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Aus: Ausgabe vom 19.08.2019, Seite 11 / Feuilleton
Metal

Nach Rache schreien

Judas Priest werden 50, und ihr Gründungsgitarrist K. K. Downing teilt zur Feier des Tages aus
Von Frank Schäfer
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Hymnen an die Nacht: Judas Priest in Bestbesetzung (v. l. n. r.: Rob Halford, K. K. Downing, Glenn Tipton, Ian Hill, hinten: Scott Travis, 2006)

Es muss eine Epiphanie gewesen sein für den jungen Kenneth Downing aus Yew Tree, dem Sozialhilfeghetto am Rande von West Bromwich, als an einem Abend vor fünfzig Jahren dieser alte Ford-Transporter an ihm vorbeifuhr. Ein Bandbus. Er erkennt den Sänger Al Atkins. Downing hat bei ihm vorgespielt, ist aber abgelehnt worden, weil er den Blues nicht beherrschte, obwohl er ihn als Kind eines spielsüchtigen, schwer gestörten, gewalttätigen Vaters schon früh kennengelernt hatte. Downing liest die großen, in grünem Sprühlack nachlässig auf die Seite des vorbeifahrenden Fords geschmierten Buchstaben: Judas Priest. Er will jetzt vor allem eins – auch in diesem Bus sitzen.

Fasziniert von Jimi Hendrix, versucht er sich in mehreren Formationen. Mit Ian Hill am Bass gründet er schließlich Freight. Typische Haschermucke mit ellenlangen Gitarrensoli, die Downing mittlerweile spielen kann. Jetzt will Atkins bei ihm als Sänger einsteigen. Man sucht nach einem neuen Bandnamen, es gibt mehrere Vorschläge, aber Downing will davon nichts hören. »Warum können wir nicht einfach Judas Priest sein?« Atkins bleibt irgendwann auf der Strecke, dafür kommt jetzt Rob Halford in die Band. Seine durch Mark und Bein gehenden Eierkneifervocals definieren das Genre. Klassischer Heavy Metal kommt seitdem nicht mehr ohne diese kastratiös hochgesungene Erkennungsfanfare des Shouters aus.

Auf Spannung

Judas Priest gastieren ein paar Jahre lang an jeder Milchkanne Großbritanniens, bis das Indie-Label Gull auf die Band aufmerksam wird und sie unter Vertrag nimmt. Ein zweiter Gitarrist soll mehr Farbe ins Spiel bringen. Glenn Tipton ist der richtige Mann, der K. K. Downing, wie er sich jetzt nennt, zum Duell herausfordert. Von Anfang an hält ein beinharter Konkurrenzkampf die Gitarrenbruderschaft auf Spannung. Das Debütalbum »Ro cka Rolla« krankt vor allem an seiner schlappen Produktion und stilistischen Unausgegorenheit. Man scheint noch nicht genau zu wissen, was man machen will – Glam, Psychedelic, Hard Rock? Der Nachfolger »Sad Wings of Destiny« zeigt sich reifer, druckvoller, aber die Arrangements sind weiterhin verspielt, operettenhaft, »progressiv«, wie es der verwirrte Zeitgeist Mitte der 70er verlangt. Die dritte Platte »Sin Af ter Sin«, erstmals beim Major-Label CBS, klingt da schon homogener, und die wild gedroschene Schlussnummer »Dissident Aggressor« weist den Weg. Auf den beiden folgenden Alben aus dem Jahr 1978, »Stained Class« und »Killing Machine«, sind sie eine komplette Metalband, in Volledermontur. Als im Jahr darauf die »New Wave of British Heavy Metal« als das nächste große Ding ausgerufen wird, können sie sich mit einigem Recht als Vorreiter der Bewegung auf die Schulter klopfen lassen. Die nächsten Alben perfektionieren, sublimieren und kommerzialisieren nur noch das Konzept. Jetzt entstehen die Hits und Hymnen – »Brea­king the Law«, »Metal Gods«, »You’ve Got Another Thing Comin’«, »Free­wheel Burning« usw. usw. Jedes der nun folgenden Alben aus der ersten Hälfte der Achtziger, »British Steel«, »Point of Entry«, »Screaming for Vengeance« und »Defenders of the Faith«, gehört mehr oder weniger zum Kanon.

