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Aus: Ausgabe vom 16.08.2019, Seite 6 / Ausland
Konflikt Persischer Golf

Tanker freigelassen

Gibraltar erlaubt Auslaufen von festgesetzter »Grace 1«. Teheran arbeitet an Regionalbündnis zum Schutz des Persischen Golfs
Von Karin Leukefeld, Beirut
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Der unter panamaischer Flagge fahrende Öltanker »Grace 1« darf nun doch auslaufen

Das Oberste Gericht von Gibraltar hat das Auslaufen des iranischen Öltankers »Grace 1« erlaubt. Das erklärte der Vorsitzende Richter Anthony Dudley am Donnerstag nachmittag. Zuvor hatte die US-Administration versucht, die Weiterfahrt des iranischen Tankers zu verhindern. Jedoch liege kein schriftlicher US-Antrag für eine fortdauernde Beschlagnahmung der »Grace 1« vor, so Dudley in seiner Begründung weiter. Das Schiff, das rund zwei Millionen Barrel Rohöl geladen hat, war am 4. Juli von einem britischen Spezialkommando in der Straße von Gibraltar geentert und an der Weiterfahrt gehindert worden.

Der Iran hatte das Entern des Öltankers als »Piraterie« verurteilt und rechtliche Schritte gegen Gibraltar und Großbritannien eingeleitet. Die von Spanien beanspruchte Halbinsel gilt seit 1704 als britisches Überseegebiet. Spanien hatte das Festsetzen des Schiffes als unrechtmäßig kritisiert und erklärt, der Tanker habe sich in spanischen Gewässern befunden.

Zwei Wochen nach dem Vorfall hatte wiederum der Iran ein britisches Schiff in der Straße von Hormus festgesetzt, das in einen Unfall mit einem Fischerboot verwickelt gewesen sein soll. Daraufhin setzten die USA die Entsendung von weiteren Soldaten und Kriegsschiffen in Gang, um die »freie Seefahrt« am Persischen Golf zu schützen. Eine Forderung an die EU-Staaten und NATO-Mitglieder Frankreich und Deutschland, sich der Militärmission anzuschließen, wurde abgelehnt. Deutschland plant statt dessen eine europäische Mission. Großbritannien entschied vor wenigen Tagen, sich der US-Militärmission anzuschließen. Auch die US-Partner aus der betroffenen Region, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), wurden dazu aufgefordert, sich der US-Mission anschließen. Bahrain wurde mit dem Flugabwehrraketensystem »Patriot« ausgerüstet. Israel hat seine Unterstützung bereits zugesagt.

Der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif warf den USA und Europa vor, aus der Region ein Pulverfass zu machen, das jederzeit in die Luft gehen könne. In einem am Montag bei Al-Dschasira ausgestrahlten Interview sagte er, mehr Kriegsschiffe würden die Region nur unsicherer machen. Allein die USA hätten 2018 Waffen im Wert von 50 Milliarden US-Dollar in die Region verkauft, so Sarif. Saudi Arabien habe 87 Milliarden US-Dollar für den Ankauf von militärischer Ausrüstung ausgegeben, die VAE 22 Milliarden US-Dollar.

Um dem entgegenzuwirken, versucht der Iran, die Golfanrainerstaaten mit intensiven diplomatischen Gesprächen dazu zu bewegen, sich mit ihm auf den Schutz des Persischen Golfs zu einigen. Der Irak hat sich bereits an die Seite des Landes gestellt ,und auch das Golfemirat Katar – das von Saudi-Arabien und den VAE seit zwei Jahren wirtschaftlich blockiert wird – unterstützt den Iran. Am Montag und Dienstag dieser Woche kam Sarif nun in Doha mit dem Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani, zu Gesprächen über ein gemeinsames Sicherheitskonzept für die Persische Golfregion zusammen. Dabei betonten beide Politiker, die Beziehungen zwischen Iran und Katar seien ein Vorbild für regionale Zusammenarbeit. Sarif erklärte, nur die Anrainerstaaten könnten die regionale Sicherheit gewährleisten. Die Spannungen in der Region zu entschärfen sei im regionalen und internationalen Interesse, so Al Thani. Der Iran spiele in der Region eine bedeutsame Rolle.

Traditionell sind der Iran und Katar durch Handel eng miteinander verbunden. Beide Staaten teilen sich ein Gasfeld im Persischen Golf, und Teheran unterstützt das Emirat wirtschaftlich mit der Lieferung von Gütern, die Katar durch die Wirtschaftsblockade von Saudi-Arabien und VAE nicht mehr erreichen. Allerdings befindet sich mit »Al-Udeid« seit 1999 die größte US-Militärbasis der Region auf dem Gebiet des Golfemirats. Aktuell sind dort 11.000 Soldaten aus den USA, Großbritannien, Australien, Deutschland sowie weiteren Staaten stationiert. Hier werden die US-geführten militärischen Einsätze in Afghanistan, Irak, Jemen und Syrien koordiniert.

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