Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 22.08.2019, Seite 8 / Ansichten

Taktischer Schritt

Zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag. Gastkommentar
Von Sergej J. Netschajew
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Teuer erkaufter Sieg: Sowjetisches Ehrenmal für die im Zweiten Weltkrieg getöteten Soldaten der Roten Armee

Im Vorfeld des 80. Jahrestags der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrags vom 23. August 1939 finden sich im medialen Umfeld ambivalente Interpretationen und häufig direkte Verzerrungen des historischen Kontextes und der Konsequenzen dieses Dokuments. Insbesondere versucht man unbegründet, den Nichtangriffsvertrag als Ursache für den Zweiten Weltkrieg darzustellen. Von einigen Pseudohistorikern wird auch aktiv die These verbreitet, das nationalsozialistische Deutschland und die Sowjetunion seien für den Kriegsausbruch »im gleichen Maße verantwortlich«.

Es sei darauf hingewiesen, dass die Vereinbarung von 1939 für die Sowjetunion eine erzwungene war und taktischen Charakter hatte. Diese Einschätzung ergibt sich aus der Analyse der offiziellen Dokumente und der Schritte, die die europäischen Schlüsselakteure damals eingeleitet haben. Infolge einer zielgerichteten Politik der westlichen Staaten zur »Beschwichtigung des Aggressors«, die im Münchner Abkommen vom 29. September 1938 und in der nachfolgenden Aufteilung der Tschechoslowakei gipfelte, wurde der Beginn eines Krieges zwischen Berlin und Moskau im Grunde genommen zu einer Frage der Zeit. Die Hoffnung der Sowjetunion, ein System der kollektiven Sicherheit für die Bekämpfung der faschistischen Bedrohung ins Leben rufen zu können, erfüllte sich nicht. Denn die europäischen Partner zeigten sich dazu nicht bereit. Sie waren daran interessiert, dass sich die Aggression des »Dritten Reichs« gegen den Osten wendet. Vor diesem Hintergrund wurde von der Sowjetführung entschieden, einen Nichtangriffsvertrag mit Deutschland zu schließen, um Zeit zu gewinnen und sich auf jene unvermeidliche Auseinandersetzung vorzubereiten. Nebenbei gesagt, hatten zu dieser Zeit bereits viele Staaten Europas, unter anderem Großbritannien, Frankreich und Polen, ähnliche Vereinbarungen mit Nazideutschland.

Die Sowjetunion vermied dadurch den Zweifrontenkrieg und erreichte einen Aufschub, der nötig war, um ihre Streitkräfte zu modernisieren, die Verteidigung zu stärken und sich auf einen andauernden Konflikt vorzubereiten. Im Ergebnis hat es die Rote Armee vermocht, die Nazihorden bei Moskau zu stoppen, eine entscheidende Wende im Großen Vaterländischen Krieg einzuleiten und Europa vom Nazismus zu befreien. Der Sieg wurde teuer erkauft – mit 27 Millionen sowjetischen Kriegstoten, unzähligen Zerstörungen, gebrochenen Biographien und dem Leid einfacher Menschen.

Daher rufen wir heute zu einem verantwortungsbewussten und behutsamen Umgang mit den Ereignissen unserer gemeinsamen Geschichte auf. Ihre Fälschung aus tagespolitischen Erwägungen ist absolut unverantwortlich und gefährlich.

S.E. Sergej J. Netschajew ist Botschafter der Russischen Föderation in der Bundesrepublik Deutschland

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Hans-Gerd Wendt: Unklare Formulierung In dem Kommentar zum »Hitler-Stalin-Pakt« heißt es: »Die Sowjetunion vermied dadurch den Zweifrontenkrieg und erreichte einen Aufschub, der nötig war, um ihre Streitkräfte zu modernisieren.« Der Zeitg...

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