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Aus: Ausgabe vom 17.08.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Wandbilder UdSSR

Wider das Vergessen

Das Erbe der sozialistischen Mosaikkunst droht im postsowjetischen Raum zu verschwinden. Der Bildband »Mosaiki« fängt die Vielfalt ein
Von Matthias Reichelt
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In Kirgistans Hauptstadt Bischkek lassen sich Mosaike nicht nur auf Gebäuden der Universität finden, sondern auch auf Wohnhäusern: Traditionelle Darstellung im Fünften Mikrorajon der Stadt von 1975 (2018)

Lodernde Flammen einer glühenden Sonne umgeben das Haupt der Gerechtigkeitsgöttin an einem Justizgebäude in Duschanbe in Tadschikistan. Obwohl das Mosaik 1993, also in der postsowjetischen Zeit, fertiggestellt wurde, lässt es doch formal große Ähnlichkeit mit vielen anderen Mosaikarbeiten aus diversen Republiken der früheren UdSSR erkennen. Zu sehen ist es in dem reich bebilderten und im März erschienenen Buch von der Pädagogikprofessorin Katja Koch und dem Kunstdozenten Aram Galstyan. Die beiden Autoren haben sieben Jahre lang auf vielen Reisen recherchiert und den Zustand der Werke dokumentiert.

Mit ihrer umfassenden Publikation arbeiten sie an gegen das drohende Verschwinden und Vergessen einer spezifischen Kunstform in den ehemaligen sozialistischen Ländern. Diese Kunstgattung im öffentlichen Raum wurde bislang nie systematisch dokumentiert, denn »eine lückenlose Erfassung der Mosaiken ist aufgrund ihrer Menge schier unmöglich«, wie die Herausgeber formulieren. Wie viele dieser Wandbilder bereits der kapitalistischen Umwälzung in den diversen, nun eigenständigen Staaten zum Opfer gefallen sind, ist also schwer zu sagen. Allein in der Ukraine ist mit dem 2015 erlassenen »Dekommunisierungsgesetz« die Grundlage geschaffen worden, alle Reminiszenzen der Sowjetzeit verschwinden zu lassen. Den Rest besorgt die Privatisierung von Gebäuden. Jetzt prägen die üblichen Werbungen für nationale und internationale Produkte auf Stellwänden, Zäunen und Gebäuden nicht nur in der Ukraine das Antlitz der Städte, und dennoch haben etliche dieser Wandbilder überlebt oder sind noch in Spuren erkennbar. Auf den ersten Blick scheinen sich die Motive, Arbeitsdarstellungen in Industrie und Landwirtschaft, und die stilisierten sozialistischen Menschenfiguren zu wiederholen. Neben den typischen agitatorischen Motiven mit hammerschwingenden Arbeitern, bewehrten Rotarmisten und dem Hammer-und-Sichel-Symbol, fallen allegorische Darstellungen zu Raumfahrt und Medizin ins Auge. Hinzu gesellen sich Allegorien aus Technik, Wissenschaft und Sport, die als Mosaike bis hin zu voluminösen Reliefs Fassaden von öffentlichen Gebäuden und auch Wohnhäusern verzieren. In der Ikonographie sind auch Anleihen bei Mythologie und Religion auszumachen.

Jenseits des meist von den postsowjetischen Administrationen betriebenen Dekonstruktionsprozesses nehmen sich Initiativen diesem Bilderbe nicht aus nostalgischem, sondern aus kulturhistorischem Interesse an. Beispielhaft erwähnen die Autoren die Gruppe STAB (School of Theory and Activism, Bischkek) in Kirgistan, die sich dort um das kulturelle Gedächtnis bemüht.

Übrigens finden sich in dem Bildfundus auch mythologische Motive und ebenso enthalten manche Darstellungen religiös geprägte Elemente. So erinnern manche Mutter-Kind-Darstellungen an die christliche Ikonographie. In der äußerst verdienstvollen dokumentarischen Übersicht, die die beiden Autoren nach thematischen (Arbeit, Bildung) und funktionalen (Kultur, Freizeit, Erholung und Wohnen) Aspekten geordnet haben, widmeten sie auch den Bushaltestellen ein eigenes Kapitel. Oftmals ist bei den Fassaden der Wartehäuschen jegliche Figuration verschwunden und sie zeigen statt dessen ornamentale Formen, mit Anleihen aus der islamischen Kultur.

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    Verkörperung von Alltagshelden: Feuerwehrgebäude in Georgiens Hauptstadt Tbilissi, von Giwi Kerwalischwili 1979 in Szene gesetzt
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    Ehemaliges Sanatorium im georgischen Bordschomi. Der Kurort im Kleinen Kaukasus ist berühmt für seine Heilquellen
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    Ornamentale Formen mit Anleihen aus der islamischen Kultur: Bushäuschen an der Saljan-Neftschahala-Fernstraße in Aserbaidschan
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    Einfache Gebäude, durch Mosaike individualisiert: Die usbekische Hauptstadt Taschkent ist einzigartig in dieser Vielfalt
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    Modernistische Mosaikkunst in Balti, der zweitgrößten Stadt Moldawiens

Katja Koch und Aram Galstyan: Mosaiki. Bruchstücke einer Utopie: Mosaiken im postsowjetischen Raum. Lukas Verlag, Berlin 2019, 288 Seiten, 510 Abb., 39,80 Euro

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