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Aus: Ausgabe vom 16.08.2019, Seite 12 / Thema
Hippiebewegung

Kapitaler Mythos

Oder: Drug Illness in Bethel. Vor fünfzig Jahren fand in den USA das Woodstock-Festival statt
Von Frank Schäfer
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Das Ende der Hippiebewegung im Zeichen des Kommerzes – geschätzt 400.000 Menschen kamen im August 1969 nach Bethel im Bundesstaat New York, um Teil eines Mythos zu werden, der bis heute wirkmächtig ist (Bethel, 16.8.1969)

»Hunderte Morgen Land zum Wandern«, so ist die Mail-Order-Anzeige überschrieben, die man im Sommer 1969 in allen wichtigen US-Publikationen lesen konnte. »Geht doch mal drei Tage lang spazieren, ohne einen Wolkenkratzer oder eine Verkehrsampel zu sehen. Lasst einen Drachen steigen, legt euch in die Sonne. Kocht euch das Essen selber und atmet saubere Luft. Zeltet draußen: Wasser und Toiletten sind vorhanden. Zelte und Campingartikel gibt es im Campinggeschäft.« Musik soll es auch geben, aber die Kunstausstellungen, der Schmuck-, Klamotten- und Antiquitätenmarkt, die angebotenen Workshops und natürlich das grandiose Naturerlebnis sind den Veranstaltern augenscheinlich eher der Rede wert. Die »Woodstock Music and Art Fair« vom 15. bis zum 18. August 1969 sollte von Anfang an mehr als ein Konzert sein – ein Stammestreffen, eine Kirchenversammlung, eine Manifestation des gerade angebrochenen »Wassermannzeitalters«, mithin eine Leistungsschau der Gegenkultur.

Aber noch bevor die erste Eintrittskarte weggeht, gibt es bereits Gerede in der Lower East ­Side von New York, wo die linke Subkultur situiert ist: Mit einem Event wie Woodstock werde die politische Bewegung verraten und verkauft. Abbie Hoffman, demogestählter Leader der Youth International Party, der sogenannten Yippies, verlangt eine 10.000 Dollar hohe Parteispende, sonst könne er für einen reibungslosen Ablauf nicht garantieren. Er und seine Kombattanten hatten erst im Jahr zuvor den Parteitag der Demokraten aufgemischt, und so zögern die Veranstalter nicht lange, ihm das Geld ganz unbürokratisch zur Verfügung zu stellen.

»Please Force«

Der grundsätzliche innere Widerspruch des Festivals, die von Anfang an inkriminierte Verbindung von Big Business und Hippieaktionismus, lässt sich ziemlich einfach zurückführen auf die gemischte Gesellschaft der Veranstalter. Vier Personen waren an der Grundsteinlegung des Woodstock-Mythos maßgeblich beteiligt: die beiden New Yorker Wall-Street-Typen John Roberts und Joel Rosenman sowie Michael Lang und Artie Kornfeld, zwei hippe Exponenten der Counterculture. Kornfeld macht die gesamte Öffentlichkeitsarbeit, Roberts und Rosenman übernehmen die Verwaltung, die Abwicklung des Ticketverkaufs etc., und Lang kümmert sich um die Bühne, die PA-Anlage, die Künstler und die übrige Organisation. So engagierte er zunächst mal einen Sicherheitschef: Wes Pomeroy, ein stiernackiger Cop in den späten Vierzigern mit scharfem Bürstenhaarschnitt, hatte für Nixon gearbeitet und konnte mit Rockmusik absolut nichts anfangen, aber er unterstützte ein fortschrittliches, in diesen Jahren keineswegs gängiges Deeskalationskonzept. Zusammen mit dem Organisationsfaktotum Stanley Goldstein, Langs linker Hand, entwickelte Pomeroy die Idee der »Please Force« (anstelle einer regulären »Police Force«): Soldaten und Polizisten sollten nur außerhalb des Festivalgeländes eingesetzt werden und die eigentlichen Securitys unbewaffnet und ohne Uniform patrouillieren, ganz leger in Jeans und roten T-Shirts bzw. Blazern mit aufgesticktem »Peace«-Schriftzug. Diese Maßnahmen und die entsprechenden Verhaltensregeln, die man den Ordnern ans Herz legte, bewährten sich später.

