets gab sie einen Lehrsatz von Malcolm X mit auf den Weg: »By any means necessary«, also mit »allen notwendigen Mitteln«, müsse der Befreiungskampf geführt werden. »Seid ihr bereit, ihr Schwarzen?« fragte sie die Menge. »Seid ihr bereit zu tun, was notwendig ist? Seid ihr bereit, Sachen der Weißen zu zertrümmern, Gebäude in Brand zu stecken, seid ihr dazu wirklich bereit? Seid ihr bereit, etwas für Schwarze aufzubauen?«

Am 24. August 1969, wie die anderen Festivaltage auch ein Sonntag, ging das »Black Woodstock« von Harlem zu Ende. 1970 gab es keine Fortsetzung des Festivals im Mount Morris Park. Der New Yorker Arzt Joseph Harris, 1969 Mitglied der Black Panther Party in Harlem und heute seit vielen Jahren Vertrauensarzt des Expanthers und politischen Gefangenen Mumia Abu-Jamal, erinnert sich an damals: »Das erste, was die von der Stadt nach ’69 sagten, war: ›Das wird es nicht noch mal geben. Aber wir werden für euch ein Schwimmbad bauen!‹ Jahre später wurde tatsächlich eine riesige Freibadanlage gebaut, und zwar genau auf dem Gelände, wo sich damals die größte Zuschauermenge des Festivals versammelt hatte.« 1973 widmete die Verwaltung der Park- und Freizeitanlagen den Mount Morris Park um und nannte ihn fortan Marcus Garvey Park, in Erinnerung an den in Jamaika geborenen und später in New York lebenden panafrikanischen Aktivisten. Analog erhielt das Freibad offiziell den Namen Marcus Garvey Pool. Ein später, symbolischer Sieg der Black-Power-Bewegung vielleicht, aber laut Harris ließ die konservative Reaktion in den 1970er Jahren alle zentralen Versammlungsorte in Harlem beseitigen. In jenem Jahrzehnt verließ auch Nina Simone, die mitreißende Protagonistin des Festivals von 1969, die USA für immer. Wenige Jahre vor ihrem Tod – sie starb 2003 in Frankreich – kommentierte sie ihren Schritt ins Exil: »Ich bin gegangen, weil ich nicht das Gefühl hatte, dass die Schwarzen bekommen würden, was ihnen zusteht. Und das glaube ich auch immer noch nicht.«

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