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Aus: Ausgabe vom 22.08.2019, Seite 10 / Feuilleton
Lyrik

Nicht ersticken lassen

Ein Auswahlband lädt zur Wiederentdeckung der kommunistischen Dichterin Lessie Sachs ein
Von Werner Jung
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»Einfach und echt«: Die Dichterin Lessie Sachs

Dem Berliner Aviva-Verlag ist ein großes Lob dafür auszusprechen, dass er den Band »Das launische Gehirn« mit Lyrik und Kurzprosa der nur noch wenig bekannten jüdischen Autorin Lessie Sachs (1896–1942) publiziert hat. In Breslau (heute: Wroclaw) als Kind eines Arztes und habilitierten Psychiaters geboren, studierte Sachs nach dem Schulabschluss zunächst für kurze Zeit in ihrer Heimatstadt an der Akademie für Kunst und Kunstgewerbe. Schon im Herbst 1917 ging sie nach München, wo sie an der sogenannten »Damenakademie« weiter studierte, da ihr als Frau die große Akademie verschlossen blieb. Sie war Teil der Münchner Bohème und machte sich zunächst als Porträtmalerin, später als Seidenmalerin einen Namen.

In der bayrischen Hauptstadt erlebte sie auch die Revolutionswirren 1918/19. Sachs trat, wie Jürgen Krämer und Christiana Puschak in ihrem instruktiven biographischen Nachwort schreiben, nicht zuletzt angespornt durch das mit ihr befreundete Künstlerpaar Mila und Eugen Esslinger in die junge Kommunistische Partei ein. In deren Umfeld lernte sie Otto Urbas, einen Mitbegründer der Münchner KPD, kennen, für den sie arbeitete. Nach der Niederschlagung der Räterepublik folgten Anklage, Inhaftierung und die vorzeitige Entlassung. Strenge Beobachtung und Kontrolle durch die Polizei und die damit erzwungene Abkehr von der Politik »erstickte jedoch nicht ihren latenten Protest gegen Rollenzuweisungen und Autoritäten« (Krämer/Puschak).

Der zeigt sich bereits in frühen Texten – insbesondere in Gedichten, die sie sporadisch im großen bürgerlichen Feuilleton der Weimarer Republik veröffentlichte, etwa der Vossischen Zeitung oder im Simplicissimus. Zum Breslauer Freundeskreis von Sachs gehörte der 13 Jahre jüngere Pianist und Komponist Josef Wagner, mit dem sie eng zusammenarbeitete und den sie am 3. März 1933 heiratete. Auf dramatische Jahre im Berlin der Nazidiktatur folgte im August 1937 die Ausreise in die USA, wo das Paar zunächst in St. Louis, ab Februar 1938 in New York in ärmlich-bescheidenen Verhältnissen lebte. Lessie Sachs starb am 28. Januar 1942 im Alter von 45 Jahren an Krebs.

Ihr literarisches Werk ist schmal. 1944 erschien postum ein von Schriftstellerkollegen zusammengestelltes Bändchen: »Tag- und Nachtgedichte«. Sporadisch schrieb Sachs auch Prosatexte, darunter einige, die man als Reportagen betrachten kann, die vom mühsamen Einleben im Exilland USA berichten. Ein Verdienst des Aviva-Bandes ist es, dass die Herausgeber auch den Nachlass der Autorin gesichtet und Teile daraus publiziert haben. In allen Texten begegnet uns Lessie Sachs als kluge Beobachterin alltäglicher Begebenheiten und Ereignisse. In ihren witzig-komischen, zuweilen durchaus melancholischen Gedichten thematisiert sie etwa das Ideal der »Neuen Frau«. Es geht um Liebessehnsüchte und nicht erfülltes Begehren (»Kleine Elegie«), bittere Lebensweisheiten (»Fraglich«), um Ziellosigkeit und vergebene Möglichkeiten (»Momentbild«).

Oskar Maria Graf hat in seiner Besprechung des postumen Lyrikbandes seinerzeit die Zeit- und Gelegenheitsgedichte von Lessie Sachs treffend so charakterisiert: »Sie bewältigt mit ihrer wirklichen Begabung oft die gleichgültigsten Erscheinungen. Nur selten wird sie manieriert, meistens bleibt sie einfach und echt. In ihren Taggedichten finden sich freilich oft Wendungen, die an Erich Kästner gemahnen, stets aber herrscht jener zartsinnige Geschmack vor, den man bei tief melancholischen Menschen antrifft.« »Der Mensch«, heißt es z. B. in »Wie wird das sein im Paradies?«, »hält stets für wünschenswert, / Was er nicht hat, – das ist verkehrt. / Denn hat er das, was er ersehnt, / Dann wird enttäuscht es abgelehnt.« Poetologisch schiebt sie dann gleich noch in »Das sind Gedichte« hinterher: »Gedichte sind gar nichts weiter, als Associationen, / Eine Reihe von Einfällen; die sich manchmal lohnen.« Mehr als lohnenswert ist jedenfalls die Lektüre dieses Auswahlbändchens.

Lessie Sachs: Das launische Gehirn. Lyrik und Kurzprosa. Hrsg. und mit einem Nachwort von Jürgen Krämer und Christiana Puschak, Aviva-Verlag, Berlin 2019, 320 Seiten, 20 Euro

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