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Aus: Ausgabe vom 23.08.2019, Seite 10 / Feuilleton
Fern von Jamaika

Youtube in Babylon: Besser als Tierbabys

Von Maximilian Schäffer
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Rohan Marley auf einer Gedenkveranstaltung für seinen Vater Bob Marley (Kingston, 6.2.2015)

Auf Youtube kann man nicht nur witzige Filmchen von tollenden Tierbabys, handgemachte Dokumentationen über den letzten Schirmmacher von Südostwales oder lehrreiche Kurse zur Bedienung historischer Großrechner gucken – man kann auch einfach Musik hören. Bevor Streamingdienste wie Spotify, Tidal oder Deezer die Welt eroberten, nutzten viele Menschen die Videoplattform und die Möglichkeit der randomisierten Wiedergabe als Jukebox. Daran störten vor allem zwei Dinge: zum einen die ständigen Werbepausen, die jede Party im Fünfminutentakt beständig aus dem Gleis brachten. Zum anderen die Gema, die deutsche Hörer mit schwarzen Hinweisbildschirmen den Zugang verwehrte. Sieben Jahre lang stritt sich der deutsche Verwertungsgesellschaftsmonopolist mit dem US-Konzern, 2006 fiel der kapitalistische Schutzwall. Seitdem kann man auch hierzulande ungestört die geilsten Musikvideos von Miley Cyrus, Sido und Helene Fischer gucken, weil die Gema endlich weiß, wie sie online abkassiert, um zu »verteilen«.

Ungestört kann man nun nicht nur die Hochglanzvideos der nationalen und internationalen Superstars bewundern, sondern vor allem auch Obskures und Verlorengeglaubtes entdecken. Manche Platten gibt es nicht auf Spotify, manche Platten gibt es nicht mal auf Platte – zumindest nicht auf digitaler. Rund um den Globus machen sich also verschiedene Enthusiasten daran, Rares nicht für Bares, sondern für die Allgemeinheit zu erhalten. So einer ist Maximilian Otto, der auf seinem Kanal »Rastawelt« besonders seltene Reggaeplatten der 60er bis 80er Jahre konserviert. In den Videos sieht man die Scheiben auf dem Plattenteller drehen. Maxi-Singles, bei denen das Innenloch so aussieht, als wäre es einst im jamaikanischen Dschungel mit der Nagelschere ausgeschnitten worden. Nicht unrealistisch bei den damaligen Produktionsbedingungen und der bis heute anhaltenden Armut in dem karibischen Land. Die Musik, von Rocksteady bis Roots Reggae, zeugt lyrisch von diesen Zuständen. Beschwingte Fröhlichkeit, die inhaltlich oft von Leid und Ungerechtigkeit berichtet, wurde unter anderem im Studio One von Kingston auf Vinyl gekratzt. In Ottos Schallplattensammlung findet sich etwa »Running from Jamaica«, auf dem die Meditations im engelsgleichen Harmoniegesang ihre Mitbürger verzweifelt dazu aufrufen, nicht aus Jamaika zu fliehen. Neville Martin singt in »The Message« vom Mindestlohn und seinem Recht auf Arbeit – ein Song, der 1976 nachweislich die Wahlen zugunsten der sozialistischen PNP und deren Vorsitzenden Michael Manley beeinflusste.

Der vielleicht größte Schatz auf »Rastawelt« ist allerdings eine Handvoll Tonbänder, die, durch ein historisches Gerät der Marke Uher abgespielt, für exzellenten Klang und ganz besondere Nostalgie sorgen. Am allerschönsten ist das »Roots Reggae Tape« von 1973, auf dem sich eine Stunde lang bittersüße Glückseligkeit versammelt. So etwas auf einem Dachboden zu finden ist so wahrscheinlich wie eine Kiste voller Gold, so etwas im Internet zu finden ist nun ganz leicht. Um bei dieser Zusammenstellung ins Träumen zu geraten, muss man nicht einmal Gras rauchen. Kann man aber.

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