Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 15.08.2019, Seite 7 / Ausland
Unfall in Russland

Ungeklärter Zwischenfall

Mehr Spekulation als Gewissheiten nach nuklearem Unfall auf russischem Militärgelände. Fünf Wissenschaftler tot
Von Reinhard Lauterbach
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Eine Tafel kündigt das Militärgelände nahe Njonoksa in der nordrussischen Region Archangelsk an (7.10.18)

Eine Woche nach der Explosion auf einem Testgelände des russischen Militärs im Norden des Landes überwiegen die Unklarheiten. Erwiesen scheint, dass bei dem Vorfall am 8. August in der Nähe der Ortschaft Njonoksa im Gebiet Archangelsk mindestens fünf Wissenschaftler eines geheimen militärischen Forschungsinstituts für »Experimentalphysik« aus der Stadt Sarow ums Leben kamen. Dies geht aus den Ansprachen offizieller Vertreter auf der Trauerfeier hervor. Dort räumte der Chef der russischen Atombehörde, Aleksej Lichatschow, ein, dass die fünf Verstorbenen beim Test eines »neuen Spezialprodukts« umgekommen seien. »Spezialprodukt« ist traditionell ein Tarnbegriff für Atomwaffen. Lichatschows Vorgänger, der inzwischen zum ersten stellvertretenden Chef der Präsidialverwaltung aufgestiegene Sergej Kirijenko, beklagte, das »Restrisiko« habe »trotz aller Berechnungen« zum Unglück geführt.

Vom Tisch ist damit zunächst einmal die erste Meldung des russischen Verteidigungsministeriums, nach der das Unglück beim Test eines Flüssigtreibstoffmotors für eine ballistische Rakete passiert sei. Bei einer solchen wäre keine Radioaktivität freigeworden. Dass dies passiert ist, scheint jedoch nach Mitteilungen der Verwaltung der etwa 30 Kilometer vom Testgelände entfernten Stadt Sewerodwinsk klar. Sie hatte am Tag des Unglücks ihre Einwohner über eine »zwei- bis dreifache« Erhöhung des natürlichen Strahlungsniveaus informiert und sie aufgefordert, die Fenster geschlossen zu halten und die Häuser nicht zu verlassen.

Scheint also der nukleare Charakter des Zwischenfalls plausibel, so bleibt unklar, was in Njonoksa eigentlich explodiert ist. Im wesentlichen konzentriert sich die Diskussion auf die Hypothese, dass ein Test der 2018 von Wladimir Putin öffentlich präsentierten »Superrakete« des Typs »Burewestnik« fehlgeschlagen sein könnte. Der Marschflugkörper kann dank seines Nuklearantriebs angeblich Zehntausende Kilometer weit fliegen. Ob das physikalisch möglich ist, war im Westen immer angezweifelt worden. Andererseits sollen die USA in den sechziger Jahren mit derselben Technik experimentiert, nach einigen Testflügen jedoch wieder davon Abstand genommen haben. Der aus Gewichtsgründen nicht abgeschirmte Reaktor habe schon während des Anflugs auf die unterstellten Ziele eine radioaktive Schleppe hinter sich hergezogen, die auch für das Territorium der USA selbst schädlich geworden wäre.

Sollte es sich um einen solchen Flugkörper gehandelt haben, so kann Putins Äußerung bei der Präsentation, das Objekt sei Ende 2017 »erfolgreich getestet« worden, nicht dem Stand der Dinge entsprochen haben. Darauf deuten auch zwei weitere Umstände hin: erstens soll laut US-Satellitenaufnahmen in der Nähe des Testgeländes ein russisches Spezialschiff namens »Serebrjanka« gesichtet worden sein, das radioaktiven Abfall aus dem Meer fischen kann. Da die Heimatbasis des Schiffs auf der Kola-Halbinsel zwei Tagesreisen vom Unglücksort entfernt ist, liegt die Vermutung nahe, dass das Schiff vorsorglich dorthin entsandt wurde. Zweitens wurde das fragliche Seegebiet inzwischen für einen Monat für die zivile Schiffahrt und den Fischfang gesperrt.

Weitere die Art der explodierten Waffen betreffenden Hypothesen sprechen davon, dass es sich um eine »Nuklearbatterie« zur Aktivierung von auf dem Meeresboden plazierten Atomsprengköpfen handelte, die in einer Kriegssituation aktiviert werden könnten. Darauf könnte auch die offizielle Äußerung über eine »Isotopenquelle« als Ursache der erhöhten Strahlung und deren relativ kurz andauernder Anstieg in Sewerodwinsk hindeuten. Oder aber es habe sich um den Treibsatz eines Atomtorpedos des Typs »Poseidon« gehandelt, der im Kriegsfall Tsunamis vor der US-Küste auslösen oder angeblich ganze Flugzeugträgergruppen in einem Schlag versenken soll. Einstweilen sind die Hypothesen hochspekulativ und unterliegen auf beiden Seiten dem Verdacht, für propagandistische Zwecke verbreitet zu werden.

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