Stanley Goldstein stellte dann den Kontakt zu Wavy Gravy und dessen Hog Farm her, einer in bunten Schulbussen durch die USA mäandernden Hippiekommune, die eine drogeninduzierte, »freaky« Lebensweise mit einem ökologischen und zutiefst philanthropischen Bewusstsein verband. Die 80 Frauen und Männer werden zehn Tage vor Beginn des Festival eigens aus New Mexico eingeflogen. Als sie in New York landen, gibt es einigen Presserummel, weil bei den Journalisten durchgesickert ist bzw. weil man ihnen eingeflüstert hat, dass die Hog Farm auch Sicherheitsaufgaben übernehmen werde. Dieser drogenverwirrte Haufen soll für Sicherheit sorgen? Was für Waffen ihnen dabei zur Verfügung stünden, wird Wavy Gravy gefragt. »Sprudelflaschen. Sprudelflaschen und Sahnetorten.«

Vor allem aber hat man sie engagiert, um während der Veranstaltung die Massen zu bekochen und sich um die vielen unerfahrenen Städter zu kümmern, für die das vermutlich die erste Nacht unter freiem Himmel sein würde. Und nicht zuletzt wollten die Veranstalter Leute vor Ort haben, die etwas vom Umgang mit Drogen und den dabei auftretenden Problemen verstehen, denn allen war klar, dass es die geben würde – bei der erwarteten subkulturellen Klientel, die noch mehr als von der Musik von chemischer Unterstützung abhing. Auch das ein vorausschauender Entschluss. Die Ärzte, von den vielen Acidkranken überfordert, ließen sich gern unter die Arme greifen. Sie »schauten uns zu und sahen, dass wir Erfolg hatten«, schreibt Wavy Gravy in seiner Autobiographie, »also schickten sie uns alle Ausgeflippten rüber. So florierte unser Geschäft mit ausgeflippten Mitbürgern plötzlich im großen Stil.«

Ein passender Ort

Schwierig gestaltete sich die Suche nach dem passenden Veranstaltungsort. In Woodstock sollte es schon sein, zumindest musste das Festival so heißen, denn diese bereits zur Jahrhundertwende beliebte Künstlerkolonie war mittlerweile »Dylan’s Country«. Hierhin hatte sich die nach ihrem Motoradunfall rekonvaleszente Ikone zurückgezogen und andere, The Band, Blood, Sweat & Tears, Janis Joplin und ihre Kozmic Blues Band, waren ihm gefolgt. Der Name Woodstock setzte sofort die Gerüchteküche in Gang. »Viele Leute sprachen mich an, auf Bob Dylans Farm sollte ein riesiges Musikfestival stattfinden«, erinnert sich Abbie Hoffman. »Aber als ich erfuhr, was wirklich los war, dass es nicht auf Dylans Farm stattfinden würde – dass es nicht einmal in Woodstock stattfinden würde –, wusste ich, dass die Veranstaltung ein gewaltiges Ereignis werden würde, es war bereits ein solcher Mythos, dass alle Leute erstaunliche Geschichten darüber erfanden.«

In Woodstock findet man nichts Passendes. Beziehungsweise will man sie hier nicht haben. Aber dann erzählt ihnen Max Yasgurs Neffe von den Ländereien seines Onkels in White Lake, Town of Bethel, Sullivan County. Das ist etwa eine Autostunde entfernt. Und hier gibt es alles: genügend Zufahrtsstraßen, Wälder, einige Seen – und eine 14 Hektar große, also geschätzte 350.000 Menschen fassende, pittoresk in einer leichten Talsenke gelegene Wiese. Ein »natürliches Amphitheater«, und sowohl optisch als auch akustisch der ideale Austragungsort für diese Art von Veranstaltung.

