Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 15.08.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

»Rechte müssen auch für Fans gelten«

Fußballklubanhänger sehen sich verstärkt Repressionen durch Behörden ausgesetzt. Fanhilfen bieten juristische Hilfe an. Gespräch mit fünf von ihnen (Teil 1 von 2)
Von Oliver Rast
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»Wenn man sich zu Polizeiarbeit und Überwachung äußert, wird’s politisch« (Fanhilfe Hertha BSC)

Pyrotechnik, Stadionverbote, Verbandsstrafen – was war der Auslöser eurer Gründung?

Fanhilfe Hertha BSC:

Die zunehmende Repression gegen Herthaner, verbunden mit teilweise heftigen Strafzahlungen. Irgendwann war der Punkt erreicht, diesem ganzen Irrsinn etwas entgegenzusetzen und die Betroffenen über ihre Rechte und Pflichten aufzuklären.

Fanhilfe Dortmund: Der Ideenreichtum lokaler Behörden, Fans vermehrt mit Repressalien zu überziehen. Die hysterischen Diskussionen um Gesetzesverschärfungen spornten uns im April 2018 an, uns juristisch professionell aufzustellen. Wir wollen das Ungleichgewicht zwischen uns und den Behörden verringern.

Fanhilfe Mönchengladbach: Ja, die stärkere Repression gegen aktive Fans war auch unser Gründungsgrund. Nachdem das Modell der Fanhilfe aus Nürnberg Schule gemacht hatte, entschlossen wir uns nachzuziehen. Mit klassischen Instrumenten der Fanszene (Spruchbänder etc.) sind wir den neuen Polizeigesetzen nur bedingt gewachsen. Fanhilfen besetzen mittlerweile eine wichtige Stelle, die es zuvor nicht gab.

Rot-Schwarze Hilfe (Nürnberg):

Mit der Weltmeisterschaft 2006 kamen einige »sicherheitsrelevante Maßnahmen« nach Deutschland, die wir damals für utopisch hielten: Schnellgerichte in Stadien, um Fans ad hoc abzuurteilen. Wir machten uns einen Kopf, wie wir uns »schützen« können – uns war klar: Die WM geht wieder, die tollen »Sicherheitskonzepte« bleiben.

Grün-Weiße Hilfe (Bremen): Wir hatten schon seit einigen Jahren mit dem Gedanken gespielt, eine Fanhilfe in Bremen aufzuziehen. Uns waren natürlich die super Aktivitäten der Fanhilfen aus anderen Städten nicht entgangen. Im Sommer 2018 gaben wir uns einen Ruck zur Gründung.

Sind Fanhilfen eine Art Caritas für Anhänger?

HBSC: Wir unterstützen alle Herthaner, die in Konflikt mit der Polizei und der Justiz geraten sind, und wollen juristische Unkenntnis bei Fans abbauen. Wir helfen im Notfall und machen Aufklärungsarbeit – etwa zu Stadionverboten und Datensicherheit.

DO: Rechte müssen auch für Fans gelten. In der Vergangenheit wussten sich Betroffene gegen Maßnahmen von Behörden, Verein oder Verband nicht zu wehren, oder sie konnten die finanziellen Mittel dafür nicht aufbringen. Neben der Fanhilfenarbeit (Anwälte beschaffen, Beteiligung an Verfahrenskosten) verstehen wir uns als juristisches Gegengewicht zum sicherheitspolitischen Diskurs rund um Fußballspiele, speziell des BVB.

MG: Unser Steckenpferd ist Rechtshilfe für Fans. Hier sehen wir uns als erster Ansprechpartner für Betroffene, wenn zum Beispiel ein Schreiben wegen eines Ermittlungsverfahrens in den Briefkasten flattert. Wir stellen aber keinen Freifahrtschein für Straftaten aus und bezahlen keine Strafen. Wir vermitteln eine anständige Strafverteidigung. Daneben organisieren wir Workshops für junge Fans, um aufzuklären. Wir sind ein Lobbyist der Fanszene.

