Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 23.08.2019, Seite 6 / Ausland
Migrationsrouten in der EU

Trotz Dublin nach Frankreich

Zäune und Abschiebebehörden halten Migranten und Flüchtlinge in der EU nicht vom Grenzübertritt ab. Die Wege werden aber länger und gefährlicher
Von Dominik Wetzel
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Kein Spaziergang: Drei Migranten wollen im Januar 2018 die italienisch-französische Grenze in den Westalpen überqueren

Umgeben von den italienischen Alpen, liegt zwischen der französischen Grenze und Turin der Ort Oulx. Linke haben dort in einem seit Jahrzehnten leerstehenden Haus die »Casa Cantoniera« eröffnet – eine selbstverwaltete Herberge, die allen Durchreisenden zur Verfügung steht. Migranten und Geflüchtete nutzen den Ort, um auf dem Weg in andere EU-Staaten eine Pause zu machen und innezuhalten. Es wird gemeinsam gekocht, und vom Kräutergarten bis zum Toiletteputzen tragen alle ihren Teil dazu bei, dass das Gesamtprojekt funktioniert.

Die Aktivisten auf italienischer und französischer Seite sehen sich im Kampf gegen Grenzen und für die Verwirklichung der Menschenrechte. Sie bieten Unterkunft und erklären die Wege durch die Berge. Mit ihrem Handeln stehen sie direkt dem Willen der Regierung um Innenminister Matteo Salvini entgegen, der zusehends härter gegen Einwanderer und Opposition vorgeht. Mit der drastischen Verschärfung des Migrationsrechts im vergangenen September wurde der humanitäre Schutz in Italien abgeschafft, was viele Migranten in die Illegalität gedrängt hat. Bis dahin konnten die meisten Flüchtlinge, Opfer von Menschenhandel, häuslicher Gewalt und Umweltkatastrophen eine Aufenthaltsbewilligung erhalten. Auch Hausbesetzer müssen nun mit Haftstrafen von bis zu vier Jahren rechnen, dementsprechend stand das Haus in Oulx in den vergangenen Monaten fast pausenlos vollständig unter Polizeiüberwachung. Seit ein paar Wochen ist die Polizei nicht mehr vor Ort – weshalb, ist den Aktivisten nicht bekannt.

Durch die Sahara

Viele der temporären Bewohner kommen aus Westafrika und haben daher keine Aussicht auf einen Flüchtlingsstatus. Ismail hat mit 16 Jahren Guinea verlassen. Er will zu seiner Familie in Belgien, doch das Dublin-Abkommen macht es ihm schwer. Darin hatten sich die EU-Staaten zuletzt 2013 dazu verpflichtet, dass Asylsuchende in dem Land bleiben müssen, in dem sie zuerst Fuß auf EU-Boden gesetzt haben bzw. zuerst registriert wurden – das betrifft vor allem Italien, Spanien und Griechenland. Damit wird Südeuropa zur Grenze für Kriegsflüchtlinge und all jene, die nicht mit dem Flugzeug anreisen können, aber in Staaten wie Deutschland wollen. Auf den Mauern in den Grenzstädten stehen immer wieder Graffitis. »No Borders« (Keine Grenzen) steht auf ihnen geschrieben oder »Ain’t no mountain high enough. Migration is liberty!« (Kein Berg ist zu hoch. Migration ist Freiheit!).

»Es sind schon zu viele in der Sahara gestorben«, erzählt der heute 19jährige Ismail, der ein Jahr seines Lebens in einem libyschen Gefängnis verbracht hat. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) schätzt die Zahl der Todesopfer auf dem Weg durch die Sahara als doppelt so hoch ein wie die im Mittelmeer. Ismail berichtet, dass manche Schmuggler die Passagiere einfach allein ließen, wenn sich Militär nähere. Die Soldaten zielten auf die Beine, wenn sie die Flucht wagten. »Wenigstens schießt die Polizei in Europa nicht«, sagt er. Viele hätten Familien und Freunde in anderen europäischen Ländern und wollten sich ihnen anschließen. Sie sprechen davon, so schnell wie möglich Arbeit finden und ihre Familien sicher nachholen oder ihnen Geld schicken zu wollen. Doch die Grenzen, die für EU-Bürger dank des Schengener Abkommens keine Bedeutung mehr hätten, seien für die meisten Afrikaner nach wie vor eine große Hürde. Frankreich führe Kontrollen auf einem Gebiet von zehn Kilometern innerhalb seiner Grenzen durch. Viele würden dort gefasst und direkt nach Italien zurückgeschickt.

Durch nichts aufzuhalten

Manche haben schon monatelang in Deutschland oder Österreich gelebt, Freundschaften, Beziehungen und Arbeitsverhältnisse aufgebaut und wurden dennoch wieder zurück nach Italien deportiert. Doch kaum jemanden hält das effektiv auf. Die Menschen hier wollen zurück in ihr neues Leben und wagen den Grenzübertritt erneut. Dublin wird damit zur Zermürbungsprobe für Einwanderer und Behörden. Überall auf dem Weg wartet die französische Polizei und pa­trouilliert im Grenzgebiet, bereit, sie zurückzuschicken. Doch die Strecken durch die Berge nach Frankreich sind über weite Teile beschwerlich, steil und gefährlich, vor allem deswegen, weil viele sie bei Nacht gehen. An Straßen und Wanderwegen vorbei, außer Sichtweite der Grenzschützer. Ein Mann aus Togo starb im vergangenen Winter auf dem Weg durch die Berge an Unterkühlung, wie der Guardian am 8. Februar berichtete.

In einer Unterkunft in Frankreich erklärt Süleyman aus Gambia, dass Europäer ganz Afrika erkundet und kolonisiert hätten. Sie seien durch gefährliche und unwirtliche Gegenden gegangen. Ständig zögen Menschen und Tiere von einem Land in ein anderes. Süleyman spricht entschlossen. Allah habe ihm den Antrieb gegeben, nach Europa zu gehen, und nichts könne ihn aufhalten, egal, wie gefährlich es sei. Auf die Frage, was ihn dazu gebracht habe, aus seinem friedlichen Land ins kriegszerrüttete Libyen zu gehen, wo Migranten in Gefängnisse gesteckt, gefoltert und versklavt würden, erklärt er, dass niemand gewusst habe, was für eine Hölle dort auf sie warte. Viele derer, die durch Agadez, Nigers größte Stadt und Knotenpunkt für den Weg nach Norden, reisten, wüssten nicht einmal, ob sie auf dem Weg durch die Sahara in Libyen oder Algerien ankämen. Einmal in Libyen, wolle man dann einfach nur noch weg: »Libyen ist wie ein Loch« – es gibt keinen Weg zurück und keinen voran. Und wenn sich die Möglichkeit biete, über das Mittelmeer herauszukommen, nähmen viele die Chance wahr. Denn auch wenn viele dort stürben, die Chancen seien besser, als wenn man in der Hölle von Libyen bleibe. Das erklärt auch, warum sich nicht weniger Menschen auf den Weg über das Mittelmeer machen, wenn es keine Seenotrettung gibt.

Debatte

  • Beitrag von Franz Lindlacher aus Staudach (23. August 2019 um 15:36 Uhr)
    Der letzte Satz stimmt nicht. Als die Seenotrettung eingestellt wurde, hat sich die Zahl der Flüchtenden massiv verringert. Das hat zu prozentual mehr Ertrunkenen geführt, aber zu bedeutend weniger in tatsächlichen Zahlen. Also Schluss mit dieser sogenannten Seenotrettung. Sie führt zu Opfern im Mittelmeer, in der Sahara und in Europa.

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