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Aus: Ausgabe vom 16.08.2019, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Bis ihr euch alle liebt

»Ich glaub’ dir alles«: Das neue Album der Indiepop-Supergroup Die Höchste Eisenbahn
Von Ulrich Kriest
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»Auf deiner Haut ist freie Fläche, in deinem Kopf, da ist noch Platz«

Drei Jahre nach »Wer bringt mich jetzt zu den anderen« (2016) hat die deutsche Indiepop-Supergroup Die Höchste Eisenbahn mal wieder ihre kreativen Ideen auf Albumlänge gebündelt. Eingespielt binnen einer Woche in Klausur im Wendland, deutlich keyboardlastiger als üblich, mit allerlei komischen Geräuschen, produziert vom Promiproduzenten Moses Schneider (Tocotronic, Beatsteaks, Olli Schulz) und randvoll mit Sounds der jüngeren und älteren Popgeschichte von The Who über The Smiths und Phil Collins bis hin zu The Moody Blues und Simon & Garfunkel.

Dabei vertraut und baut die Band weiterhin auf die poetischen wie performativen Qualitäten der beiden Sänger und Texter Moritz Krämer und Francesco Wilking, die je unterschiedlich, aber zusammen doch unvergleichlich ihre hintersinnigen Texte zu nölen wissen. Darin geht es zum Beispiel um Liebesbeziehungen, in denen die Liebe ungleich verteilt ist, um den Erziehungsberechtigten-Blues und allerlei Alltagsbeobachtungen, die von »Austern mit Zitrone aus dem Frischeparadies« bis »Auf deiner Haut ist freie Fläche, in deinem Kopf, da ist noch Platz« reichen. Bohème-Utopien (»Ich will derjenige sein, der morgens aufsteht«) haben ebenso ihren Platz wie Erinnerungen an die sich allmählich schneller entfernende Jugend von Thirtysomethings: »Ich musste grausam sein, damit ich cool war.«

Moritz Krämer und Francesco Wilking werfen sich die geist- und anspielungsreichen Bälle zu, dass es die reine Freude ist, sich von dieser Band intelligent und ganz und gar zeitgenössisch unterhalten zu lassen. Kaum zu glauben, dass das Ganze einmal als Freizeitprojekt von Krämer und Wilking begonnen hat, bevor Die Höchste Eisenbahn durch den Multiinstrumentalisten Felix Weigt und den Schlagzeuger Max Schröder zur Band komplettiert wurde, die mittlerweile »wie ein Schlumpf« über soviel Selbstbewusstsein verfügt, dass einfacher Ruhm (»Und dann sing ich’s in der Hitparade und bei der Ziehung der Lottozahlen«) nicht mehr genügt, sondern der Weltfriede in Angriff genommen werden kann. Die höchste Eisenbahn verspricht: »Ich sing’ so lange, bis ihr euch alle liebt!« Dabei wohl wissend, dass dieser Weg ein langer wird: »Kinder von Idioten werden selbst Idioten, ich weiß!« Relativierend einwerfend mit Beuys: »Nein, Quatsch, jeder wird, wie er will, jeder kann alles sein.« Auch verliebt: »Die Algorithmen unserer Streamingdienste sind sogar identisch. Nein, das weiß ich nicht, aber ja, das denk ich.«

Wer auch immer behauptet hat, »words don’t come easy«, hat die Rechnung eben ohne Die Höchste Eisenbahn gemacht, die mit einem Dutzend Songs, die oft nur fröhlich und aufgekratzt scheinen, ein ziemlich genaues Bild des Sommers 2019 zeichnen, in dem immer jemand enttäuscht ist, weil hierzulande immer alle enttäuscht sind: »Die Bösen sind zu reich, die Guten sind zu arm. Dieser Urlaub war zu teuer, zu Ende schon am Anfang. Ich fühl mich viel zu alt, du fühlst dich nie zu jung.« Aber andererseits könnte alles auch leichter sein: »Sag mir alles, was dir wichtig ist! Glaub’ nicht, das interessiert mich nicht!« Und schließlich ist da nach all den Jahren des prekären Lebens immer noch diese Chuzpe, einfach mal zu sagen: »Ich bin ein Sänger. Das ist mein Beruf.« Und keiner wagt zu widersprechen. Und keiner so: »Lüge, Lüge, Betrug«.

Die Höchste Eisenbahn: »Ich glaub’ dir alles« (Tapete/Indigo)

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