Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 22.08.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

»Neue Stufe der Verfolgung«

Repressionen gegen Anhänger von Fußballklubs nehmen zu. Um so wichtiger ist die vereinsübergreifende Zusammenarbeit der Fanhilfen. Gespräch mit fünf von ihnen (Teil 2 und Schluss)
Von Oliver Rast
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»Die Repression nimmt schleichend zu, nicht nur in einer Saison.«

Wie fällt der Saisonrückblick 2018/19 aus Fansicht aus?

Fanhilfe Hertha BSC: Die Entwicklung spiegelt sich sehr gut im Polizeiangriff auf unseren Block in Dortmund (Oktober 2018) wider. Die Eskalationsschraube dreht sich weiter.

Fanhilfe Dortmund: Gemischt. Trotz Gerichtsklärung sanktioniert die Dortmunder Polizei weiterhin BVB-Fans, die auf dem Weg zum Stadion auf der Straße laufen. Das frustriert. Mit dem Verfahren zu den Schmähgesängen gegen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp scheint eine neue Stufe der Verfolgung oft üblichen Fanverhaltens erreicht.

Fanhilfe Mönchengladbach: Die härtere Gangart in der Innenpolitik zeigt sich im Verhalten von Polizei und Staatsanwaltschaft. Was Jahre zuvor nie für Ärger gesorgt hat, zieht plötzlich Polizeimaßnahmen nach sich wie etwa die Unterbindung von Fanmärschen auf der Straße. Außerdem nehmen Betretungsverbote für Stadtteile und Städte zu. Das betrifft seit der Saison 2018/19 nicht nur »brisante Spiele« und die, die eh Stadionverbote haben, sondern auch »08/15-Spiele« und Nicht-Stadionverbotler.

Rot-Schwarze Hilfe (Nürnberg): Die Repression nimmt schleichend zu, nicht nur in einer Saison. Es ist Usus, von einem Polizisten eins übergezogen zu bekommen und dafür eine Anzeige wegen Widerstand zu kassieren. Mode ist auch, ganze Fangruppen stundenlang einzukesseln, zu kontrollieren und wieder heimzuschicken. Wir stellen vermehrt fest, dass Stadionverbote als Bewährungsauflage gelten.

Grün-Weiße Hilfe (Bremen): Gegen Werder-Ultras werden Betretungsverbote mit dem Hinweis auf laufende Ermittlungsverfahren verhängt. Hintergrund ist ein Konflikt mit Nazischlägern beim Abmarsch vom Stadion nach einem Heimspiel im Dezember 2017. Wir sehen uns martialischen Machtdemonstrationen von Polizeikräften im Weserstadion gegenüber. Wir halten das für öffentlichkeitswirksame PR-Shows des Innensenators. Seitdem bekommt er von der Ostkurve zu jedem Heimspiel eine »Liebeserklärung« per Transpi geschenkt.

»Fick dich, DFB!« geht Fans leicht über die Lippen – habt ihr auch Kritik am Klub?

HBSC: Vereine können in öffentlichen Debatten viel bewegen, der FC St. Pauli und Eintracht Frankfurt haben das gezeigt. Doch Klubchefs fehlt oft der Mut, wie der Geschäftsführung unseres Vereins. Dennoch werben wir in Vereinsgremien für Fanrechte.

DO: Die BVB-Vereinsführung setzt sich zunehmend mit Fanrechten auseinander. Wir würden unser Verhältnis zu ihr als respektvoll und konstruktiv-kritisch bezeichnen.

MG: Klubführungen sind mitverantwortlich für Stadionverbote und die Umlegung von Verbandsstrafen. Besonders kritisch sehen wir die bei uns ausgesprochenen Hausverbote, in einigen Fällen ohne Ermittlungsverfahren oder dass die Polizei aktiv geworden wäre. Hausverbote sind wegen des Hausrechts schwerer juristisch anzugreifen als Stadionverbote.

N: Das ist eher ein Thema für die aktive Fanszene, wo wir beratend zur Seite stehen. Wir arbeiten mehr im »Hintergrund«, überlassen das »Gschrei« der Kurve.

