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Aus: Ausgabe vom 17.08.2019, Seite 8 / Ansichten

Der Preis des Lobs

Polen unterstützt US-Marinemission
Von Reinhard Lauterbach, Poznan
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Gemeinsame Interessen: Polens Präsident Duda (l.) besuchte im Juni US-Präsident Trump (r.) in Washington

Als der US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, damit »drohte«, US-Soldaten aus Deutschland nach Polen zu verlegen, fühlte sich Warschau wieder einmal geschmeichelt und aufgewertet. Als US-Präsident Donald Trump es danach etwas zu toll trieb und bei einer Pressekonferenz am 9. August sagte, Polen sei phantastisch und das einzige Land weltweit, das den USA auf eigene Kosten eine ganze Militärbasis einrichte, fiel sogar Teilen der politischen Klasse in Warschau auf, dass sich der »Transaktionspolitiker« Trump da über seine treuesten Vasallen in Europa objektiv lustig machte. Große Folgen hatte das bisher nicht. Außenminister Jacek Czaputowicz schob am Freitag morgen in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur nach: Polen sei auch bereit, jene US-Marinemission im Persischen Golf zu »unterstützen«, der Berlin gerade eine Absage erteilt hatte.

Aus Sicht der polnischen Regierung ist alles gut, was die Position der BRD in der EU schwächt. Unter Führung der PiS will Polen sich eine eigene regionale Hegemoniesphäre in Osteuropa schaffen. Der Preis dafür ist bedingungslose Loyalität Warschaus gegenüber der einzigen Macht, die den Einfluss der BRD, der im Ergebnis der EU-Osterweiterung wuchs, eingrenzen kann. Diplomatisch heißt das in den Worten von Czaputowicz: Man müsse »alles dafür tun, dass die USA das Interesse an Europa nicht verlieren«.

Widersprüchlich ist, dass das Land zum politischen Subjekt werden will, indem es sich zum Objekt US-amerikanischer Strategien macht – und dafür erhebliche Gefährdungen der eigenen Sicherheit billigend in Kauf nimmt. Es ist die »Vorwärtsstationierung« von US- und anderen NATO-Einheiten, die dazu geführt hat, dass Polen in einem möglichen Krieg in Europa dessen Hauptschauplatz werden dürfte. Wo die USA im Rahmen der NATO einen Stützpunkt in Polen für US-Militärausrüstung wohlweislich außerhalb der Reichweite der in Kaliningrad stationierten »Iskander«-Raketen gewählt haben, installiert Warschau in Redzikowo bei Slupsk ab 2020 eine US-Raketenabwehrbasis, die mit Sicherheit ganz oben auf der Zielliste stehen würde. Während die BRD vom Frontstaat zur rückwärtigen Logistikbasis eines NATO-Feldzugs wird, träumt das offizielle Polen davon, den weltpolitischen Aufstieg der BRD durch ihre Positionierung als Frontstaat im ersten Kalten Krieg im Zweiten zu wiederholen.

Polens Eliten haben seit den Teilungen im 18. Jahrhundert immer wieder ein politisches Comeback als Parteigänger auswärtiger Inter­essen versucht: als Unterstützer des napoleonischen Imperiums, als antisowjetische Frontstaatherrscher in den zwanziger Jahren – und immer mussten sie die Erfahrung machen, dass »Verbündete« Polen allein ließen, wenn es ernst wurde. So wie 1939. Heute herrschende polnische Politiker hoffen, dass die USA das anders machen würden. Naivität aus Berechnung – das ist das grundlegend Widersprüchliche an der Haltung Warschaus.

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