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Aus: Ausgabe vom 16.08.2019, Seite 10 / Feuilleton
Punk

Natural Born Punk

100 Prozent Toddn – eine Würdigung
Von Frank Schäfer
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Vorbereitung ist was für Amateure, und Scheitern gehört zum Konzept: Toddn liest

Wenn Toddn zu einer Lesung einlädt und ganz nebenbei fallenlässt, er moderiere oder erzähle vielleicht zwei, drei Geschichten, muss man sehr vorsichtig sein. Er verquatscht sich gern vor Publikum. Denn Vorbereitung ist was für Amateure und Scheitern gehört zum Konzept.

Egal, wo er anfängt, beim vorabendlichen Fernsehprogramm, den letzten Umfrageergebnissen der Landtagswahl, einer Whiskeywerbung oder seinen All-Time-Faves Blue Cheer, Steppenwolf oder Ramones – er landet immer bei den diabolischen Jüngern des Kapitals, die längst die politische Willensbildung kontrollieren, Wahlen sowieso gekauft haben und den plebejischen Jedermann kopfüber in den Sack stecken, einkochen und gewaltig über den Löffel balbieren. Meistens auch noch so perfide, dass er selbst Spaß dran hat.

Ganz falsch liegt Toddn nie, er ist auf der richtigen Seite, und es ist fast immer eine Kleinigkeit dran, aber man hat sich halt vorbereitet auf den Abend, möchte einfach ein paar Stories lesen, nur lässt er einen nicht, weil ihm jemand aus dem Publikum einen neuen Brocken hinwirft (Brexit, Gauland, Pflegenotstand), mit dem er jetzt eine weitere Runde Sabbelaction startet. Irgendwann hat er das Publikum erschöpft. Dann ruft er einen auf die Bühne.

Man kann ihm nicht böse sein. Toddn, in ferner Vergangenheit mal als Torsten Kandziora getauft, hat sich unschätzbare Verdienste um die Subkultur vor allem in und um Braunschweig erworben. Er hat Klubs geführt, das Rockfanzine »Street« herausgegeben, als Illustrator von Platten- und Buchcovern und Plakaten die Szene mit seinen Collagen aufgehübscht, er hat die »Holy Church of Rock ’n’ Roll« gegründet und mit seiner Einmannfirma Kult-O-Rama seit den achtziger Jahren »Tausende von Kulturveranstaltungen« gestemmt. Nachzählen ist kein Punkrock! Wenn es gerecht zuginge in der Welt, müsste man ihm den großen Verdienstorden der Niedersachsen anstecken – das Eiserne Pferd.

Unnötig zu sagen, dass alle seine Projekte fulminant gescheitert sind. Das sagen nicht seine nach Unterhaltung gierenden Gäste, nicht einmal die eingeladenen Künstler, denen er Catering verspricht und dann eine angefangene Chipstüte von zu Hause mitbringt – sondern einzig und allein seine Bankberater. Toddn hat Punk internalisiert. Er veranstaltet Ausstellungen und vergisst, jemanden hinter die Kasse zu setzen. Er macht Lesungen, bei denen der Hut rumgehen soll, und hat nicht mal ein Basecap dabei. Wenn ein Job wirklich mal etwas abwirft, kommt er ins Grübeln und hadert mit sich, ob er zu kommerziell geworden sei. Aber der nächste Abend kommt schon bald, der die Kohlen hell lodernd verbrennt.

Seit einiger Zeit mischt er mit seiner Buchbauer-Mediengruppe auch als Verleger den Underground auf, prompt zu einem Zeitpunkt, als die gesamte Branche über sinkende Umsätze klagt. Antizyklisch wirtschaften nennt man das. Als ich einem Braunschweiger Verleger erzähle, dass er Konkurrenz bekommt, dass jetzt ein Mann mit Street credibility und einem enormen Standing in der subkulturellen Szene sich anheischig macht, ihn herauszufordern, legt sich seine Stirn zunächst in sorgenvolle Falten. Dann eröffne ich ihm, um wen es sich handelt, und er atmet hörbar auf. »Ach, Toddn, sag das doch gleich!«

Neben einigen Prosabänden aus der Lesebühnenszene und zur Pop- und Undergroundhistorie, nicht zuletzt einem sehr schönen Büchlein zu Johnny Thunders’ letztem Gig (»Johnny over the Line«), sind seine beiden Sammlungen »Street Stories« und »Im Hohlraum der Jahre« hier erschienen. Grandios krudes Zeug. Orthographie wird sowieso überbewertet. Interpunktion findet nur ausnahmsweise statt. Noch in jedem Satz dieser garantiert selbsterlebten Legenden vom Rand der Theke stecken 100 Prozent purer Toddn. Der Mann kann einfach nicht anders.

Das hier ist kein Nachruf und auch kein Geburtstagsgruß, sondern die verdiente Würdigung eines Lebenswerks, das mit Sicherheit gerade dabei ist, den nächsten Irrweg einzuschlagen. Anlasslos ist der Text also keineswegs. Es gab Anlässe genug.

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