Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 23.08.2019, Seite 10 / Feuilleton
Philosophie

Einheit ist alles

Jörg Zimmer erklärt die Aktualität des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz
Von Martin Küpper
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Knackig wie ein Butterkeks: Universalgenie Gottfried Wilhelm Leibniz

Für den jungen Marx war der mythische Prometheus (dt.: der Vorausdenkende) der »vornehmste Heilige und Märtyrer im philosophischen Kalender«. Wen Marx darin noch verewigen wollte, ist nicht überliefert, doch Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) hätte sicherlich einen Platz erhalten. Marx’ Bewunderung für den Vordenker der Aufklärung zeigte sich auch darin, dass er ein Stück Tapete aus dessen Arbeitszimmer bei sich aufhängte.

Leibniz hatte sich der Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen verpflichtet und hinterließ ein Werk, das von der Ingenieurskunst und der Mathematik über die Politik und die Sprachwissenschaft bis hin zum Versicherungswesen reicht. Diese wissenschaftliche Universalität ruht auf einem philosophischen Fundament, das Jörg Zimmer in dem Buch »Leibniz und die Folgen« untersucht hat. Zimmers Verzicht auf eine Werkschau ist angesichts der Quellenlage nachvollziehbar. Etwa 200.000 handgeschriebene Seiten lagern im Nachlass, wovon ein großer Teil den Briefverkehr mit etwa 1.300 Korrespondenten ausmacht. Eine historisch-kritische Gesamtausgabe wird erst gegen Mitte dieses Jahrhunderts fertiggestellt sein.

Nach einem Abriss der wichtigsten Stationen in Leibniz’ Leben identifiziert der Autor eine metaphysische Grundproblematik, die den Philosophen bei all seinen Arbeiten beschäftigte: die »Totalität als Einheit von Vielen«. Diese bedeute einerseits, dass die Elemente der Wirklichkeit, die individuellen Substanzen, als »tätige Kraft« durch ihre Beziehungen zuei­ nan­der die Einheitsstruktur der Totalität bilden. Andererseits seien die Substanzen nur, weil sie in einem Wechselwirkungszusammenhang stünden. Diese Totalität sei also nicht mechanizistisch, sondern dynamisch zu verstehen. Für Leibniz empfange und wirke jede Substanz zugleich. Selbst passives Empfangen trete nie ohne spontanes Tun auf – auch wenn wir Einflüsse wie Straßenlärm bewusst ausblenden, bleiben sie dennoch vorhanden. Mittels dieses Verständnisses der dynamischen Einheit der Vielen sei es Leibniz gelungen, die Wirklichkeit aus ihrer eigenen Struktur heraus zu erklären und so ein realistisches Bild von ihr zu zeichnen.

Zimmer spürt behutsam den Ausformulierungen dieses Problems in den Hauptschriften nach und zeigt, wie Leibniz’ Metaphysik dessen Freiheitskonzeption grundiert. Da die tätigen Substanzen unentwegt aufeinander einwirkten, könnten sie sich in ihrer Entwicklung begrenzen oder befördern. Für Leibniz ergebe sich daraus die politische Forderung, »eine Ordnung zu schaffen, die möglichst viele Entwicklungsmöglichkeiten zugleich gestattet«. Er wollte ein Gemeinwesen, in dem »jedem Tierchen sein Pläsierchen« gegeben und niemand geschädigt würde. Die Solidarität werde zur Maxime eines anständigen Lebens erhoben. Die gemeinsamen Interessen der Individuen sollten so gefördert werden, dass das Gemeinwohl möglichst zunimmt. Ein höchst aktueller Gedanke mit revolutionärer Sprengkraft. Dies impliziert indessen einen notwendigen, unumkehrbaren Fortschritt, den Leibniz zwar spiralförmig denkt, aber an den »Bereich des Wissens« bindet. Je komplexer unser Wirklichkeitsverständnis, desto reichhaltiger sei die Wirklichkeit. Selbst der Irrtum könne so als »Integration des Rückschritts in die Fortentwicklung« gedacht werden. Ob dieser Fortschrittsbegriff angesichts von Wissensvernichtung unvorstellbaren Ausmaßes noch tragfähig ist, müsste jedoch diskutiert werden.

Seit der Aufklärung wird Leibniz oft skeptisch rezipiert. In einer Epoche sozialer Revolutionen in der die gesellschaftliche Rolle kirchlicher Institutionen unter Beschuss stand, geriet Leibniz’ populäre »Theodizee« (1710) ins Visier, in welcher der Philosoph versuchte, Vernunft und Glaube zu versöhnen. Zimmer stellt die unterschiedlichen Phasen der Leibniz-Rezeption nicht nur dar, sondern erhellt diese mit Hilfe dessen eigener Philosophie – Leibniz’ Metaphysik wird damit zum methodischen Prinzip der Darstellung. Deren Aktualität wird dabei nicht abstrakt postuliert, sondern problemgeschichtlich erwiesen. Immanuel Kants Verdikt gegen die Metaphysik wird z. B. erfrischend entkräftet. Der hatte Vernunft und Metaphysik noch untrennbar an die Erfahrung gekettet. Mit Leibniz lässt sich dagegen zeigen, dass die Metaphysik »transempirische« Modelle vom Ganzen der Wirklichkeit entwirft. In diesem Sinne befasst sich Philosophie mit dem Verhältnis zwischen Metaphysik und wissenschaftlichem Weltbild. In einer Zeit, in der der Zusammenhang der Wissenschaften immer mehr zerfasert, ist dies wichtiger denn je. Leibniz konnte diese Anforderung noch in seinem Werk vereinen. Heute kann diese Aufgabe angesichts globaler Vergesellschaftung nur von Kollektiven angegangen werden.

Jörg Zimmer: Leibniz und die Folgen, J. B. Metzler, Stuttgart 2018, 150 Seiten, 19,99 Euro

Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. (23. August 2019 um 13:49 Uhr)
    Die Philosophen sind in der Regel zu »betriebsblind« und »würdigen« viele Philosophen, die leider zumeist total versagen und die Philosophie »verraten« an die Herrschenden, die herrschende Gehorsamsmoral.

    Leibniz war Rationalist. Ohne den Rationalismus Spinozas, der offen die Herrschaft der Vernunft einforderte und lehrte, dass die Philosophie nicht mehr die Magd der Theologie sei, würde es die moderne Welt überhaupt nicht geben!

    Der Affekt der Todesfurcht, von der Kirche mit Moralvorschriften zu Paradis und Hölle zum Im-Griff-Haben der Leute belegt, muss anders, durch Aufklärung (Enlightenment), »beruhigt« werden.

    Sich hinterher über die willigen Helfer, die Gehorsamen zu beschweren und über sie Krokodilstränen zu vergießen wird im Kulturbetrieb dauernd gemacht.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Siegfried Knobloch: Fragen über Fragen »Immanuel Kants Verdikt gegen die Metaphysik wird z. B. erfrischend entkräftet. Der hatte Vernunft und Metaphysik noch untrennbar an die Erfahrung gekettet. Mit Leibniz lässt sich dagegen zeigen, dass...

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