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Aus: Ausgabe vom 15.08.2019, Seite 1 / Titel
Deutsche Wirtschaft

Konjunktur bricht ein

Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal gesunken. Industrie und Außenhandel auf Rezessionskurs. Forderungen nach Abkehr von »schwarzer Null«
Von Simon Zeise
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Wirtschaftspolitik mit der Abrissbirne: Die Exportfixierung der Regierung rächt sich

Aufregung am Kabinettstisch. Der Einbruch der deutschen Wirtschaft sei ein »Weckruf und Warnsignal«, sagte Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) am Mittwoch. Zuvor hatte das Statistische Bundesamt erklärt, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei im zweiten Quartal um 0,1 Prozent geschrumpft. Rückgänge in Industrie und Außenhandel sowie geringere Bauinvestitionen seien für die Misere verantwortlich. Nur wegen gestiegener Konsumausgaben ist der Abschwung nicht größer ausgefallen.

Altmaier verfiel in geschäftige Hektik. Um die drohende Rezession zu vermeiden, will er Konzerne und Reiche beschenken. »Wir brauchen Entlastungen bei der Körperschaftssteuer und einen klaren Fahrplan für die vollständige Abschaffung des Soli in der kommenden Legislatur«, sagte er gegenüber Bild. Sein Kabinettskollege, Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD), wollte »nicht von einer Wirtschaftskrise sprechen«. Sollte der Fall jedoch eintreten, solle ihm der Bundestag die Befugnis geben, kurzfristig per Verordnung den Bezug von Kurzarbeitergeld auszuweiten, um damit Entlassungen zu verhindern.

Volker Schulz, Volkswirt des deutschen Sparkassen- und Giroverbands, sagte gegenüber jW, die Wirtschaft sei »fast noch mit einem blauen Auge davongekommen«. Nach den jüngsten Schwächesignalen hätte man einen noch größeren Rückgang erwarten können. »Dennoch ist die deutsche Volkswirtschaft nun schon seit vier Quartalen per Saldo in einer Stagnation«, so Schulz. »Der langjährige Aufschwung scheint zu Ende zu sein.« Große Teile der Industrie steckten in einer Rezession.

Die Bundesrepublik zieht die Volkswirtschaften in der Europäischen Union nach unten. Die größten Ökonomien der Wirtschaftsunion konnten geringe Zuwächse verzeichnen. Frankreichs BIP legte um 0,2 Prozent, das der Niederlande und Spanien um 0,5 Prozent zu, Italien konnte sich noch in die Stagnation retten. Im Durchschnitt verzeichnete die Wirtschaft in der EU im 2. Quartal einen Zuwachs von 0,2 Prozent. »Aus dem einstigen Musterknaben ist ein Sorgenkind geworden«, sagte der Chefvolkswirt des Bankhauses Lampe, Alexander Krüger.

Auch die größten deutschen Konzerne machten weniger Profite. Im Vergleich zum 2. Quartal sank der operative Gewinn der 30 im Dax gelisteten Unternehmen um 30 Prozent auf 25,4 Milliarden Euro, teilte die Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) mit. Die Folgen der schwächelnden Autokonjunktur machten sich bereits in angrenzenden Branchen wie dem Maschinenbau und der chemischen Industrie bemerkbar. Passend dazu gab der größte deutsche Autokonzern am Mittwoch gesunkene Absatzzahlen bekannt. Trotz gestiegener Verkäufe in China habe VW weltweit »nur« 489.000 Fahrzeuge und damit 3,3 Prozent weniger als im Juli 2018 verkauft.

Angesichts des Abschwungs forderten Kapitalvertreter von der Bundesregierung eine Abkehr vom Sparkurs. Die »schwarze Null« gehöre in einer konjunkturell fragilen Lage »auf den Prüfstand«, schrieb der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI), Joachim Lang, in einem Beitrag für das Handelsblatt. »Die Produktion fällt, in den Betrieben zieht wieder Kurzarbeit ein.« Die Bundesregierung jedoch diskutiere nicht einmal über »kompensierende geld- und finanzpolitische Stimuli«. Sie müsse aber kräftig gegensteuern. In Berlin stößt der BDI auf taube Ohren. »Wir können die Aufgaben, die wir stemmen, ohne neue Schulden leisten«, hatte Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) am Montag monoton wiederholt.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

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