HB: Sportgerichtsentscheidungen müssen die Vereine ausbaden, also sollten sie auch aktiver sein. Im Vergleich zu anderen Vereinen können wir uns über unseren Präsidenten nicht unbedingt beschweren. Aber Luft nach oben ist noch.

Getrennt in den Farben, vereint für Fanrechte – ein treffendes Motto?

HBSC: Vorrangig muss die Arbeit am eigenen Standort gemacht werden. Um einzelne Polizeigesetze ins Visier zu nehmen, sind Kooperationen sinnvoll. Wir unterstützen eine bundesweite Zusammenarbeit zu Themen, die Fans betreffen. Ein Erfahrungsaustausch hilft, die eigene Arbeit zu verbessern.

DO: Ja, eine vereinsübergreifende Zusammenarbeit mit Fanhilfen entspricht unserem Selbstverständnis.

MG: In der Fanhilfearbeit fehlen die üblichen Rivalitäten der Fanszene. Wir sind zuerst die Rechtshilfe für Gladbach-Fans, helfen natürlich jedem Gästefan, der beim Gastspiel in Mönchengladbach Probleme hat.

N: Natürlich! Es ist unerlässlich, die Rivalität beiseite zu schieben und zusammenzuarbeiten. Ab und zu treffen wir uns vor dem Spiel mit anderen Fanhilfen. Nicht jedes Mal und sicherlich nicht bei einem Derby, denn irgendwo hat jedes Motto seine Grenze.

HB: Im Prinzip, ja. Dass wir nicht mit Nazis und ihren Handlangern zusammenarbeiten, gilt auch hier.

Konkreter: Würdet Ihr ein Bündnis von Fanhilfen unterstützen?

HBSC: Wir befürworten ein solches Bündnis. Es muss aber etwas dabei rauskommen und alle nach vorne bringen. Noch ein Bündnis, was nach zwei Jahren einschläft, brauchen wir nicht.

DO: Einem bundesweiten Bündnis der Fanhilfen, ähnlich dem Zusammenschluss der deutschen Fanszenen im Kontext der »Krieg dem DFB«-Kampagne, stehen wir aufgeschlossen gegenüber.

MG: Die Idee einer bundesweiten Vernetzung ist von Beginn an ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit.

N: In gewisser Weise existiert bereits über den regelmäßigen Austausch von Fanhilfen ein Bündnis. Ob daraus eine gemeinsame Struktur werden kann, muss man sich im Detail anschauen. Ausschließen wollen wir nichts.

HB: Laufende Vorbereitungen hierzu begleiten wir sehr wohlwollend.

Eure Schwerpunkte für die neue Saison?

HBSC: Viel Zeit wird die Aufarbeitung der zurückliegenden Repressionsfälle in Anspruch nehmen. Wir werden am Dauerthema Datenspeicherung dranbleiben. Langeweile wird nicht aufkommen, soviel ist sicher.

DO: Vier Stichpunkte: Verfahren wegen Schmähgesänge im Stadion, Aufenthaltsverbote, Datenbanken, Polizeigesetze.

MG: Die steigende Zahl von Betretungsverboten wird sich als Trend vermutlich auch in der neuen Spielzeit fortsetzen. Im Blick haben wir das neue Polizeigesetz, denn die angeblich zur Terrorabwehr eingeführten Maßnahmen dürften auch an Fans ausprobiert werden.

N: Schulungen, wie vor jeder Saison. Ansonsten sind Polizei und Justiz kreativ genug, für Schwerpunkte in unserer Arbeit zu sorgen.

HB: Wir müssen uns als neugegründete Fanhilfe erst mal im Werder-Kosmos bekannt machen. Wir wollen gegen Allgemeinverfügungen des Ordnungsamtes vorgehen, nach denen Gästefans in Shuttlebusse gezwängt und erst am Gästeblock rausgelassen werden. Heimfans unterliegen einem Fanmarschverbot. Das wollen wir uns nicht länger bieten lassen.

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