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Aus: Ausgabe vom 15.08.2019, Seite 6 / Ausland
Präsidentschaftswahl

Haushoher Favorit – in der ersten Runde

Bolivien entscheidet im Oktober, ob Evo Morales Präsident bleibt
Von André Scheer
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Boliviens Präsident Evo Morales am Dienstag bei einer Pressekonferenz in La Paz

Boliviens Staatschef Evo Morales geht als Favorit in die für den 20. Oktober vorgesehenen Präsidentschaftswahlen. Nach einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts »Via Ciencia« im Auftrag mehrerer privater Fernsehsender liegt er mit gut 39 Prozent Unterstützung weit vor dem wichtigsten Oppositionskandidaten Carlos Mesa. Dieser Expräsident, der Bolivien zwischen 2003 und 2005 regiert hatte und für das Bündnis »Comunidad Ciudadana« (CC, Bürgergemeinschaft) antritt, kann mit etwa 17 Prozent der Stimmen rechnen. Auf dem dritten Platz liegt demnach der christdemokratische Senator Óscar Ortiz, der unter der Marke von zehn Prozent bleibt. Drei weitere Kandidaten bleiben unbedeutend.

Im Vergleich zu einer Ende Juli veröffentlichten Umfrage des Instituts »Captura Consulting« konnte Morales damit seinen Vorsprung weiter ausbauen. Damals hatte der Präsident bei 38,4 Prozent gelegen, während sich 23,4 Prozent der Befragten für seinen wichtigsten Kontrahenten ausgesprochen hatten.

Für die direkte Wiederwahl in der ersten Runde würde ein solches Ergebnis allerdings nicht reichen. Nach bolivianischem Recht ist ein Kandidat im ersten Wahlgang gewählt, wenn er entweder mehr als 50 Prozent der Stimmen erhält – oder mit über 40 Prozent mindestens zehn Punkte vor dem Zweitplazierten liegt. Letztere Marke würde Morales nach jetzigem Stand knapp verfehlen. Er müsste sich dann am 15. Dezember einer Stichwahl stellen – bei der er wohl die vereinte Opposition gegen sich hätte. Allerdings wies die spanische Tageszeitung El País schon Ende Juli darauf hin, dass in den meisten Umfragen die Bedeutung der Wähler auf dem Land unterschätzt wird – und dort hat Morales nach wie vor seine größte Anhängerschaft.

Der frühere Kokabauer und Gewerkschafter Evo Morales wurde im Dezember 2005 mit 53,74 Prozent der Stimmen zum ersten indigenen Präsidenten seines Landes gewählt. Seither hat er eine erfolgreiche Bilanz vorzuweisen. Der Anteil der in extremer Armut lebenden Bevölkerung halbierte sich offiziellen Angaben zufolge von 38,2 auf 15,2 Prozent, die allgemeine Armut ging von 60,6 auf 34,6 Prozent zurück. Nach Angaben von Internationalem Währungsfonds und Weltbank verzeichnet Bolivien seit sechs Jahren durchgehend die höchsten Wachstumsraten in der Region.

Im Wahlkampf verspricht Morales, die Armut vollständig zu beseitigen, kostenfreien Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung sowie Ernährungssicherheit für alle Bevölkerungsschichten. Außenpolitisch ist er zuletzt dagegen auf eine vorsichtige Linie eingeschwenkt. Zwar spricht er sich immer wieder gegen die imperialistische Einmischung in Lateinamerika aus und solidarisiert sich mit seinen Amtskollegen in Kuba, Venezuela und Nicaragua. Zugleich bemüht er sich jedoch um gute Beziehungen zu den rechtsgerichteten Regierungen der Nachbarländer. Etwa zu Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, zu dessen Amtseinführung er im Januar gereist war und den er aus diesem Anlass als »Bruder« bezeichnet hatte.

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