Gegründet 1947 Dienstag, 22. Oktober 2019, Nr. 245
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 15.08.2019, Seite 10 / Feuilleton
Geschichte

Die Krönung der Revolution

Zum 250. Geburtstag von Napoleon Bonaparte
Von Marc Püschel
S 10.jpg
Darauf ein Gläschen Roten: Auch Marxisten sollten sich zu Napoleons 250. Geburtstag einen einschenken

Am Anfang war Napoleon. Diese Worte aus der »Deutschen Geschichte« (1983) des Historikers Thomas Nipperdey mögen pathetisch klingen, falsch sind sie nicht. Wenn aber Napoleon am Anfang des modernen Staates in Frankreich und Deutschland stand, so stand am Anfang von Napoleons Karriere die Französische Revolution.

Ohne das Jahrhundertereignis von 1789 wäre aus dem am 15. August 1769 in Ajaccio als Napoleone di Buonaparte Geborenen kaum etwas Großes geworden. Zwar verbrachte der junge Offizier die meisten Revolutionsjahre in seiner Heimat und siedelte erst 1793 endgültig nach Frankreich über. Dort erwarb er sich aber durch seine Beteiligung an der Niederschlagung von royalistischen Aufständen schnell einen Ruf als Anhänger Robespierres. Dennoch hielt Napoleon sich auffällig zurück und schloss sich keiner Partei an – der erste Beweis seines politischen Instinkts. Denn die Revolution, die nur mit abstrakten Begriffen von Freiheit und Gleichheit operierte und auf die soziale Frage keine für Einheit sorgende Antwort zu geben wusste, versank mit jedem Jahr tiefer in den Sumpf der fraktionellen Zersplitterung. Es herrschten die Tugend und der gegenseitige Verdacht, wie Hegel später sagen würde. Je heftiger die Parteien sich bekriegten, um so wahrscheinlicher erschien aber die Restauration der Bourbonen-Herrschaft. So wuchs gerade bei den Jakobinern das Bedürfnis, die Errungenschaften der Revolution durch eine stabilere Regierung abzusichern, als es Wohlfahrtsausschuss, Konvent oder Direktorium waren – ein übrigens durchaus materielles Interesse, da viele mittlerweile zu Besitzenden geworden waren, deren neues Eigentum die Revolutionswirren in Gefahr brachten. Die Klügeren unter den Freunden der Revolution haben dieses Bedürfnis früh wahrgenommen. Nicht zufällig dichtete Goethe noch vor dem 18. Brumaire 1799, dem Tag des napoleonischen Staatsstreichs, in seinem Fragment »Achilleis«: »Ein fürstlicher Mann ist so nötig auf Erden, / Dass die jüngere Wut, des wilden Zerstörens Begierde / Sich als mächtiger Sinn, als schaffender, endlich beweise, / Der die Ordnung bestimmt, nach welcher Tausende sich richten.«

Mann der Linken

Schaffenden Sinn hatte Napoleon bewiesen. Politisch keiner Fraktion zuzuordnen, aber im Ruf militärischer Genialität stehend, war er schon Ende der 1790er Jahre so populär beim Volk, dass er ohne relevante Gegenwehr das regierende Direktorium beseitigen konnte. In einer Volksabstimmung im Januar 1800 bestätigten über drei Millionen Bürger die Konsulatsverfassung, mit der sich Napoleon an die Spitze der Republik stellte, bei weniger als 2.000 Gegenstimmen. Und die Notwendigkeit, Frankreich zu festigen, trug ihn noch weiter. Im Frühjahr 1804 schürte die Aufdeckung royalistischer Mordpläne aufs neue die Angst vor einem Sturz der Regierung. Wieder trat die nur scheinbar paradoxe Situation ein, dass gerade die Linke forderte, Napoleons Macht auszuweiten. Als der auch noch den Herzog von Enghien, einen mutmaßlichen Verschwörer und Anhänger der verhassten Bourbonen, entführen und in einem Schnellprozess zum Tode verurteilen ließ, bestand bei niemandem mehr Zweifel, wo er politisch stand. Der alte Jakobiner Curée ergriff die Initiative und forderte in einer flammenden Rede im Tribunat, dem legislativen Organ der Konsulatszeit, die Krönung Napoleons zum Kaiser. Nur eine neue Dynastie könne die Rückkehr der Bourbonen endgültig unmöglich machen. Als Napoleon am 2. Dezember 1804 »Kaiser der Franzosen« wurde, schwor er einen Eid auf die wichtigsten Errungenschaften der letzten 15 Jahre und verpflichtete sich, die Gleichheit vor dem Gesetz und die bürgerlichen Freiheiten zu bewahren – es war nicht allein Napoleons, es war die Krönung der Revolution.

Historische Reformen

Auch wo er scheiterte, in der maßlos erscheinenden Expansionspolitik, ist nicht schlicht seine vielbehauptete Ruhmsucht schuld. Der Dritte Stand, der noch keine Theorie oder Vorstellung von der Schädlichkeit des Revolutionsexports hatte, zeichnete dem Kaiser die Bahn seiner Außenpolitik vor. Im Dezember 1792 erklärte der Konvent per Dekret alle Nationen zu Feinden, die auf die Grundsätze von Freiheit und Gleichheit verzichten, und behielt sich ein Interventionsrecht vor. Der Krieg konnte nicht enden, bevor nicht entweder Frankreich oder sein Erzfeind England besiegt waren.