Auch in Bethel gibt es Widerstand. Yasgurs Frau Miriam erinnert sich an ein Schild, das jemand aus der Gemeinde an der Zufahrtsstraße zur Farm aufgestellt hatte: »Don’t buy Yasgur's milk, he loves the hippies«. Aber Yasgur hat sein Wort gegeben und seine volle Unterstützung angeboten, und er ist ein Mann, der solche Versprechen hält. Einige der Mitbürger und Nachbarn von White Lake werden ihm das nie verzeihen – und sie haben ihre Gründe. Eine Woche, nachdem die Massen abgerückt sind, die Aufräumungsarbeiten dauern noch weitere drei Wochen an, tut der benachbarte Farmer Clarence Townsend der Sunday News seinen Unmut kund: »Sie richteten eine Klärgrube auf unserem Grundstück ein. Und wir hatten am Ende keinen Zaun mehr, sie gebrauchten ihn als Feuerholz. Mein Teich ist ein Sumpf, und mein Feld nutzten sie als Latrine.« Bei den nächsten Kommunalwahlen löst ein Republikaner den bisherigen demokratischen Bürgermeister von Bethel ab. Er braucht keine großen Wahlgeschenke zu machen, es reicht das Versprechen: »No more Woodstock.«

Die ersten Besucher treffen etwa eine Woche vor dem avisisierten Beginn des Festivals ein, und seit Mittwoch, dem 13. August, nimmt der Zustrom stetig zu. »Die meisten Frühankömmlinge waren vom harten Kern der permanenten Dropouts«, berichtet der Rolling Stone. »Ihre Haare, ihre Manieren, ihr Jargon ließen keinen Zweifel daran, dass ihr Amerika schon längst ein Land der Kommunen, der Revolten oder ganz einfach eines besinnlichen Lebens in den Wäldern war. In der kühlen Nacht machten sie Musik und tanzten, saßen um Feuerstellen, reichten Joints herum und rauchten Haschisch von Nadelspitzen. Keine Verhaftungen, keine Bullen, kein Streit; alles cool.«

Wachsendes Chaos

Zu Anfang, so erinnert sich der Fotograf Henry Diltz, war der Veranstaltungsort »ein idyllisches Sommerlager, Hippiezimmerleute schlugen Nägel ein, das ganze Feld ein Meer grüner Luzerne. Dann saß eines Tages ein Grüppchen von vielleicht zwanzig, dreißig Leuten herum. Tags darauf waren es tausend, am nächsten Tag viertausend.« Sie kommen den Highway 17 herauf, der den Bundesstaat teilt und von New York bis Jamestown führt, um hinter Monticello, dem Verwaltungssitz des Sullivan County, für die letzten 15 Kilometer in die nur zweispurige 17B einzubiegen. Angesichts fehlender Parkmöglichkeiten ist die Straße bereits am Donnerstag kilometerweit mit geparkten Autos zugestellt. Das Chaos nimmt hier seinen Anfang.

Geschätzte 25.000 Camper beziehen am Nachmittag das Hügelgelände. »Als der Donnerstag sich neigte«, schrieb der Rolling Stone, »war in der ganzen Umgebung das Glück im Gras einem explosiven Großstadtgewühl gewichen. Schwache kleine Zäune – notdürftig errichtet, um die Massen in irgendwelche Bahnen zu lenken, ohne den Verdacht aufkommen zu lassen, man wolle sie gängeln – wurden umgerissen oder überrannt; Autos und Lastwagen hoppelten über die Wiese; zwischen Kuhfladen und Steinhaufen schossen Zelte aus dem Boden. Während der ganzen Nacht wurde weiter aufgebaut, und schon verbreiteten Scheißkabinette ohne Toilettenpapier ihre strenge Duftnote. Die Lebensmittelversorgung wurde knapp und unregelmäßig, und an den Wassertanks bildeten sich lange Schlangen.«

