Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 23.08.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Halb Mensch, halb Geranie

Torkelnde Thüringer: Carolina Hellsgårds kitschiger Zombiefilm »Endzeit«
Von André Weikard
03_ENDZEIT © Anke Neugebauer _Grown Up Films_ZDF.jpg
Und sie sind verdammt schnell: Vivi (Gro Swantje Kohlhof) auf der Flucht

Nicht jeder, der Kunst machen will, muss 7.000 Eichen pflanzen wie einst Joseph Beuys. Nicht jeder, der einen Berg besteigen will, muss auf den Mount Everest. Und B-Movies mit ihrer Schnoddrigkeit, plumpen Dialogen und häufig hanebüchener Handlung können ziemlich viel Spaß machen. Erst recht Filme des Horror-Zombie-Splatter-Genres. Was sich Carolina Hellsgård da als »feministischen Zombiefilm« zurechtgedacht und zwischen Weimar und Jena angesiedelt hat, ist allerdings kein fröhlich-gruseliges Anarcho-Kino, sondern ein esoterisch-verkopftes Roadmovie in der thüringischen Provinz.

Zwei junge Frauen, die lethargische Vivi (Gro Swantje Kohlhof) und die kämpferische Eva (Maja Lehrer), schlagen sich zu Fuß durch eine von Untoten bevölkerte Landschaft. Die eine, um ihre kleine Schwester wiederzufinden, die andere, um in Jena das erhoffte Gegengift gegen das Zombievirus zu bekommen, das sich durch ihre Adern frisst.

Womit wir beim Hauptthema wären: fressen. Die untoten Thüringer haben einen unstillbaren Appetit. Sie geifern torkelnd – aber sie sind verdammt schnell. Ein ums andere Mal müssen die ungleichen Frauen Türen verrammeln, außer Reichweite klettern oder sich der zudringlichen Monster mit Spatenhieb und Machete erwehren. Klar, so kennt man’s aus »The Walking Dead« und unzähligen Zombiefilmen. Genretypisch überzeichnet ist auch der Gegensatz von Vivi und Eva. Die eine mit straffem Zopf und Nahkampffähigkeiten ein unverkennbarer Lara-Croft-Klon, die andere ein suizidaler Zottelkopf mit verblasstem roten Haar und dauerweinerlichem Gesichtsausdruck.

Dass die Finanzierung durch die Mitteldeutsche Medienförderung es anscheinend nötig macht, in gewohnt-unsinniger »Tatort«-Manier zwischen Blutlache und touristischer Sehenswürdigkeit – in diesem Fall Zombie hinter Maschendrahtzaun und Goethe-Schiller-Denkmal – hin- und herzuschneiden, macht die Sache freilich nicht unterhaltsamer. Richtig seltsam wird »Endzeit« indes, sobald Trine Dyrholm in ihrer Rolle als »Gärtnerin« auftritt. Die mystische Blonde kann Tote mit Zaubertomaten wiederbeleben, zum Zeichen ihrer Verbundenheit mit der Natur wachsen der Mutante Blümchen aus der Schädeldecke. Vor allem gibt das Fabelwesen – halb Mensch, halb Geranie – derart wirre Prophezeiungen von sich, dass man sich fragen muss, ob das Wurzelwerk der schmucken Kopfbepflanzung sich nicht etwas zu tief ins Hirn gegraben hat. »Wir sind auf diesem Planeten nur ungebetene Gäste und müssen jetzt gehen«, heißt es einmal, und: »Die Erde ist eine kluge, alte Frau, und die Menschen haben lange keine Miete gezahlt. Das ist die Räumungsklage.«

Mit dem Bild der Vermieterin, die gewaltsam Eigenbedarf anmeldet, plädiert der Film dafür, dem Ende der Menschheit auch Positives abzugewinnen. CO2-Reduktion mal konsequent zu Ende gedacht. Eva, mitten in der Ökomorphose zum grünen Zombie und dem Namen nach Prototyp des neuen Menschen, lobt das Massensterben denn auch als »Chance«. Und so ist es nur konsequent, wenn die beiden Wanderinnen am Ende, als sie ihr Ziel Jena endlich erreicht haben, der Stadt den Rücken zukehren und zurück ins Grüne marschieren, Seit’ an Seit’ in den Sonnenuntergang hinein.

»Horror muss nicht hässlich sein«, lässt sich Filmemacherin Hellsgård im dpa-Interview zitieren. Mag sein. Die völlig ironiefreie Vermengung von Splatter und Kitsch jedoch macht sich nicht besser als eine Lakritzsüßspeise mit Knackwursttopping. So ist »Endzeit« selbst eine eigenwillige Mutation, eine Art Wucherung des Zombiefilms, in dem sich ein mit Action und Sentimentalität getarnter Umweltfanatismus ausbreitet: »Das ist nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang.« Glücklicherweise folgt nach diesen Worten der erlösende Abspann. Und ein Gefühl der Erleichterung.

»Endzeit«, Regie: Carolina Hellsgård, Deutschland 2018, 90 Min., bereits angelaufen

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