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Aus: Ausgabe vom 14.08.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Spiel gegen die Zeit

Nachwuchsarbeit: Wacker Innsbruck verkauft Karten für einen fiktiven Kick
Von Oliver Rast
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Eine Million fehlt Wacker Innsbruck für den Spielbetrieb, aber noch fliegt der Ball (wie hier gegen den VfB Stuttgart am 26. Juni im österreichischen Jenbach)

Nach nur einer Saison im Oberhaus ist der FC Wacker Innsbruck aus Tirol in der vergangenen Spielzeit wieder abgestiegen. Nicht nur sportlich, vor allem finanziell rutschte der zehnmalige österreichische Fußballmeister ab. Klub und Fans sind kreativ geworden, dazu gleich mehr.

Existenzbedrohend war die Situation nach dem Abstieg: »Kurzfristig stand alles in Frage. Wir spielen gegen die Zeit«, sagt Wacker-Klubmanager Felix Kozubek im jW-Gespräch. Das Zahlenwerk spricht für sich: Der Etat reduzierte sich von sieben Millionen Euro in Liga eins auf etwa drei Millionen für die bereits begonnene Zweitligasaison. Das ist eine Million zuwenig, um den Spielbetrieb des Vereins solide durchführen zu können. Um jeden Preis sollten alle Klubmannschaften gehalten werden, »natürlich auch das Frauenbundesligateam«, betont Kozubek.

Die Faninitiative Innsbruck hat immer wieder Entscheidungsträger für deren Unprofessionalität kritisiert. »Vorstand und Geschäftsführung wollen wir nicht aus der Verantwortung lassen«, betont Fan-Sprecher Theodor gegenüber jW. Die zeigen sich indes risikobereit. Auf Entlassungen habe der Verein verzichtet, es habe einen Solidarisierungseffekt unter den Angestellten gegeben, so Kozubek. Wie es für die Beschäftigten weitergeht, entscheidet sich im Herbst.

Der Verein positionierte sich wenige Tage nach dem verpassten Klassenerhalt neu. Die Schaffung eines stabilen Fundaments im Nachwuchsbereich steht im Zentrum, nicht der sofortige Wiederaufstieg. »Seit drei Jahren entwickeln wir ein Nachwuchsmodell mit einem Ausbildungsleitfaden für alle unsere Teams.« Aber sollte ein Traditionsverein Nachwuchsschmiede für andere Klubs zu sein? »Aktuell kommen wir gar nicht drumherum, über Transfers Erlöse zu generieren«, sagt Kozubek. Das machten Vereine in Holland und Belgien auch so. Den Wacker-Nachwuchs zu stärken sei ein guter und wichtiger Schritt, meint auch Theodor: »Der Verein wurde nach dem Abstieg und den finanziellen Engpässen aber geradewegs in diese Richtung gedrängt.«

Um die Etatlücke zu verringern, wurden Vereinsmitglieder einfallsreich. Die Idee: ein »Spiel gegen die Zeit«, ein fiktives Heimspiel als Community-basierte Challenge, wie das heutzutage heißt. Die Ziele bis zum 30. September lauten: Fans aktivieren, Image transportieren, Budget verbessern.

Die Steilvorlage für die Innsbrucker lieferte Energie Cottbus. Nach dem Abstieg in die viertklassige Regionalliga Nordost präsentierte die Vereinsführung das Projekt »Einmal vollmachen, bitte«. Gleichfalls ein »fiktives Heimspiel«, passgenau zum 54. Geburtstag von Energie am 31. Januar 2020.

Der Modus für das »Spiel gegen die Zeit« ist simpel: Tickets zum Einheitspreis von 20 Euro erwerben, Foto mit Anlass für den Kartenkauf posten, Hashtag »#spielgegendiezeit« verwenden und drei Freunde einladen, selbst eine Karte zu ordern.

Über 300.000 Euro würden eingespielt, wenn das Innsbrucker Stadion Tivoli mit 15.200 Zuschauern ausverkauft sein sollte. Für alle vier Tribünen gibt es ein extra designtes Ticket und Motto: »Nostalgie-«, »Artenschutz«-, »Champions«- und »Gäste«-Tribüne. Über 5.000 Karten sind derweil abgesetzt. »Das entspricht Extraeinnahmen von 100.000 Euro wie bei einem Großsponsor«, ist Kozubek zufrieden. Sind alle Tickets vergriffen, findet ein »Nachwuchsfestival« statt, Wacker-Zöglinge kicken dann gegen den Nachwuchs anderer Vereine. Der Termin ist noch unklar.

Konsequent verfolgt, sei der Weg mit Eigengewächsen und einigen Routiniers richtig, meinen Fans. »Dann erleben wir vielleicht sportlich wieder bessere Zeiten«, hofft Theodor. Ein Bonbon haben die Klubverantwortlichen parat. Das Ticket ist ein Gutschein für das nächste Europacup-Spiel von Wacker. Noch ist das visionär, beinahe fiktiv.

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