Gegründet 1947 Donnerstag, 19. September 2019, Nr. 218
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 17.08.2019, Seite 2 / Inland
Protest vor Erstaufnahmeeinrichtung

»Nostorf-Horst ist ein Skandallager für Geflüchtete«

Mit klassischer Musik gegen staatlichen Rassismus: Solikonzert in Mecklenburg-Vorpommern geplant. Ein Gespräch mit Cornelia Weigel
Interview: Markus Bernhardt
Erstaufnahmeeinricht_52794252.jpg
Musik würde die Menschen hier stören, meint die Behörde: Das Erstaufnahmelager Nostorf-Horst bei Boizenburg (10.3.2015)

An diesem Sonntag wollen Sie mit 70 Musikerinnen und Musikern ab 12 Uhr ein Aktionskonzert für Geflüchtete aufführen. Auf Ihrem Programm stehen Werke von Franz Schubert und Giuseppe Verdi, zudem Stücke aus Afghanistan oder Syrien. Das Ganze soll unmittelbar vor dem Erstaufnahmelager Nostorf-Horst in Mecklenburg-Vorpommern stattfinden. Woher kam die Idee?

Wir möchten für die im Lager untergebrachten Geflüchteten ein Konzert als eindeutiges Willkommenszeichen spielen und so die Isolation der Menschen dort durchbrechen. Das zuständige Landesamt für Migration und Flüchtlingsangelegenheiten verwehrt uns bislang, das Konzert direkt im Lager aufführen. Aber das wollen wir nach wie vor.

Warum haben Sie sich für dieses Erstaufnahmelager entschieden?

Horst ist organisiert wie ein sogenanntes ANKER-Zentrum. Das Lager liegt völlig abgelegen in einem Waldstück im ehemaligen Grenzstreifen zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Kontakt der Bewohner zur dortigen Bevölkerung ist unerwünscht. Die brutalen, nächtlichen Abschiebungen, die neuerdings mit Durchsuchungen des gesamten Lagers einhergehen, sollen nach außen hin unbemerkt erfolgen. Unterstützungsinitiativen, die sich für die Belange der Geflüchteten einsetzen, wird der Zugang zum Lager verwehrt. Die medizinische Versorgung ist katastrophal bis nicht existent. Das Kantinenessen ist immer gleich und unzureichend, selbst zu kochen ist verboten. Immer wieder kommt es zu gesundheitlichen Komplikationen, etwa bei Schwangeren. Wer die seltene Rechtsberatung einer NGO in Anspruch nimmt, muss hierzu das Lager verlassen und wird registriert. Den 50 Kindern wird kein Schulunterricht angeboten. Horst ist ein Skandallager und Ausdruck von staatlich organisiertem Rassismus.

Gehen Sie davon aus, dass die Lagerleitung Ihr Konzert vor den Toren des Lagers dulden wird?

Es ist durch das Demonstrationsrecht geschützt. Der freie Zugang zum Lager ist formal möglich, wird aber de facto stark behindert. Wir werden sehen, was passiert.

Was konkret wollen Sie mit Ihrem Protest erreichen?

Das Lager Horst muss geschlossen werden. Das ist auch möglich. Hamburg wird die Belegung von Horst bereits Ende September beenden. Und auch in Mecklenburg-Vorpommern gibt es ungenutzten Wohnraum, in dem die Menschen dezentral untergebracht werden könnten. Außerdem müssen bereits vor der Schließung Missstände behoben werden: keine ständige Angst vor Abschiebungen, keine nächtlichen Durchsuchungen des Lagers nach Einzelpersonen, des weiteren muss der Zugang zu Ärztinnen und Ärzten, Psychotherapie, Rechtsberatung, Schulbesuch für Kinder und Kochmöglichkeiten angeboten, Bewegungsfreiheit muss gewährt werden. Kurzum: Wir möchten dazu beitragen, dass den Geflüchteten ein menschenwürdiges Leben ermöglicht wird.

Ein Konzert mit klassischer Musik zu veranstalten ist nicht gerade eine übliche Protestform. Welche Reaktionen haben Sie bei vergangenen Aktionen erhalten?

Wir treten stets in Konzertkleidung auf und haben von Querflöte bis Kontrabass alle Orchesterinstrumente dabei. Die Musik suchen wir thematisch passend aus, Texte schreiben wir vielfach neu. Wir verbinden ganz bewusst Protest und zivilen Ungehorsam mit Elementen der bürgerlichen Kultur. Bei unseren Aktionen hat die Polizei es mit Chor und Orchester zu tun. In der Regel trägt das zur Deeskalation bei. Räumungen dauern wegen der wertvollen Instrumente meist lange.

Schon in der Vergangenheit haben Sie Konzerte vor anderen Institutionen abgehalten, von denen Gefahr ausgehe. Wo sind Sie gewesen?

Die Liste ist mittlerweile lang, da es das Musiknetzwerk »Lebenslaute« bereits seit 1986 gibt. Wir haben mehrfach auf dem geplanten Luft-Boden-Schießplatz Wittstock und dem Truppenübungsplatz Colbitz-Letzlinger Heide gespielt, vor einem Großbagger im Braunkohletagebau Hambach oder im Endlager Gorleben. Letztes Jahr haben wir stundenlang die Zentrale des Inlandsgeheimdiensts in Köln blockiert (siehe jW vom 22.8.2018), da er sich jeglicher Kontrolle entzieht und durch die Unterstützung von Neonazistrukturen bereits Menschen getötet wurden.

Cornelia Weigel engagiert sich im Netzwerk »­Lebenslaute«

lebenslaute.net

Ähnliche:

  • Neonazis Paroli bieten: Demonstranten gegen einen extrem rechten...
    28.04.2018

    1. Mai in Sicht

    Bundesweit Demonstrationen von Gewerkschaften und radikalen Linken. Rechte wollen Feiertag der Arbeiterbewegung vereinnahmen