Gegründet 1947 Sa. / So., 21. / 22. September 2019, Nr. 220
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 21.08.2019, Seite 15 / Antifa
»Auschwitz des Balkans«

Hölle auf Erden

Barry M. Lituchy erinnert an die Schrecken im Konzentrationslager Jasenovac, das im August 1941 vom Ustascha-Regime in Kroatien eröffnet wurde
Von Rüdiger Göbel
RTXIUHU.jpg
Posierende Soldaten des faschistischen Ustascha-Regimes umringen ihre am Boden liegenden Opfer nahe dem Save-Fluss (Kroatien, 1945)

Das Konzentrationslager Jasenovac steht für das Grauen schlechthin, für die »Hölle auf Erden«. Vor 78 Jahren, am 21. August 1941 wurden in das KZ des faschistischen Ustascha-Regimes in Kroatien die ersten Gefangenen verbracht. Das Arbeits-, Vernichtungs- und Konzentrationslager war nach dem Vorbild der deutschen KZ konzipiert, wegen seiner Größe wurde es bald »Auschwitz des Balkans« genannt. Über 210 Quadratkilometer erstreckte sich der Komplex entlang des Flusses Save. Er ist verkehrstechnisch günstig gelegen in der Nähe der Bahnlinie Belgrad–Zagreb, die für den Transport von Gefangenen und Gütern genutzt werden konnte. Der Fluss ist umgeben von Sümpfen, die eine Flucht erschwerten.

Am Eingang, über dem Haupttor prangte auf Kroatisch »Alles für den Poglavnik« – damit war der Ustascha-Führer Ante Pavelic gemeint –, darunter »Arbeitsdienst der Ustascha-Verteidigung«. Hauptzweck des Lagers war die Vernichtung von Serben, Juden und Roma – in dieser Reihenfolge. Was die absolute Zahl der Opfer betrifft: 80.000 bis 90.000 Männer und Frauen insgesamt, junge wie alte starben dort. Im Unterschied zu Auschwitz und anderen Vernichtungslagern gab es in Jasenovac keine Gaskammern. Die Gefangenen wurden brutal ermordet, mit Messern, Hacken, Beilen, Äxten und Hämmern. Sie wurden erhängt, ertränkt, erschlagen, erschossen, erstochen oder verbrannt. Zum Einsatz kam dabei auch ein sogenanntes Srbosjek, ein von einer deutschen Firma im Auftrag des Ustascha-Regimes hergestelltes Messer, das ursprünglich für den Einsatz in der Landwirtschaft konzipiert war. Der »Serbenschneider« machte Jasenovac zum Schlachthaus.

1997 veranstaltete das New Yorker Kingsborough Community College in Brooklyn eine internationale Konferenz über Jasenovac und den Holocaust in Jugoslawien. Maßgeblich organisiert von Barry M. Lituchy brachte sie erstmals Historiker aus Serbien und Kroatien zusammen. Es waren Wissenschaftler, die Kontroversen über ihre Forschungsergebnisse austrugen, etwa die Zahl der Hingemetzelten. Beteiligt waren aber auch Überlebende des staatlich organisierten Terrors. Die Ergebnisse dieser einmaligen Veranstaltung mit ihren Analysen und Augenzeugenberichten liegen in Zusammenarbeit mit allen Autoren – nach 22 Jahren – erstmals auch auf Deutsch vor.

»Jasenovac und der Holocaust in Jugoslawien« liefert Informationen zu Entstehung und Funktionsweise des größten Vernichtungslagers auf dem Balkan wie auch zum Genozid in anderen Teilen des von den Nazis zerschlagenen Jugoslawien und zur Rolle der deutschen Besatzer. Der Band geht außerdem der Frage nach, wie die Nazi- und Ustascha-Kriegsverbrecher nach dem Zweiten Weltkrieg Schutz finden konnten und welche Folgen die fehlende Aufarbeitung der Verbrechen im sozialistischen Jugoslawien nach 1945 schließlich hatte.

Bewegend wie erschreckend sind die Berichte der Überlebenden, die in dem Band versammelt sind. Ljiljana Ivanisevic war als Kind aus dem serbischen Dorf Veliko Nabrde nach Jasenovac deportiert worden, am 11. August 1942, knapp ein Jahr nach Eröffnung des Lagers. »Mein Golgatha begann«, schildert sie in ihren Erinnerungen, »als die Ustascha uns wie Sardinen in den Viehwaggons zusammenpferchte. Sowohl alte als auch junge Menschen starben, weil sie uns Nahrung und Wasser vorenthalten hatten.« Vom Zug ging es weiter zu Fuß, 14 Kilometer. »Wie alle anderen war auch ich barfuß. Wir mussten rennen. Überall war Blut, die Kinder schrien, und die alten und kranken Menschen fielen einfach um. Diejenigen, die nicht mehr weitergehen konnten, wurden an Ort und Stelle umgebracht. (…) Es war die Hölle auf Erden, und sogar noch schlimmer.« Kinder seien ihren Eltern weggenommen worden, die jüngeren Frauen wurden für Zwangsarbeitslager in Deutschland aussortiert, die Kinder für Kinderlager, die es nur in Kroatien gab. »Unsere Haare wurden bis auf die Kopfhaut abrasiert, (…) halb nackt, ohne Essen und Wasser, warteten wir auf den Tod. (…) Ich war so hungrig, dass ich lange an meinen Fingern gelutscht habe, bis sich die Haut ablöste und eine offene, eiternde Wunde zurückblieb.« Als Ljiljana Ivanisevic gerettet wurde, habe sie »überhaupt nicht wie ein menschliches Wesen« ausgesehen. »Ich konnte nicht gehen. Mein Körper bestand lediglich aus Knochen und einem aufgeblähten Bauch, der mit Wunden übersät war. Ich sah aus wie ein verhungertes Tier, verlassen und schmutzig.«

Unter dem Titel »Lügen mit Gottes Segen« war in der Taz vom 14. Juli zu lesen, wie kroatische Rechte den Holocaust kleinreden, die Verbrechen leugnen, relativieren, verfälschen. Auch in Deutschland. Die Reportage ist Beleg allein, wie wichtig es war, dass Barry M. Lituchy den Jasenovac-Band letztlich hat auch ins Deutsche übertragen lassen. Es ist ein antifaschistisches Bollwerk gegen Geschichtsvergessene und bekennende Ustascha-Fans, die weiter Zulauf haben.

Barry M. Lituchy: Jasenovac und der Holocaust in Jugoslawien: Analysen und Augenzeugenberichte. Verlagshaus Schlosser, Kirchheim 2019, 380 Seiten, 17,90 Euro

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Attentat kroatischer Nationalisten auf König Alexander I. in Mar...
    01.12.2018

    Instabiler Staat

    Vor hundert Jahren entstand das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. 1941 wurde es von den Nazis zerschlagen
  • Nach deutschem Vorbild: Kroatischer Wachposten (Propagandabild, ...
    09.04.2016

    Nazistatthalter in Zagreb

    Vor 75 Jahren hievten die faschistischen Besatzer Ante Pavelic und seine Ustascha im »Unabhängigen Staat Kroatien« an die Macht

Mehr aus: Antifa