Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 16.08.2019, Seite 11 / Feuilleton
Theater

So nicht, Herr Schindler!

»Kurzschluss«: Der Karikaturist Karl Berger bilanziert die ehemalige österreichische Rechtsregierung
Von Simon Loidl
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Präziser als jeder Essay: Die Karikaturen von Karl Berger

Im Frühjahr zerbrach die österreichische Koalition aus rechtsbürgerlicher Volkspartei (ÖVP) und rassistischer Freiheitlicher Partei (FPÖ) binnen weniger Tage. Der damalige FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und sein Vertrauter, der seinerzeitige FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus, waren über ihre eigene Machtbesessenheit gestolpert: Sie hatten sich beim intimen Austausch mit einer vermeintlichen russischen Oligarchin auf Ibiza filmen lassen, der sie halb Österreich verkaufen wollten. ÖVP-Chef Sebastian Kurz, der das Machtspiel noch weit besser beherrscht als sein ehemaliger Koalitionspartner, nutzte die Gelegenheit und seine guten Umfragewerte, beendete die Zusammenarbeit und kündigte Neuwahlen an. Wie diese ausgehen, steht noch nicht fest – Exkanzler Kurz könnte Ende September am Beginn einer weiteren von ihm geführten Regierungsperiode stehen. Höchste Zeit also, über das aufzuklären, was bisher geschah.

Karl Berger beherrscht die Kunst der Aufklärung über politische Zusammenhänge wie wenige in Österreich – und das, obwohl er nur wenig schreibt. Der Zeichner und Karikaturist bringt komplexe politische Zusammenhänge so auf den Punkt, wie es politische Essays kaum vermögen. In dem kürzlich im Wiener Promedia-Verlag erschienen Band »Kurzschluss« zieht Berger die Bilanz der ÖVP-FPÖ-Regierung. Das Buch versammelt Zeichnungen, die während der vergangenen zweieinhalb Jahre entstanden sind. Die Angriffe auf das Sozialsystem bringt Berger ebenso pointiert zu Papier wie die rassistischen Ablenkungsmanöver der beiden Rechtsparteien oder die Unfähigkeit der sozialpartnerschaftlich gefesselten Sozialdemokraten und Gewerkschaften, dem allem Substantielles entgegenzusetzen.

Eine der eindringlichsten Zeichnungen im vorliegenden Buch heißt »Die simple Kunst des Trickdiebstahls«. Berger zeigt hier in einem einzigen Bild das Zusammenspiel rassistischer Ablenkung, des Ausspielens von Armen gegen noch Ärmere und der Umverteilungspolitik für die Reichen. Während FPÖ-Chef Strache als »ablenkender« Täter auf den »Asylanten« zeigt, zieht Exkanzler Kurz den kleinen Leuten direkt das Geld aus der Tasche. Hinter ihm jubelt der zigarrerauchende Unternehmer mit dem großen Geldsack. Berger beweist hier einmal mehr, dass »holzschnittartig« – wann sah man zuletzt Zigarren als Symbol für Kapitalisten? – nicht zwangsläufig »verkürzend« heißt, sondern dass diese Prägnanz erst die analytische Kraft entfaltet, welche die Charaktermasken kenntlich macht und Zusammenhänge offenlegt.

Karl Berger ist kein Unbekannter. Seit Jahrzehnten begleitet der 1953 Geborene die politischen Entwicklungen in Österreich mit spitzer Feder. Neben anderen Medien veröffentlichte er seine Karikaturen bis in die 1990er Jahre vor allem in der von der Kommunistischen Partei (KPÖ) herausgegebenen Volksstimme, zuletzt auch in der Wiener Straßenzeitung Augustin oder bei dem vom sozialdemokratischen Parlamentsklub finanzierten Blog »Kontrast«. Seit einigen Wochen kennt nun endlich jeder politisch Interessierte in Österreich Karl Berger. Eine seiner Zeichnungen hatte bei der ÖVP und in der Folge bei allen größeren Medien Aufmerksamkeit erregt. Berger hatte Anfang Juli einmal mehr die menschenverachtende und zynische Asylpolitik von Sebastian Kurz aufs Korn genommen. Das Bild zeigt den Exkanzler in Naziuniform, der dem ihm gegenübersitzenden Oskar Schindler erklärt: »Juden retten schön und gut, aber das ist ein Bruch der Gesetze! Wir haben eine klare Gesetzeslage …« In der Bildunterschrift heißt es, dass Kurz für ein Remake von »Schindlers Liste« im Gespräch sei, falls es mit der neuerlichen Kanzlerschaft doch nichts werden sollte. Berger spielte damit auf Äußerungen von Kurz an, der mehrfach Menschenrechtsaktivisten kritisiert hatte, die in Seenot geratene Menschen aus dem Mittelmeer retten. Über die Kapitänin Pia Klemp, der in Italien wegen Beihilfe zu illegaler Einwanderung bis zu 20 Jahre Haft drohen, sagte er, sie stünde »für den Bruch von Gesetzen« vor Gericht, »nicht für die Rettung von Menschen«.

ÖVP-Generalsekretär Karl Nehammer sprach in einer Pressemitteilung von einer »ungeheuerlichen Entgleisung« und forderte die SPÖ-Spitze auf, sich von dem Karikaturisten zu distanzieren – obwohl besagte Zeichnung von keinem SPÖ-nahen Medium veröffentlicht worden war. Auf die Kritik Bergers am menschenfeindlichen Zynismus der Kurz-ÖVP ging der Parteifunktionär freilich nicht ein.

Karl Berger: Kurzschluss. Promedia-Verlag, Wien 2019, 88 Seiten, 14,90 Euro

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