Gegründet 1947 Freitag, 18. Oktober 2019, Nr. 242
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 23.08.2019, Seite 7 / Ausland
EZLN Mexiko

Belagerung durchbrochen

Zapatisten verkünden Ausweitung des Einflussgebiets im mexikanischen Bundesstaat Chiapas
Von Manu Fürtig
Mexico_Zapatista_Exp_62372671.jpg
25. Jahrestag des zapatistischen Aufstands: Veranstaltung am 1. Januar 2019 in Chiapas

Am vergangenen Wochenende hat die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) eine Ausweitung ihres Einflussgebiets im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas verkündet. In einem am 17. August veröffentlichten Kommuniqué heißt es, die Organisation habe sieben neue »Caracoles« gegründet sowie vier neue »autonome Gemeinden« geschaffen. Diese befinden sich in Amatenango del Valle, Chicomuselo, Chilón, Motozintla, Ocosingo, San Cristóbal de las Casas sowie Tila. Die »Caracoles« sind politisch-kulturelle Institutionen, die gleichzeitig als Sitz der basisdemokratischen »Räte des guten Regierens« dienen. Damit verfügt die Bewegung nun über insgesamt 43 »zapatistische Zentren«, in denen das Leben unabhängig von staatlichen Strukturen organisiert wird.

Die Erweiterung des Einflusses über die Grenzen des bisherigen Aufstandsgebiets sei das Resultat kontinuierlicher Arbeit der zapatistischen Basis, insbesondere »der Frauen und jungen Zapatistas«, so Subcomandante Moisés, der als Verfasser des Kommuniqués auftritt. »Nach Jahren der verschwiegenen Arbeit, trotz Belagerung, Lügenkampagnen, Diffamierungen, Militärpatrouillen, Nationalgarde, der als Sozialprogramme getarnten Aufstandsbekämpfung, des Vergessens und der Verachtung sind wir gewachsen und stärker geworden.« Nun habe man »die Belagerung durchbrochen« – unter anderem durch eine Vielzahl von Gemeindeversammlungen, auf denen über Art und Weise der Organisierung diskutiert worden sei. So hätten die Aufständischen unzählige Male ihre Gebiete verlassen, um mit den Menschen der Region ins Gespräch zu kommen und die Situation zu analysieren. All dies, ohne dass es den zahlreichen Polizei- und Militäreinheiten, die das zapatistische Gebiet zunehmend belagerten, aufgefallen sei.

Teil dieser Einheiten ist auch die neugegründete Nationalgarde, die direkt dem mexikanischen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador unterstellt ist. Dieser hatte die Gründung neuer »autonomer Gemeinden« am Montag in seiner morgendlichen Pressekonferenz zunächst begrüßt. Dabei ist das Verhältnis zwischen López Obrador und den Zapatisten durchaus angespannt. So wird in dem Kommuniqué als ein weiterer Grund für das Anwachsen der organisatorischen Strukturen der EZLN die repressive Politik der letzten Jahre, insbesondere seit Beginn der Amtszeit des neuen Präsidenten genannt. So seien seit Dezember 2018 bereits Dutzende soziale Aktivisten umgebracht worden.

Die nun verkündete Eröffnung der neuen Zentren spricht dafür, dass es der zapatistischen Bewegung gelungen ist, ihre Basis in der Bevölkerung zu vergrößern. Die EZLN war 1994 erstmals öffentlich in Erscheinung getreten. Am 1. Januar, dem Tag des Inkrafttretens des nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA, besetzten bewaffnete Kämpfer gleichzeitig fünf Rathäuser in Chiapas und erklärten der mexikanischen Regierung den Krieg. Diese zeigte sich nach zwölf Tagen zu Verhandlungen über einen Waffenstillstand bereit, in dessen Nachgang die EZLN in mehreren Gemeinden eine De-facto-Autonomie schuf.

Neu am Vorgehen der zapatistischen Bewegung ist, dass sie explizit dazu einlädt, die neu geschaffenen »Zentren des autonomen Widerstands und der zapatistischen Rebellion« mitzugestalten. Des weiteren lädt die EZLN zu zahlreichen Treffen ein, darunter ein »Forum zur Verteidigung des Territoriums und der Mutter Erde«. Dieses soll im Oktober stattfinden und zusammen mit dem Nationalen Indigenenkongress organisiert werden und dazu dienen, gemeinsam Lösungen für die Problematiken der indigenen Bevölkerung zu finden. Auch Treffen mit internationaler Beteiligung wie das Kunstfestival »Comparte« sind geplant.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Voreiliger Bilderwechsel im US-Büro des zu Guaido übergelaufenen...
    16.05.2019

    Regime-Change für Anfänger

    Begeisterung für das US-Konzept auch bei der ARD: Mit Juan Guaidó haben Westmedien einen neuen Volkstribun kreiert
  • Jede Mexikanerin und jeder Mexikaner kennt Emiliano Zapata (1879...
    10.04.2019

    Ikone der Revolution

    Vor hundert Jahren wurde Emiliano Zapata ermordet. In Mexiko ist der Bauernführer eine legendäre Gestalt – um sein Erbe wird bis heute gestritten

Regio:

Mehr aus: Ausland