Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 22.08.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Bananen für Straßenkinder

Der Film »Congo Calling« unterzieht europäisch-afrikanische Verhältnisse einer harten Belastungsprobe
Von Hannes Klug
Congo Calling - (c) Daniel Samer - 13 - JPG - small.jpg
Reproduzierte Machtverhältnisse: Wer bekommt die Bananen, und warum?

Der Dokumentarfilm »Congo Calling« beginnt damit, dass der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier ein prestigeträchtiges Entwicklungshilfeprojekt einweiht: Die Landebahn des Flughafens der von Krieg, Krankheit und Naturkatastrophen gebeutelten Metropole Goma im Osten der Demokratischen Republik Kongo wurde auf einer Länge von 500 Metern wieder freigeräumt, nachdem ein Vulkanausbruch sie unter einer Lavaschicht begraben hatte. Der Minister wird von einer Polizeikapelle empfangen, deren Instrumente sichtbar reparaturbedürftig sind. Die Kamera schaut dabei zu, wie sich abseits des Geschehens Statisten Baströcke über ihre Jeans ziehen, um als folkloristische Staffage für Steinmeiers Rede bereitzustehen, in der dann von einem Konjunkturschub und einem Zeichen der Hoffnung die Rede ist.

Es ist ein entlarvendes Bild, das in wenigen Sekunden klar macht, wie das Land sich für einen westlichen Blick herrichtet, wie Moderne und koloniale Klischees sich ergänzen und wie vielschichtig die kulturellen Bedeutungsfelder sind, innerhalb derer sich eine derartige »Entwicklungszusammenarbeit« abspielt. Kongo ist zugleich eines der reichsten und eines der ärmsten Länder der Welt – reich an Bodenschätzen wie Gold und Diamanten, aber auch an Coltan, Kobalt und anderen Erzen, die besonders für die Computer- und Smartphone-Industrie von Bedeutung sind. Sein Reichtum an Mineralien wurde für das Land zum Fluch statt zu einer Quelle des Wohlstands: Internationale Minenunternehmen beuten die Bodenschätze aus, bewaffnete Milizen befeuern territoriale Konflikte, die Bevölkerung leidet unter korrupt wie brutal agierenden Kriegsparteien.

Vor diesem Hintergrund begleitet Regisseur Stephan Hilpert drei Protagonisten aus Europa, die sich – manche idealistisch, manche ehrgeizig – im Kongo engagieren: Der Deutsche Peter Merten, der als Berater für kongolesische Sozialprojekte fungiert, steht nach 30 Berufsjahren mit 65 ohne Rente und ohne Versicherung da und kann die Miete für sein Haus nicht mehr bezahlen. Jenseits seiner persönlichen Probleme machen seine Arbeitseinsätze, etwa mit Straßenkindern, die unter Drogensucht und Gewalt leiden, deutlich, wie aussichtslos seine Position als finanzschwacher Helfer angesichts des Elends in dem zerrütteten Land ist. Gleichzeitig kann auch er nicht anders, als Machtverhältnisse zu reproduzieren. Das zeigt sich in einer harmlos wirkenden Szene, in der Merten drei Bananen unter einer Gruppe bettelnder Kinder verteilt: Wer bekommt sie, und warum? Unmittelbar werden neue soziale Rangordnungen hergestellt und neue Hierarchien gestiftet. So führt die Helferrolle zu neuen Abhängigkeiten, neuen Versprechen und neuen Ambivalenzen.

Raúl, der als spanisch-französischer Wissenschaftler eine Feldstudie durchführt, die sich mit ländlichen Rebellengruppen befasst, und dafür Befragungen in Dörfern vornimmt, muss feststellen, dass einer seiner Angestellten Projektgelder veruntreut hat und seine Studie deshalb zu scheitern droht. Die Belgierin Anne-Laure, die zwei Jahre lang ein Kinderschutzprojekt der EU leitete, hat ihre NGO-Tätigkeit ganz hingeschmissen und arbeitet inzwischen als Pressebeauftragte eines Musikfestivals. Der Druck, der auf den Entwicklungshelfern lastet, sagt sie, verhindere ein gesundes Verhältnis zum Land und zu den Kongolesen, und die meisten derer, die voller Elan im Land ankämen, seien nach einem Jahr ausgebrannt und wollten zurück nach Europa.

Diese drei jedoch können sich ein Leben außerhalb des Kongo schwer vorstellen. Um so ernüchternder ist dann die Bilanz, die ein eineinhalbjähriger Zeitsprung aufmacht: Sie alle haben ihren Aufgaben im Land den Rücken gekehrt. Durch die widersprüchlichen Empfindungen der Helfer scheinen zwangsläufig größere Fragen hindurch: Wie hilfreich ist die Hilfe des Westens wirklich? Ist sie nicht viel eher die Fortsetzung eines jahrhundertelangen Zerstörungswerks, das eines der reichsten Länder der Erde zu einem riesigen Konfliktgebiet herabgewirtschaftet hat? Ähnlich wie Milo Raus Theaterstück »Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs« wirft »Congo Calling« Fragen nach den Grenzen humanitären Engagements auf. Statt die Ursachen von Cholera zu bekämpfen, sagt einer von Raúls wissenschaftlichen Mitarbeitern, bauten die Europäer Friedhöfe. Regisseur Hilpert, dessen Film in Zusammenarbeit mit dem kleinen Fernsehspiel des ZDF und der Hochschule für Film und Fernsehen München entstand, untersucht die komplexen (Mikro-)Politiken europäisch-afrikanischer Verhältnisse, die hier einer herben Belastungsprobe unterzogen werden.

»Congo Calling«, Regie: Stephan Hilpert, Deutschland 2019, 94 Min., Kinostart: heute

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