Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 14.08.2019, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Babys aus Bast

»Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt«: Lesley Nneka Arimahs Erzählungen sind so eindrücklich wie radikal
Von Katharina Bendixen
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»Du bist nicht wie diese weißen Mädchen!« Ada soll in Nigeria von Jungen ferngehalten werden

Zuerst die schlechte Nachricht: In den 2060er Jahren hat sich die Welt tatsächlich in den Schreckensort verwandelt, vor dem die Jugendlichen weltweit seit einigen Monaten warnen. Bis auf Australien und Afrika hat das Meer sämtliche Kontinente verschluckt. Europäer und Amerikaner sind nach Afrika geflohen, haben die dortige Bevölkerung unter anderem durch einen heimtückischen Virus vertrieben und herrschen nun in neuen Staatsformen wie der Biafra-Britannia-Allianz. Es gibt aber auch gute Nachrichten: Ein Wissenschaftler hat eine endlose Formel entdeckt, »die das Universum erklärte« und die das sogenannte »Zentrum« zu einem milliardenschweren Wissenschaftsimperium gemacht hat. Mit dieser Formel lässt sich beispielsweise eine Gleichung des menschlichen Körpers aufstellen, inklusive seines Kummers, der von mathematisch begabten Kummerarbeiterinnen durch komplexe Arithmetik abgezogen werden kann »wie das Gift aus einer Wunde«. Nneoma ist eine solche Kummerarbeiterin, nur hält sie den Kummer der Vertriebenen leider nicht aus: »Das Gewicht ihrer Trauer war zuviel.« Dafür heilt Nneoma den Kummer von privilegierten Paaren, die ein Kind verloren haben.

»Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt« ist eine klassische Short Story, die sich auf den britischen Science-Fiction-Film »The Man Who Fall to Earth« zu beziehen scheint, einen Kultfilm aus dem Jahr 1976 mit dem kokainsüchtigen David Bowie in der Hauptrolle, der als Alien mit telepathischen Fähigkeiten auf der Erde ein Wissenschaftsimperium errichtet. Die Erzählung findet sich im letzten Drittel des gleichnamigen Bandes von Lesley Nneka Arimah und ist die politisch radikalste und zugleich schmerzhafteste Geschichte des Buches. Zunächst ist die Atmosphäre in Arimahs Debüt etwas sanfter – etwa in der Erzählung »Kriegsgeschichten«, in der ein Mädchen gegen die Zicken an ihrer Schule kämpft und abends beim Schachspielen den Kämpfen lauscht, die ihr Vater ausfechten musste, oder in »Licht«, wo eine nigerianische Familie auseinanderfällt, als die Mutter für ihren Master in Betriebswirtschaft in die USA geht. Da ist auch die sehr starke Story »Wild« über Ada, ein nigerianisches Mädchen, das in den USA aufwächst und nach einem Fehltritt zu ihrer Tante nach Afrika geschickt wird. »Du bist nicht wie diese weißen Mädchen, du kannst deinen Körper nicht einfach so anbieten«, sagt die Mutter zu Ada, die nichts weiter getan hat, als einen Jungen zu küssen. Und: »Sie haben gesagt, weil du ohne Vater aufwächst und dann auch noch ausgerechnet in Amerika, soll ich dich schlagen, weil du sonst außer Rand und Band gerätst.« Kurz darauf sitzt Ada im Flugzeug und erlebt in Nigeria das nächste, ein ungleich schlimmeres Drama.

Das Pendeln zwischen den USA und Nigeria, die Zerrissenheit zwischen dem Leben hier und dem Leben dort, findet sich in vielen Erzählungen des Bandes – genau wie in der Biographie seiner Autorin, die in Großbritannien geboren wurde und in Nigeria und den USA aufgewachsen ist. Lesley Nneka Arimah erzählt überwiegend von Frauen und Mädchen, oft von Müttern und ihren Töchtern, die Bescheid wissen über den Unterschied zwischen sich und denen mit der »eierschalenweißen Haut«, die das zickige Mädchen an der Schule mit den »teuren BHs aus London« hassen und die sich wundern, als der Vater mit seinen Militärgeschichten anfängt: »Du warst mit zwölf beim Militär?« Die Protagonistinnen dieser Erzählungen sind mutig, sie sind verletzlich, und oft setzen sie ihrem Schmerz eine ordentliche Portion Humor entgegen. Dass dieses Buch trotz seiner weiblichen Figuren einen Mann im Titel trägt, ist möglicherweise auch ein humorvoller Kommentar zu den Verhältnissen – und immerhin fällt dieser Mann aus dem Himmel.

Ebenso eindrücklich wie seine Figuren sind die verschiedenen Erzählansätze und das reiche sprachliche Register, das in der streckenweise etwas holprigen deutschen Übersetzung leider nicht immer zur Geltung kommt. Neben den klassischen Short Storys enthält »Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt« wunderbar seltsame Textsorten wie das formalistische (und gelungene) Experiment »Die Zukunft sieht gut aus« oder den surrealen, berührenden Text »Zweite Chancen« über eine verstorbene Frau, die für ein paar Stunden zu ihrer Familie zurückkehrt. Sogar ein Märchen über den Gott der Ameisen und die Göttin der Flüsse findet sich darin. Und es gibt die magische Erzählung »Wer erwartet dich zu Hause« über Babys aus Bast oder Lehm, die nach einem Jahr intensiver Pflege zum Leben erwachen können. Ogechis Kind ist aus Garn, es zerfällt schon nach einem Monat. Aber Ogechi hat kein Geld, sie ist eine einfache Arbeiterin und muss schon ihre Miete – ähnlich wie einst Timm Thaler – mit ihrer Freude und ihrem Mitgefühl bezahlen. Im Bus beobachtet sie giftig vor Neid die anderen Frauen mit ihren Babys, von denen manche sogar aus Porzellan bestehen: »Nur eine sehr reiche und glückliche Frau wäre in der Lage, ein so zerbrechliches Ding das ganze Jahr, das es dauerte, bevor das Kind zu Fleisch und Blut wurde, unbeschadet bei sich zu behalten.« Wird jemand wie Ogechi sich in den 2060er Jahren eine Kummerarbeiterin leisten können? Oder besser gar nicht erst eine benötigen?

Lesley Nneka Arimah: Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt. Aus dem Englischen von Zoë Beck, Culturbooks-Verlag, Hamburg 2019, 200 Seiten, 20 Euro

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