N: Die eben aufgeführten Beispiele von Unterstützungs- und Aufklärungsarbeiten gehören auch zu unserem Portfolio – zusätzlich die Betreuung von Glubbfans, die Gefängnisstrafen absitzen.

HB: Unser fanpolitischer Anspruch ist klar. Wir verstehen uns nicht nur als Solidaritätsgemeinschaft, sondern als Sprachrohr für die Rechte von Fußballfans. Wir beziehen Stellung, damit Medien nicht nur die Version der Sicherheitsbehörden kennen. Wir verteidigen Grundrechte, auch vor Gericht.

Unterstützt ihr alle Fans?

HBSC: Wir machen eine Einzelfallprüfung und beurteilen jeden Sachverhalt neu. Wenn aber jemand vor der Polizei den Hitlergruß gezeigt hat, muss er selbst damit klarkommen. Das sind wir allen schuldig, die echte oder unverschuldete Probleme haben. Unsere ehrenamtliche Arbeitszeit ist nun mal begrenzt.

DO:

Grundsätzlich steht die Fanhilfe allen BVB-Fans offen. Satzungskonform behalten wir uns vor, einzelne nicht zu unterstützen. Entsprechende Entscheidungen fällt unser Treuhandrat.

MG: Konflikte unter MG-Fans unterstützen wir nicht, da wir nicht gegen einen Gladbacher Partei ergreifen wollen. Verfahren wegen Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole unterstützen wir ebenfalls nicht. Solche Fälle sind glücklicherweise auch noch nicht an uns herangetragen worden. Wir haben einen fünfköpfigen Vorstand, der in jedem Fall über die Unterstützung entscheidet und immer wieder aufs neue abwägt.

N: Jeder Fan kann bei uns Rat suchen. Die finanzielle Unterstützung bei den Anwaltskosten ist fallspezifisch und wird im Vorstand abgestimmt. Fälle, die nicht im Kontext von Fußballspielen stehen, unterstützen wir nicht. Ebenso solche wegen Pyrotechnik und »ACAB«-Beleidigungen. Letzteres ist reine Sisyphusarbeit, die viel kostet und nichts bringt.

HB: Wir bekennen uns zur Funktion des Fußballs als verbindendes Element zwischen Nationalitäten, Kulturen, Religionen und sozialen Schichten und wenden uns gegen jede gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Wer damit ein Problem hat, ist bei uns falsch.

Aktive Fans geben sich gerne unpolitisch – wie viel Politik verträgt eure Fanhilfe?

HBSC: Wenn man sich zu Polizeiarbeit und Überwachung äußert, wird’s politisch. Unsere Haltung ist, mit allen zu sprechen, die unsere Anliegen unterstützen. Ziele politisch durchzusetzen, heißt aber noch lange nicht, Parteipolitik zu machen. Wer uns für seine Farben vereinnahmen möchte, braucht gar nicht erst anzukommen.

DO:

Wir mischen uns in rechts- und sicherheitspolitische Debatten ein – wie bei den Protesten gegen das neue Polizeigesetz – und versuchen, der Meinung von Fans Gehör zu verschaffen.

MG: Die Fanszene wird erheblich durch innen- und sicherheitspolitische Entscheidungen tangiert. Diese Entwicklungen beäugen wir kritisch und bringen uns ein. Wir versuchen, über »kleine parlamentarische Anfragen« an Informationen zu gelangen, die für Fans relevant sein könnten, um sie zu verbreiten.

N: Die »Rot-schwarze Hilfe« sieht sich als unpolitisch an. Selbstverständlich betreiben wir alle »Vereinspolitik« – aber eben keine Parteipolitik.

HB: Unsere aktive Fanszene versteht sich als antifaschistisch. Wir stehen für unveräußerliche Menschenrechte. Es ist dumm zu glauben, dass Rechtsstaatlichkeit nur im Mikrokosmos Fußball bedroht ist.

Teil 2 folgt am nächsten Donnerstag

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