Aber irgendwann in dieser Zeit bekommt die Kreativpartnerschaft von Downing und Tipton einen Knacks. Tipton beansprucht immer mehr Raum für seine Soli und Riffs, er beginnt die Band zu dominieren. 1991 will Downing zum ersten Mal den Bettel hinschmeißen. Die Zeiten sind für klassischen Metal ohnehin schlecht. Judas Priest reagieren und überschreiten die Grenze zum Speed Metal, was ihnen viel Achtung in der Szene einbringt, sich aber nicht auszahlt. Kommerziell ist »Painkiller« eine Enttäuschung. Rob Halford kommt Downing zuvor, er steigt aus, um mit seinem ruppigen Projekt Fight Anschluss an den Zeitgeist zu bekommen, aber auch das misslingt auf ganzer Linie.

Für eine Weile sieht es so aus, als seien Judas Priest Geschichte. Man hält die Füße still, lebt von den Tantiemen, und Downing regt sich ab. Man probiert es mit einem neuen Sänger, Ripper Owens, und einem an den 90er-He roen Pantera geschulten Stil. »Jugulator« und »Demolition« sind viel zu hart, so etwas will keiner hören. Als Sharon Osbourne ihnen schließlich ein lukratives Angebot für eine Reunion auf dem Ozzfest macht, haben es Judas Priest weitaus nötiger als Rob Halford, der in der Zwischenzeit Roy Z gefunden hat, einen talentierten Songwriter, Produzenten und Stilmimetiker, mit dem er zur Freude der Fans die alten Priest-Zeiten wiederaufleben lässt.

Eine Verletzung

Doch im Grunde wünschen sich alle eine Reunion. Die kommt dann auch mit dem erwartbar rückwärtsgewandten Album »Angel of Retribution«. Kein großer Wurf, aber es beschert ihnen volle Hallen. Man will sie einfach wieder live sehen. Und schon schleicht sich erneut die Ambition durch die Studiohintertür. Sie hört auf den Namen »Nostradamus«. Ein enttäuschendes Konzeptalbum. Man sieht vor lauter Riffs die Songs nicht mehr. Downing muckelt, versteht die Metal-Welt nicht mehr, wünscht sich Altersteilzeit. Noch ein paar Jahre touren, aber nicht noch einmal monatelang ins Studio. Tipton hingegen will die Scharte mit neuem Material auswetzen und hat den Rest der Band auf seiner Seite. Also haut Downing 2011 in den Sack und verpasst damit den grandiosen Schwanengesang. »Redeemer of Souls« schlägt die Wegmarken ein, aber mit »Fire­power« ist man vollends zurück, nämlich bei »Screaming for Vengeance« und »Defenders of the Faith«. Kein bloßes Gebretter mehr, das den Jüngeren sowieso leichter von der Hand geht, sondern Hymnen, die einen durch die tiefe Nacht begleiten, Refrains, die nicht mehr den Umweg über das Zerebrum machen müssen, sondern sich gleich mit dem vegetativen Nervensystem verbinden, und unvergessliche Pathos-Slogans, die der Heldentenor Halford mit der ihm eigenen Intensität ins Langzeitgedächtnis meißelt. Man kann sich den Priest-Fan tatsächlich wieder als glücklichen Menschen vorstellen.

Downing hat das natürlich alles mitbekommen und sich entsprechend geärgert, und so nutzt er seine Autobiographie »Leather Rebel. Mein Leben mit Judas Priest«, um ordentlich auszuteilen gegen seine Nemesis Glenn Tipton. Wer sich wirklich einschlägig über Judas Priest informieren will, soll lieber Matthias Maders Biographie »Der stählerne Weg von Judas Priest« lesen. Downing hat kein besonderes Talent zu erzählen, er berichtet sachgemäß, hakt die Fakten ab, aber Anekdoten und Geschichten fallen ihm nur zu seiner Kindheit und Jugend ein, Tourleben und Studioaufenthalte bleiben blass. Beeindruckend ist dieses Buch dennoch, als Dokument einer großen Verletzung. Judas Priest haben ihn damals aus der Gosse von West Bromwich geholt, und trotzdem bemerkt man die Unzufriedenheit, die unterschwellig brodelt, weil ihm Tipton seine Band weggenommen hat. So wie er sie damals Al Atkins weggenommen hatte.

K. K. Downing/Mark Eglinton: Leather Rebel. Mein Leben mit Judas Priest. Aus dem Englischen von Jenny Rönnebeck. I.-P.-Verlag, Berlin 2019, 224 Seiten, 21,90 Euro

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