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Aus: Ausgabe vom 24.08.2019, Seite 11 / Feuilleton
Erste Hilfe

Ist es heilbar?

Rassismus – das können Sie tun
Von Hannes Klug
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Gedenkfeier für die Terroropfer des Anschlages im neuseeländischen Christchurch auf dem Tempelhofer Feld (17.3.2019)

Diagnose: Rassismus

Rassismus ist eine tiefgreifende Störung der Wahrnehmung. Die Hauptsymptome sind Wahnvorstellungen wie Verfolgungswahn und eine stark verzerrte Sicht der menschlichen Umgebung. Oft werden diese durch die irrtümliche Vorstellung verursacht, augenfällige biologische Merkmale wie etwa die Farbe der Haut ließen auf tieferliegende Unterschiede in Charakter oder Fähigkeiten verschiedener Menschengruppen schließen, woraus ein falsches Werturteil abgeleitet wird. In der Regel geht die Abwertung anderer mit der Aufwertung eigener Merkmale einher, die das individuelle Selbstempfinden wahnhaft verbessert.

Symptom: Wahnvorstellungen

Die Wahnvorstellungen bei Rassismus können unterschiedlich ausfallen. Häufig leiden die Patienten unter Verfolgungswahn: Sie sind fest davon überzeugt, dass sie von anderen Menschen bedroht werden und diese ihnen Schaden zufügen wollen. Viele Patienten mit Rassismus glauben, dass sie in ihrem Wohnort oder in ihrer »Heimat« belästigt oder bedrängt werden. Manche fühlen sich auch von Menschen anderer Hautfarbe verfolgt. Dabei handelt es sich um paranoide Täuschungen, bei denen etwas wahrgenommen oder gedacht wird, das nicht existiert. Dennoch halten Rassismuspatienten diese Wahrnehmungen für real.

Was tun bei Aggression?

Neben den Wahnvorstellungen entwickeln Rassismuspatienten häufig Zorn und Angst. Sie sind oft unruhig und streitsüchtig. In vielen Fällen werden die Patienten auch gewalttätig. In diesem Fall sollten Angehörige oder Zeugen sofort einschreiten oder Hilfe holen. Aggressive Rassisten mit Worten zur Vernunft bewegen zu wollen ist zwecklos. Dies gilt insbesondere, wenn Patientengruppen sich in ihren Wahnvorstellungen gegenseitig bestärken und gemeinsam auftreten. Besteht aufgrund des Rassismus eine akute Gefahr für andere Menschen, kann die Anwendung physischer Zwangsmaßnahmen notwendig werden. Die Polizei oder andere »Sicherheitsorgane« einzuschalten kann jedoch die Notsituation verschlimmern. Täter und Opfer können durch einen tief verankerten institutionellen Rassismus verwechselt oder vertauscht werden, was die Aufklärung rassistischer Straftaten erschwert oder sogar verhindert.

Achtung, ansteckend!

Aufgrund seiner großen Verbreitung ist Rassismus nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Problem, das oft verkannt wird. Zudem versuchen Rassisten, Dritte durch erfundene Argumente und rhetorische Finten vom Realitätsgehalt ihrer Wahnideen zu überzeugen. So stellen Patienten zwischen unzusammenhängenden Phänomenen oder Ereignissen irrige Beziehungen her und interpretieren diese falsch, teilweise unter völliger Verkennung von Fakten. Dies geht so weit, dass sie Parteien gründen und ihre Ideen in der Öffentlichkeit vortragen, oft unter Zustimmung anderer Patienten. Hier ist Vorsicht geboten, denn arglose Zuhörer, die nicht immun sind, sollen so angesteckt werden. Achtung, Rassismus ist übertragbar! Als geeignete Mittel, um gegen eine drohende Ansteckung vorzubeugen, gelten schulische Bildung und Austausch mit anderen Kulturen.