Vor seinem Sturz im Jahre 1814 erwies sich Bonaparte jedoch als einer der größten politischen Reformer aller Zeiten. Er stabilisierte die Wirtschaft, sanierte Staatsfinanzen und Steuerwesen, gründete die Banque de France, installierte Präfekten und dadurch erstmals ein Verwaltungssystem, mit dem Paris die durch Departements ersetzten widerspenstigen Provinzen in den Griff bekam. Wo er die Politik der Revolution vorsichtig revidierte, diente es der Befriedung des gespaltenen Landes. In einem genialen Schachzug ließ sich Napoleon im Juli 1801 im Konkordat mit Papst Pius VII. die Verstaatlichung des Kirchenbesitzes bestätigen. Dafür wurde die Unterdrückung des Katholizismus in Frankreich aufgehoben, was insbesondere die Landbevölkerung goutierte. Priester und Bischöfe wurden fortan staatlich bezahlt und kontrolliert. Sein unsterbliches Werk, wie Napoleon selbst es ausdrückte, war aber der »Code Civil«, das sozial fortschrittliche bürgerliche Gesetzbuch, das 1804 eingeführt wurde. Auch in Sachen Infrastruktur, Bildungswesen und Gesundheitssystem leistete Napoleon Herausragendes, so gehen etwa der staatlich finanzierte Mutter- und Impfschutz auf ihn zurück.

Künstliches Gleichgewicht

Grundstein all dessen war die Herrschaftsform, die als Bonapartismus das 19. Jahrhundert prägen sollte. In einer historischen Lage, in der keine Klasse fähig und willens war, den Staat zu kontrollieren, konnte Napoleon in relativer Eigenständigkeit regieren. Mit geschickten Maßnahmen band er jede Klasse an sich: den Adel und Klerus mit Amnestien und der Wiedereinführung des Katholizismus, die Bourgeoisie mit der Förderung der Wirtschaft, das noch junge Proletariat mit der Stabilisierung des Brotpreises, dem Maß, das es an die Revolution anlegte. Das Fundament bildete die Bauernschaft, die durch den Verkauf der verstaatlichten Adels- und Kirchengüter zu Spottpreisen zu Landbesitzern geworden war. Sie stellte die Masse der Bevölkerung sowie der Armee und war Napoleon treu ergeben. Karl Marx schrieb daher in »Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte« (1852), es seien »die Bonapartes die Dynastie der Bauern, d. h. der französischen Volksmasse«. Die isolierten Bauern könnten ebensowenig selbst herrschen wie die anderen Klassen. Ein Gleichgewicht des Unvermögens, das Napoleon künstlich aufrechtzuerhalten wusste.

Die deutschen Staaten kamen gleichfalls in den Genuss bonapartistischer Reformen. Der »große Staatsrechtslehrer« (Hegel) stürzte das Heilige Römische Reich und ebnete den Weg für die Abschaffung der Kleinstaaterei. Insbesondere das künstlich errichtete Königreich Westphalen wurde zu »einer Art Manufaktur der Menschheitsbeglückung«, wie Günter Müchler in seiner hervorragenden Napoleon-Biographie beschreibt. Die größten Nutznießer waren, neben dem von Währungs- und Zollgrenzen befreiten Wirtschaftsbürgertum und den Frauen, die vom liberalen Scheidungsrecht des »Code Civil« profitierten, vor allem die Juden, die erstmals in Deutschland gleiche Bürgerrechte genossen. Und während der Antisemitismus außerhalb der Rheinbund-Zivilisation in der deutschen Romantik zu einer besonders widerlichen Form heranwuchs, rief nicht ohne Grund der Rabbiner Samuel Marx in Trier die jüdische Bevölkerung dazu auf, sich loyal hinter den Kaiser zu stellen. Auch sein Neffe Karl vergaß nie, wem der erreichte Stand des historischen Fortschritts zu verdanken war. Als er im »Achtzehnten Brumaire« die Heroen der Revolution aufzählt, nennt er Desmoulins, Danton, Robespierre, Saint-Just – und Napoleon.

Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. (15. August 2019 um 19:09 Uhr)
    In der deutschen Öffentlichkeit und wahrscheinlich auch im Schulunterricht wird Napoleon auf seine Schrullen – falsch aufgesetzter Zweispitz, bescheidene Uniform, grauer Staubmantel, Hand unter die Weste geschoben – reduziert und als Henker der Ideale der Französischen Revolution – die man gleichfalls als illusionistisches Hirngespinst sehen möchte – sowie als erster in der Reihe der modernen Autokraten und Diktatoren wie Mussolini, Hitler, Stalin usw. dargestellt. Sein großer Beitrag zur Zivilisation wird dagegen eher klein gehalten, so nach dem Motto: Zivilrecht, ja, gut, aber ...

    Gerne wird auch Beethoven gegen Bonaparte ins Feld geführt, der seine berühmte 3. Sinfonie Eroica zunächst Napoleon gewidmet hatte, die auch dessen Namen als Titel tragen sollte. Enttäuscht über die Kaiserkrönung, zog er Widmung und Namen zurück und schnitt die Widmung mit einer Rasierklinge aus der Partitur heraus.

    Später änderte er jedoch wieder seine Meinung und notierte auf der Partitur: »Geschrieben auf Bonaparte«, direkt neben dem Loch, das er einst mit der Rasierklinge geritzt hatte.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton