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Aus: Ausgabe vom 16.08.2019, Seite 2 / Feuilleton
Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

»Viele Sender agieren in Gutsherrenmanier«

Schere im Kopf: Dokfilmemacher müssen häufig Redaktionen überzeugen, die vor allem an die Quote denken. Ein Gespräch mit Dietmar Post
Interview: Carmela Negrete
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Das WDR-Funkhaus in Düsseldorf

Als Regisseur von Dokumentarfilmen kritisieren Sie den Umgang von Redaktionen und Sendern mit freien Medienschaffenden. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Immer wieder höre ich: Dein Film ist nicht marktgerecht, er lässt sich nicht verkaufen. Gefordert werden Emotionen, weil sich angeblich nur die zu Geld machen lassen. Problematisch ist das insbesondere beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das Privatfernsehen kann sich immerhin noch der Ausrede bedienen, auf Werbeerlöse angewiesen zu sein. Beim öffentlich-rechtlichen dagegen halte ich die Haltung für antidemokratisch. Man hat sich hier einem neoliberalen Diktat unterworfen, wonach ein Produkt nur dann von Wert ist, wenn es sich auch verkaufen lässt. Dabei ist dieses System nicht geschaffen worden, um uns Dinge zu verkaufen, sondern um uns unabhängig zu informieren und zu bilden. Das sagt der Staatsvertrag.

Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung?

Viele Redaktionen verlangen, dass die Autoren für sehr wenig Geld großartige Recherchearbeit leisten. Wenn man aber nur wenige Drehtage finanziert bekommt, ist die Versuchung bei einigen groß, an bestimmten Stellen zu sparen oder zu tricksen, um das Gesamtprojekt überhaupt realisieren zu können. Beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen darf es aber nicht von vornherein nur um die Einschaltquoten gehen – Dokumentationen sind etwas anderes als Hollywood-Blockbuster.

Fehlt es an Filmemachern, die von den Sendern einfordern, dass man über diese Probleme offen redet?

Es scheint allgemein eine Schere im Kopf dazusein. Die meisten Filmemacher haben eher Angst davor, den Mund aufzumachen, weil sie befürchten, dann keine Aufträge mehr zu bekommen. Und die Redakteure stehen innerhalb der Sender unter Quotendruck. Deshalb werden die Anforderungen des Senders von den Filmemachern meist ohne Widerworte abgearbeitet.

Dokumentarfilme sollen aus Sicht einiger Verantwortlicher wie Thriller aufgebaut sein, bei denen es klar die Guten und die Bösen gibt. Wenn man ein Thema vorschlägt, soll man möglichst schon mitliefern, wie genau der Plot abläuft, wer die Protagonisten sind und wie das Fazit aussehen wird. Das ist nur meist überhaupt nicht darstellbar, weil es der Idee des offenen Dokumentarfilms, der sich auf Forscherreise begibt, komplett widerspricht.

Was haben Sie konkret in der Zusammenarbeit erlebt?

Ein Beispiel ist der Film »Franco vor Gericht«, eine Koproduktion mit Arte und dem WDR. Meine Koregisseurin Lucía Palacios und ich reichten ein genau recherchiertes, 40seitiges Treatment ein. Wir arbeiten seit rund 20 Jahren zu dem Thema des spanischen Faschismus. Das meiste dessen, was im Treatment steht, konnten wir dann auch umsetzen. Mit der Redaktion von Arte gab es keinerlei Probleme. Vom WDR hieß es dann aber, dass sie den Film in der Form nicht annehmen könnten. Die Begründung: Wir hätten die Zuschauer nicht auf eine »emotionale Reise« mitgenommen. Am Ende sollte uns die letzte Rate des Produktionsbudgets nicht ausgezahlt werden – das hatte natürlich spürbare finanzielle Konsequenzen für uns. Erst durch die Intervention der kleinen Gewerkschaft »Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm« wurde nach mehrmonatigem Kampf das Geld ausgezahlt.

Der WDR strahlte den Film nie aus, Arte und Phoenix dagegen schon. An der Langfassung hatte der Sender überhaupt kein Interesse. Es handelt sich beim Vorgehen des WDR um einen klaren Machtmissbrauch. Es verdeutlicht, wie sehr die Sender – selbst wenn sie wie in unserem Fall die minoritären Geldgeber sind – in einer Art von Gutsherrenmanier meinen, über Regisseure, Produzenten und Inhalte beliebig bestimmen zu können.

Inwieweit prüfen die Redaktionen die ihnen angebotenen Fakten?

Trotz zunehmender Einnahmen der Sender durch die Haushaltsabgabe werden den wenig verbliebenen Dokumentarfilmredaktionen die Gelder gekürzt. Man spart am Personal, zudem gibt es weniger Sendeplätze für den langen Dokumentarfilm. Deshalb kann eine entsprechende Kontrolle der Fakten nur unzureichend stattfinden. Ich mache hier den Redaktionen keinen direkten Vorwurf – das Problem wurde an anderer, höherer Stelle geschaffen.

Dietmar Post ist Dokumentarfilmregisseur und erhielt 2008 den ­Grimme-Preis

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