Dann bricht der Freitag an – und Hunderttausende machen sich auf den Weg in die unteren Catskill Mountains. Die Behörden gehen später von einer guten Million Menschen aus, die an diesem Wochenende unterwegs nach Bethel sind. Rund die Hälfte soll ihr Ziel nie erreicht haben. Als Joe Boyd, der Manager der Incredible String Band, nachmittags in Monticello landet, haben »sich die Zufahrtsstraßen schon in Parkplätze verwandelt. Wir flogen in einem alten Armeehubschrauber, dessen Tür während des Fluges offen stand, zur Bühne (…) und schauten aus hundert Metern Höhe auf die Landschaft der Catskills, auf stehende Autoschlangen, Zelte und kleine, farbenprächtige Armeen, die über die Wiesen marschierten.«

Währenddessen löst sich auf dem eigentlichen Festivalareal die betriebswirtschaftliche Logistik in Wohlgefallen auf. Die Verantwortlichen suchen händeringend nach Möglichkeiten, den Zustrom zu kanalisieren. Vor laufender Kamera wird der Konzertpromoter Bill Graham von der Off-Stimme »mal ganz praktisch gefragt«, was man denn tun könne. Aber auch der weiß keinen Rat, jedenfalls keinen vernünftigen. »Weißt du, was sie in Südamerika tun, wenn diese menschenfressenden Marabunta-Ameisen im Anmarsch sind? Sie heben einen Graben aus. Den füllen sie dann mit Öl und stecken das Ganze an. Ich will damit nicht behaupten, sie hätten die Leute hier auch mit einem Feuergraben fernhalten sollen. Aber es muss doch irgendeinen Weg geben, diesem Menschenandrang ein Ende zu setzen.«

Am Samstag gegen Mittag gibt man endgültig auf. John Morris lässt auf der Hauptbühne seine beifallheischende und dann auch tatsächlich laut beklatschte Erklärung vom Stapel: »It’s a free concert from now on!« Da hatten linke Aktivisten längst die Zäune niedergetrampelt, um den »Hip capitalists« vom Schlage eines Michael Lang das dicke Geschäft zu versauen. Aber das ist zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr möglich. Der millionenschwere Deal mit Warner Brothers ist längst unter Dach und Fach, man verhandelt vor Ort bereits mit allen Acts über die Abtretung der Filmrechte. Dennoch, das öffentliche Bild war – und ist bis heute – ein anderes: nämlich das eines finanziellen Fiaskos. Und die Verantwortlichen taten gut daran, dieses Bild aufrechtzuerhalten, denn es verschaffte allen ein Alibi. Man konnte sich hier amüsieren, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, den Ausverkauf der Hippielehre zu unterstützen.

Freitag nachmittag gehen erste Krisenberichte durch die Medien. In Radiodurchsagen warnt man Spätentschlossene davor, noch aufzubrechen. Immerhin, die Nachbarschaftshilfe hier im Sullivan County funktioniert. Vom Lokalradio alarmiert, trommeln diverse Kirchen, Feuerwehren und Pfadfindervereine der Umgebung und vor allem die High School in Monticello Hilfskräfte zusammen, um Lastwagen voller Verpflegung über Feld- und Seitenwege zum Festival zu spedieren. »Es war, als würden die gesamten Catskills zu einer gewaltigen jüdischen Mamme«, entsinnt sich Sicherheitschef Wes Pomeroy. Und Lisa Law, eine der Küchenchefinnen der Hog Farm, bezweifelt sogar, dass wirklich ein Verpflegungsproblem existiert habe, weil die Menschen der Umgebung so schnell reagiert hätten. »Da gab es dieses Gerede über den Hunger, und ich sagte immer: ›Welcher Hunger denn?‹ Wenn sie nicht aufstehen und zu uns rübergehen wollen, dann ist das deren Problem. Aber es gab keinen Mangel an Nahrungsmitteln in Woodstock.« Das außerordentlich üppige Angebot psychoaktiver Substanzen scheint sich ebenfalls moderierend auf den Verpflegungsnotstand ausgewirkt zu haben.