Rassismus: Prognose

Viele Patienten und Angehörige beschäftigt vor allem eine Frage: Ist Rassismus heilbar? Die Antwort darauf ist nicht ganz einfach. Manche Rassisten kehren irgendwann in einen gewöhnlichen Alltag zurück. Rassismus kann aber auch chronisch verlaufen – mit dauerhaften Beeinträchtigungen und anhaltender sozialer Aggression. Aufgrund mangelnder Einsicht in das eigene Krankheitsbild haben viele Patienten eine schlechte Prognose. Grundsätzlich ist die Abstinenz von Alkohol dringend anzuraten. Zusätzlich sollten Patienten psychosoziale Maßnahmen in Anspruch nehmen. Auch therapeutische Hilfe kann nicht schaden. Das verbessert den eigenen Umgang mit der Erkrankung und hilft, mögliche auslösende Stressfaktoren zu erkennen und zu beseitigen. Auch die Teilnahme an Integrationskursen für Rassisten kann den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen.

Betroffene unterstützen

Besondere Aufmerksamkeit verlangt die Unterstützung der Betroffenen rassistischer Gewalt. Kompromisslose Solidarität mit den Opfern von Rassismus als Maxime gesellschaftlichen Handelns, verbunden mit einer konsequenten Benennung rassistischer Wahnvorstellungen und deren unerbittlicher gesellschaftlicher Ächtung kann den Rassismus auf lange Sicht eindämmen. Denn merke: Viele abergläubische Vorstellungen des Mittelalters, die lange Bestand hatten, erscheinen uns heute absurd.

Debatte

  • Beitrag von Joel K. aus G. (25. August 2019 um 10:53 Uhr)
    Rassismus als Geisteskrankheit zu beschreiben ist eine gefährliche Pathologisierung von Bewusstseinsinhalten. Gleiches kann man auch über Antisemitismus lesen. Menschliches Denken ist frei, auch Fehler und Falsches zu denken! Das ist nicht krank, sondern eine ganz normale Option. Im Bewusstsein wird Realität aus Erfahrungen, Wissen und gewichteten Bedeutungszuweisungen konstruiert. Hier wirken Bildung und Kulturaustausch nur dann positiv, wenn es humane Bildung und gute Kontakte sind.

    Im evolutionären Erbe sind auch pauschalisierende Denkschablonen enthalten, so dass äußere Merkmale zu Gruppen- und Feindbilddenken verleiten. Das bedeutet Narzissmus der eigenen Gruppe gegenüber und Verachtung für die andere Gruppe. Jeder Konflikt wird als Beleg für das Feindbilddenken genommen, dabei sind Konflikte zwischen Fremden durchaus auch normal und müssen nicht das Ende, sondern können – konstruktiv gedacht – der Anfang einer Beziehung sein. Die verbreitete Trägheit, den gewohnten Zustand zu präferieren (Status-quo-Bias), wird als Unwille rationalisiert, sich an der Integration von Fremden aktiv zu beteiligten. Aus Angst vor dem Fremden wird Assimilation statt Integration erwartet – also das Verschwinden von Fremdheit, nicht die Koexistenz mit Fremdem.

    Neue Ideen kommen oft erst durch den Wechsel der Generationen zur Geltung. Falsche und inhumane Einstellungen werden aber auch tradiert. Damit die Vernunft die Dinge zu einer adäquaten Abbildung der Realität ordnen kann, ist ein sicheres Umfeld wichtig, in dem kein emotionaler Ausnahmezustand den Verstand lähmt. Sicherheit für alle gibt es nur im Komplettpaket, das Sicherheit von Leben, Wohnung, Bildung, Arbeit, Gesundheit und Alter umfasst.

    Das ist der Knackpunkt: Viele laufen zur AfD, weil sie glauben, die Flüchtlingsaufnahme seit 2015 sei »linksgrünes Gutmenschentum«. In Wirklichkeit – »cui bono?« bzw. »Folge dem Geld!« – ist es ein bürgerlich-rechtes Programm. Das deutsche Kapital benötigt die billigen Arbeitskräfte für den Billiglohnstandort Deutschland, junge Beitragszahler schieben die Verteilungsfrage in der Rentendebatte auf, und eine Handvoll Unsicherheitsfaktoren legitimieren den Ausbau des Überwachungsstaates, womit künftige soziale Unruhen kontrollierbar werden. Linke täten also gut daran, zu erkennen, dass sie unter »offene Grenzen« etwas völlig anderes verstehen als Merkel und Co. Leider sind dem Establishment viele auf den Leim gegangen.

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