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Aus: Ausgabe vom 19.08.2019, Seite 10 / Feuilleton
Vogelschau

Der Spatz von Nürnberg

Minima ornithologica: Einfach ist ja nichts, aber einer wird sich behaupten
Von Jürgen Roth
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Hüpfen, quatschen, flattern: Wuselwechselverhältnisse der betörendsten Art

Am Frauentorturm prügeln sich einige Russen und schneiden einem der ihren den Hals auf, zu verlieren haben sie die Ehre oder ihr Leben oder eine Flasche Schnaps, wir trinken Bier, es ist zehn Uhr morgens, Falstaff kommt uns in den Sinn.

Die Sonne steigt über die Stadtmauer, ein Krankenwagen fährt vor, an den Nebentisch im Straßengarten des »Pillhofer« setzen sich ein paar Jugendliche, zwei von ihnen wollten erst nicht hierherkommen, »weil da ein Krankenwagen steht«, wie sie sagen.

Eine halbe Stunde später wird ein Reinigungslaster der Städtischen Werke vor die Stadtmauer rangiert, ein Mann springt aus dem Führerhaus, entrollt einen Schlauch und spritzt das Pflaster ab, die Jugendlichen essen Bratwürste und Schweinshaxen und Suppen, der Sanker ist weg, die Russen sind weg.

Zwischen den Füßen beginnt es, das Frohtschilpen. Aus dem Handwerkerhof oder der Königstraße sind sie heran­geeilt, vielleicht residieren sie an der Lorenzkirche, unter Giebeln, Simsen, im Mauerwerk. Eine Delegation rückt bis zum Eingang des Gasthauses vor, man spricht sich rasch ab und versucht, ins Lokal hinein- und ebenda gehörig einzuschreiten.

Der Vormarsch wird abgeblasen, zugunsten der nun gesamtgemeinschaftlichen Erkundung des Reiches zu Füßen der Menschen an den Tischen aus Holz.

Es sind Wuselwechselverhältnisse der betörendsten Art – ein regelloses Hin und Her, Verneinung des Verharrens, hüpfen, quatschen, flattern, verwirren, es dürfte den Ordnungshütern der Welt, die ihre Mörder sind, nicht schmecken, wir heißen es gut, schräg gegenüber ein stumpfes Gothic-Pärchen, er mit Armnetzstrümpfen, sie in einer unförmigen prallen kurzen Lederhose, schwarz und leblos und gleichgültig.

Mildes Kastanien- oder Staubbraun, ein paar dunkle Tupfer auf den Flügeln, die helle, gräuliche oder joghurtfarbene Brust, der rosa, konische Schnabel – rechts von uns, rund um ein Stuhlbein, macht sich der Jungspatz und Frechfratz zu schaffen, pickt, blickt auf, gibt kurz Laut, versichert sich der Anwesenheit seiner Genossen, inspiziert hier den Boden, inspiziert da den Boden, weiter geht’s, wir gucken ihm zu, und auf einmal schaut er uns an, ein paar Sekunden lang, ja, er schaut uns an, nicht irgend etwas, nicht irgendwen, uns, womöglich fragend, ob es okay sei, was er hier tue, oder was spricht aus seinem dunklen, strahlenden Knopfauge?

Weltheit. Weissicht. Melancholie, Trotz. Erschrocken und tüchtig, entsetzt und tatkräftig – ist er dies, ist er das, unser Kleinspatz? Was sehen wir?

In der »Café Bar« in der Gastronomiepassage des Bahnhofs stehen in Regalen hinter dem Tresen zweihundertsechzehn leere Flaschen Bier. Im Fernsehen läuft ein Film über ein Fischverarbeitungsschlachtschiff.

Während der Heimfahrt das Mittagslicht wie ruhiges Feuer, ein Lodern in den verbliebenen Bäumen am Bahndamm. So einfach ist ja nichts, aber der Spatz wird sich behaupten.

Tun können wir nichts, außer es zu vergeigen. Das Feld, der Waldrand, sein und bleiben, nicht mehr bewegen, Säume, Blätter, ausgeschüttete Naturfarbtöpfe, Bussarde steigen kreisend auf, hören können wir sie durchs Zugfenster nicht.

In der Serie Minima ornithologica:

Vermutlich ist es so, dass Vögel keine Karriere machen, sondern in Ruhe gelassen werden wollen. Bisweilen wollen sie sich auch zeigen.

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