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Aus: Ausgabe vom 16.08.2019, Seite 7 / Ausland
Indien Pakistan Kaschmir

Modis Triumphrede

Indiens Premier stellt Kaschmir-Frage in Mittelpunkt seiner Ansprache zum Unabhängigkeitstag. Scharfe Kritik aus Pakistan
Von Thomas Berger
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»Endlich eine wahre Nation«: Indiens Premier Narendra Modi am Donnerstag bei seiner Rede in Neu-Delhi

Narendra Modi sieht sich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Diesen Eindruck konnte jeder angesichts der Rede des indischen Premiers zum Unabhängigkeitstag am Donnerstag in Delhi gewinnen. Darin ging der Regierungschef erwartungsgemäß auf die jüngsten Entwicklungen in der Region Kaschmir ein. Die Aufhebung der in Artikel 370 der Verfassung festgelegten weitreichenden Autonomie des Bundesstaats Jammu und Kaschmir vor zehn Tagen hatte nicht nur den seit 1947 mit dem westlichen Nachbarn Pakistan bestehenden Konflikt neu angeheizt, sondern auch die Situation für die im indischen Teil Kaschmirs lebende Bevölkerung verschärft.

Nachdem beide Häuser des Parlaments den Vorstoß der Regierung, die Sonderstellung des mehrheitlich von Muslimen bewohnten Gebiets abzuschaffen, mit einer Zweidrittelmehrheit gebilligt hatten, sei Indien endlich eine wahre Nation, so ein triumphaler Modi. Innerhalb von nur zehn Wochen nach Beginn der neuen Amtszeit habe seine Regierung diesen historischen Schritt vollzogen. In diesem Zusammenhang erinnerte er daran, dass sein Kabinett im Juli die unter indischen Muslimen verbreitete Rechtspraxis der »Verstoßung« (Talak), nach der der Ehemann mit sofortiger Wirkung die Scheidung erklären kann, verboten hatte. Die Stoßrichtung dabei ist klar: Modis »Bharatiya Janata Party« (BJP) und dem hinter ihr stehenden »Rashtriya Swayamsevak Sangh« (Reichsfreiwilligenbund, RSS) als größter Massenorganisation des hindunationalistischen Lagers geht es um die Abschaffung aller solcher Sonderrechte.

Es sei die Aufgabe seiner Regierung, die Hoffnungen der Menschen in Jammu und Kaschmir zu erfüllen und ihnen zu helfen, »neue Flügel zu bekommen«, so Modi blumig in seiner Rede. Aus Sicht der BJP habe dessen mehr als 70 Jahre existierender Sonderstatus vor allem entwicklungshemmend gewirkt. Das sieht auch Satya Pal Malik, Gouverneur von Jammu und Kaschmir, so. Während er am Unabhängigkeitstag die indische Trikolore in Srinagar, der Hauptstadt der Bundesstaats, hisste, fabulierte Neu-Delhis Statthalter in dem momentan komplett unter zentralstaatlicher Kontrolle stehenden Gebiet davon, dass nun der Weg für den wirtschaftlichen Aufschwung frei sei.

Traditionell wird die Ansprache an die Nation zum Unabhängigkeitstag vor dem Roten Fort in der Altstadt der indischen Hauptstadtmetropole Neu-Delhi gehalten. Das Gebäude gehört zu den architektonischen Hinterlassenschaften der Mogulzeit, als die muslimischen Herrscher ihrem Großreich in weiten Teilen des Subkontinents zu einer mehr als 300jährigen kulturellen Blüte verhalfen. Die unter Modi regierenden und erst bei der Parlamentswahl im Mai mit eindrucksvoller Mehrheit an der Macht bestätigten Hindunationalisten der BJP arbeiten seit jeher daran, diesen Teil der indischen Geschichte nach ihren Vorstellungen umzuschreiben.

Dabei ist die Geschichte der Großregion jedoch untrennbar mit der Geschichte des Islam verbunden. Beim Abzug der britischen Kolonialherren 1947 wurde deren einstiges Kronjuwel Britisch-Indien geteilt: Auf der einen Seite entstand Indien, in dessen Grenzen mehrheitlich Hindus lebten. Auf der anderen wurde das zum Großteil muslimisch geprägte Pakistan gegründet, von dem sich 1971 Bangladesch als eigenständige Nation abspaltete. Die Himalajaregion Kaschmir wird seit der Aufteilung Britisch-Indiens sowohl von Pakistan als auch von Indien beansprucht.

Derweil kritisierte Pakistans Premier Imran Khan die weitere Militarisierung des indischen Teils von Kaschmir, die fortgesetzte Abschottung des Gebiets sowie den fehlenden internationalen Aufschrei scharf. Explizit warnte er vor antimuslimischen Pogromen nach dem Vorbild derer von 2002, bei welchen in Modis Heimatstaat Gujarat etwa 2.000 Menschen umgebracht worden waren. Indes startete China, ein Alliierter Pakistans, eine Initiative, den Kaschmir-Konflikt zum Thema im UN-Sicherheitsrat zu machen.

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