»Desaster Area«

Gegen Abend regnet es zum ersten Mal. Kerzen werden ausgegeben, und von der Bühne kommt die Aufforderung sie anzuzünden, um den Regen zu vertreiben. Nützt alles nichts, gegen Mitternacht fängt es auch noch an zu gewittern. »Das brachte die Leute dazu miteinander zu interagieren«, bemerkt Richie Havens. »Der Regen sorgte dafür, dass wir teilen mussten, was wir hatten – eine Plane, um sie über den Kopf zu ziehen, die Regenjacke oder was auch immer –, es waren die Naturgewalten, die eine große Rolle spielten bei dem, was hier passierte.«

Die Wochenendausgaben der Zeitungen bringen die erwarteten Katastrophenmeldungen. »Rain, Drug Ruin Festival« ist in der Tribune (Oakland) zu lesen, und die News aus Detroit machen auf mit der hübschen Schlagzeile »Drug Illness Rocks Hippiefest«. Schon in der Vorberichterstattung hatte das Magazin Time auf das alttestamentarische Bethel angespielt, das von den Propheten Hosea und Amos als gewaltige Lasterhöhle, als Hort von Sauferei, Hurerei, Völlerei und nicht zuletzt Blasphemie verunglimpft wird. Bis auf die Völlerei scheint sich das jetzt alles zu bestätigen. Und einmal mehr bewahrheitet sich die alte Rock-’n’-Roll-Weisheit, derzufolge es keine schlechte Presse gebe. Der Strom der Besucher reißt auch am Samstag nicht ab. Der Aufschrei der Medien alarmiert nun allerdings auch Nelson Rockefeller, den Gouverneur von New York, und der plant tatsächlich, Bethel zum Katastrophengebiet zu erklären und durch die Nationalgarde räumen zu lassen. Es kostet die Festivalleitung einige telefonische Überzeugungsarbeit, um dessen Stab von der fixen Idee abzubringen. Schließlich einigt man sich darauf, das Gebiet als »Desaster area« auszuweisen, um die nötige Unterstützung anfordern zu können – und macht einfach so weiter wie bisher.

Am Samstag gibt es dann ein erstes Todesopfer, das man jedoch erst bei den Aufräumungsarbeiten nach dem Festival entdeckt: den 17jährigen Raymond Mizak, der offensichtlich im Schlaf von einem Traktor überrollt worden ist. Zwei weitere folgen am Sonntag; eine Überdosis Heroin und ein Blinddarmdurchbruch sind die angegebenen Todesursachen. In kaum einem der bilanzierenden Berichte danach fehlt der Hinweis darauf, dass »zwei junge Frauen die Stätte als Mütter« verlassen hätten. »Eine gebar ihr Baby in einem Auto«, weiß dpa, »eine andere konnte im letzten Augenblick per Hubschrauber in ein nahe gelegenes Krankenhaus geflogen werden«.

In der strahlenden Vormittagssonne zeigt sich erstmals das volle Ausmaß des Dramas vom Vortag. Kaputte Wasserleitungen, überall Abfallhaufen und völlig versiffte Toiletten. Produktionsmanager Mel Lawrence schmeißt die PA-Anlage an und weckt die Schlafenden mit einer kleinen Ansprache, die mit dem Appell endet, man möge jetzt ein bisschen aufräumen. Aber die ursprüngliche Wald-und-Wiesen-Idylle lässt sich an diesem Wochenende trotzdem nicht wiederherstellen. Die Wiese gibt es gar nicht mehr. »Am dritten Tag hat das Gelände dann endgültig ausgesehen wie ein Trainingslager für irgendwelche Survival-Geschichten«, erinnert sich Bill Graham.

»Phänomen der Unschuld«

Sofort nach dem Festival begann die Presse sich auf die Legende einzuschwören und wetteiferte nun nachgerade darin, das Wochenende mit empathischer Journalistenlyrik weichzuspülen. Die New York Post sprach von »einem freundlichen Monster, das Marihuana atmet«; Newsweek erkannte die »Einheit von Picknick und Revolution«; und sogar die New York Times brachte auf der Titelseite einen Beitrag, der Woodstock als »ein Phänomen der Unschuld« umschwärmte.

