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Aus: Ausgabe vom 19.08.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Krieg in Afghanistan

Ende nicht in Sicht

Blick aus der Kaserne: Daniel Pilar hat einen desinteressiert wirkenden Bildband über den Afghanistan-Krieg zusammengestellt
Von Matin Baraki
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Nach dem von einem deutschen Offizier angeordneten Luftangriff: Ein afghanischer Polizist vor einem ausgebrannten Tanklastzug in Kundus (4.9.2009)

Der Fotograf Daniel Pilar hat seit 2007 insgesamt neunmal, sagen wir es einmal so, Afghanistan besucht. Nun liegt der Bildband »Afghanistan endlos« vor. Wenn man der hier angebotenen Auswahl von Fotos trauen kann, dann dürfte er außer Bundeswehr-Kasernen wenig von Afghanistan gesehen haben.

In seinem Vorwort referiert er bezüglich der Ereignisse des 11. September 2001 die von den USA verbreitete Version, dass dieser Tag »die Kriegserklärung des Terrorismus an die Vereinigten Staaten« gewesen sei. Seiner Meinung nach habe sich die BRD danach zum ersten Mal nach 1945 an einem Krieg außerhalb des NATO-Vertragsgebiets beteiligt. Den Krieg gegen Jugoslawien hat er wahrscheinlich vergessen. Bei den Reisen galt, so gibt er an, sein Interesse den Menschen. Diese Behauptung wird durch die Bilder nicht gestützt. Sie zeigen oftmals gelangweilt wirkende Bundeswehr-Soldaten, die den Eindruck erwecken, kein übermäßiges Interesse an der Verteidigung des »Vaterlandes« am Hindukusch zu haben. Pilar erwähnt in einem Nebensatz, dass, was als »Friedenssicherung begann (…), immer mehr zu einem Kampfeinsatz mit allen Konsequenzen« wurde. Er spricht von einer Reise, die er »nahe der Feindeslinie« unternehmen wollte. Wer ist hier eigentlich der Feind? Die Afghanen, die, unter welcher Bezeichnung auch immer, ihr Land verteidigen, oder die Besatzer­armee?

Philipp Münch, ehemaliger Mitarbeiter der regierungsnahen Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und derzeit Dozent der Führungsakademie der Bundeswehr, hat für das Buch eine Einführung geschrieben. Die Bundesregierung habe, heißt es hier, »stets im Windschatten der USA« gestanden. Etwas anderes wäre auch überraschend. Denn als die USA den Krieg gegen Afghanistan angekündigt hatten, flehte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder sie an, mitmachen zu dürfen. Nicht die US-Vertreter im NATO-Hauptquartier in Brüssel, sondern der BRD-Mann dort drängte die NATO-Verbündeten dazu, den Bündnisfall zu erklären. Wer sich aufdrängt, muss sich mit der Taschenträgerfunktion zufriedengeben. Afghanistan sei allerdings »nie der Hauptbezugspunkt« für die USA und die BRD gewesen.

Aber mit Afghanistan hat die Militarisierung der deutschen Außenpolitik richtig Fahrt aufgenommen. Widersprüche der Begründung für diesen Krieg werden in dem Bildband referiert, aber nicht analysiert. Für den US-geführten Krieg gegen Afghanistan, so ist zu erfahren, hatte die »CIA (…) bereits zwei Jahre zuvor (…) einen detaillierten Invasionsplan erarbeitet«, der später als »The Greater Middle East«-Strategie (GME) der Neokonservativen bekannt wurde. Münch hebt hervor, dass die angeblichen oder tatsächlichen Attentäter des 11. September »überwiegend aus Saudi-Arabien stammten, sich in Hamburg fanden, mit saudischem Geld ihre Vorbereitung finanzierten«. Warum die USA dann nicht Saudi-Arabien, sondern Afghanistan den Krieg erklärten, bleibt unklar.

Die aus den NATO-Ländern gesandten Militäreinheiten hatten im formalen Auftrag der UNO die Aufgabe, unter dem Dach der ISAF (International Security Assistance Force) nur in Kabul die auf dem Petersberg bei Bonn gebildete afghanische Regierung zu schützen. Die westliche Militärallianz mandatierte sich selbst, übernahm im August 2003 das Kommando und dehnte ihren Einsatzraum auf ganz Afghanistan aus. Damit wurde der UN-Auftrag Makulatur und ISAF ein Etikettenschwindel.

Mit der Mandatsveränderung wurde die gesamte NATO, und damit auch die Bundeswehr, zur Kriegspartei. Dennoch sollten »auf keinen Fall« Nachrichten nach Deutschland gelangen, die den Bundeswehr-Einsatz »wie einen Kriegseinsatz erscheinen« ließen. Die Bundesregierung wollte den bei der deutschen Bevölkerung unbeliebten Einsatz als »Brunnenbaumaßnahme« verkaufen. Die Brunnen wurden in der Regel dort gebaut, wo die willfährigen Warlords das Sagen hatten. Darüber hinaus arbeiteten die Bundeswehr-Soldaten mit jenen Kräften am Hindukusch zusammen, die den Staatsapparat in Beschlag genommen hatten und die meisten Hilfsgelder in die eigene Tasche steckten. Damit wurde die Bundeswehr »zur Konfliktpartei«. Als am 4. September 2009 der Bundeswehr-Oberst Georg Klein an einem Flussbett steckengebliebene Tanklaster bombardieren ließ und dabei 174 Zivilisten, darunter Kinder, zerfetzt bzw. verbrannt wurden, gab es keinen Zweifel mehr, dass die Bundeswehr am Hindukusch kein Brunnenbauer ist bzw. »Deutschland verteidigt«, sondern Krieg führt.

Der versprochene Fortschritt blieb aus. Was den Afghanen aufgezwungen wurde, ist ein durch und durch korruptes, vom Westen völlig abhängiges Regime. Immerhin erfährt der Leser: Die vom Westen initiierten »widersprüchlichen und selbstbezogenen Maßnahmen haben offensichtlich die Probleme des Landes verstärkt«. Der Krieg in und gegen Afghanistan dauert inzwischen länger als der Erste und der Zweite Weltkrieg zusammen. »Ein Ende ist nicht in Sicht«, resümiert Münch lapidar.

Daniel Pilar: Afghanistan endlos. Kettler, Dortmund 2018, 111 Seiten, 38 Euro.

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