Aber das Festival wurde nicht nur in den USA, sondern auch vom Rest der Welt positiv aufgenommen. Die internationale Jugendkultur war Ende der 1960er Jahre von der Unterhaltungsindustrie bereits ausreichend formatiert und folglich in einer Weise vernetzt, dass Woodstock zu einem globalen Ereignis avancierte. Der Woodstock-Mythos konstituierte sich also nicht erst nach dem Erscheinen des Films und des Soundtrack-Triple-Albums, wie man so oft hört, sondern unmittelbar im Anschluss an das Festival – oder vielmehr schon währenddessen. Bereits am Montag, nur ein paar Stunden nach Hendrix’ Gig, sitzen Jefferson Airplane, Stephen Stills, David Crosby und Joni Mitchell in einer Sondersendung der Dick Cavett Show und diskutieren mit dem Gastgeber über das sagenhafte vergangene Wochenende.

Wadleighs Dokumentation »Woodstock – drei Tage im Zeichen von Liebe und Musik« war sicherlich eine Art Reaktionsbeschleuniger, und zwar in doppelter Hinsicht: zum einen nachträglich als gigantische, den Mythos schärfende und arrondierende Promotionmaschine; zum anderen hat vermutlich schon die für alle sichtbare Anwesenheit der Filmcrew seiner Entstehung Vorschub geleistet. »Du fühlst all diese göttlichen Kameras auf dich gerichtet, und alles, was du sagst, wird Teil des himmlischen Films«, konstatiert Wavy Gravy später. »Ich meine, es macht dir doch nichts aus, auf einem Haufen Abfall zu hocken, wenn du weißt, dass du Geschichte machst.«

Man wusste schon frühzeitig, dass man Geschichte macht. Überdies herrschte ein enormes kollektives Bedürfnis der Hippies nach einem Mythos. Das ist vielleicht auch deshalb so groß, weil man aller Aufbruchsrhetorik zum Trotz bereits ahnt, dass die eigene Zeit abgelaufen ist und man folglich eine Art virtuelles Denkmal braucht, um sich zu vergewissern, dass sie Realität war und dass sie es wert ist, tradiert zu werden. Dafür spricht auch der dem allgemeinen Optimismus widersprechende Schleier der Melancholie, der nicht nur über dem Woodstock-Film liegt, sondern auch über vielen Berichten von Zeitzeugen – und nicht zuletzt über den Songs des ausgehenden Jahrzehnts. Auch Joni Mitchells Hymne »Woodstock« trieft geradezu vor sentimentaler Befindlichkeit. Das ist insofern erstaunlich, als hier doch eine Art Paradies – oder zumindest der Vorschein darauf – beschworen wird: »I dreamed I saw the bombers, / Riding shotgun in the sky, / and they were turning into butterflies / Above our nation.«

Abgesang

Aber dass sich Bomber in Schmetterlinge verwandeln, war eben doch bloß ein schöner Traum. Mit ihrer fragilen, wehklagenden Stimme, die über elegisch-schleppenden Mellotron-Akkorden schwebt, inszeniert Mitchell ein Requiem, das mit der hoffnungsfrohen Botschaft gar nicht recht harmonieren will. Hier ist Woodstock nur noch ein vergangenes Paradies. Den endgültigen Abgesang liefert dann Neil Young in dem Stück »Roll Another Number (For The Road)« ein paar Jahre später. Das ist eine reservierte, schon fast enervierte Reaktion darauf, dass man ihn – ausgerechnet ihn, der im Film nicht zu sehen sein wollte – immer noch mit Woodstock in Verbindung bringt. Und darüber hinaus ein Appell an die Ewiggestrigen, die Arbeit am Mythos endlich abzuschließen und anzuerkennen, dass sich die Zeiten wieder einmal gewandelt haben: »I’m a million miles away from that helicopter day. / No, I don’t believe I’ll be goin’ back that way.«

Frank Schäfer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 16. Juli 2019 über Jörg Fauser. Vom Autor erschien 2009 im Residenz-Verlag das Buch »Woodstock ’69: Die Legende«.

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