Gegründet 1947 Sa. / So., 19. / 20. Oktober 2019, Nr. 243
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 14.08.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Brüche in der Kriegsallianz

Eskalation im Jemen

Mit der Besetzung Adens durch Separatisten treten Differenzen innerhalb der Kriegskoalition ganz offen zutage
Von Wiebke Diehl
RTS2M177.jpg
Südjemenitische Separatisten am 10. August 2019 auf einem Panzer in Aden

Vierzig Getötete, 260 Verletzte, Zehntausende aus ihren Häusern Geflüchtete und eine krachende Niederlage für Riad: Am Wochenende sind mit der Einnahme des Präsidentenpalastes und dreier Kasernen in Aden durch südjemenitische Separatisten des 2017 gegründeten »Südlichen Übergangsrats« (STC) die Risse in der von Saudi-Arabien angeführten Kriegsallianz gegen den Jemen einmal mehr deutlich zutage getreten. Die seit mehr als vier Jahren bestehende Koalition, die die nach Angaben der Vereinten Nationen größte humanitäre Katastrophe unserer Zeit ausgelöst hat, reagierte mit Luftangriffen auf ihre (ehemaligen) Alliierten, die ihrerseits seit Jahren von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), dem zweitwichtigsten Protagonisten der Kriegsallianz, aufgerüstet und trainiert werden.

Die Regierung von »Präsident« Abed Rabbo Mansur Hadi, die von einem Großteil der internationalen Gemeinschaft anerkannt wird, aber seit Jahren weder demokratisch legitimiert ist noch über einen nennenswerten Rückhalt in der Bevölkerung verfügt, sprach von einem Putsch. Turki Al-Malki, ein Sprecher der Militärallianz, forderte fast schon verzweifelt alle Parteien auf, »sich von den eroberten Positionen zurückzuziehen«.

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman und sein Counterpart aus den VAE, Scheich Mohammed bin Sajid Al Nahjan, trafen sich am Montag zum Krisengipfel in Riad. Den Konflikt in der Militärkoalition, der in den letzten 18 Monaten immer offener ausgetragen wurde, vermochten sie indes nicht zu vertuschen. Aidarus Al-Subaidi, ehemaliger Gouverneur Adens und heute Chef des STC, der eine Teilung des erst 1990 vereinigten Jemen anstrebt, erklärte sich offen für eine Vermittlung Saudi-Arabiens in dem Konflikt sowie bereit zu einem Waffenstillstand in Aden. Von einer Rückkehr zum Status quo ante, also einer Räumung der eroberten Stellungen aber war keine Rede.

Berichten zufolge war die Einnahme des symbolisch bedeutenden Präsidentenpalastes und der strategisch wichtigen Kasernen in der Hafenstadt ohne nennenswerte Gegenwehr der von Saudi-Arabien ausgerüsteten und trainierten Garde erfolgt, die teilweise sogar zu den Angreifern übergelaufen sein soll. Ausgelöst wurden die seit vergangenem Mittwoch andauernden Gefechte zwischen den Protegés Saudi-Arabiens auf der einen und denen der VAE auf der anderen Seite durch einen Drohnenangriff auf eine Militärparade in Aden, bei dem Dutzende separatistische Kämpfer und einer ihrer wichtigsten militärischen Kommandeure getötet worden waren. Ungeachtet der Tatsache, dass sich die Ansarollah (»Huthis«), die seit 2014 Jemens Hauptstadt Sanaa und bis heute wesentliche Provinzen im Nordwesten des Landes kontrollieren, zu dem Angriff bekannt hatten, beschuldigten die Separatisten die Islah-Partei, den jemenitischen Ableger der Muslimbruderschaft, daran beteiligt gewesen zu sein.

Der große Verlierer der bewaffneten Auseinandersetzungen ist – genau wie infolge von bereits im Januar 2018 aufgeflammten Gefechten mit 38 Getöteten und 220 Verletzten zwischen den offiziell im Kampf gegen die Ansarollah verbündeten Kräften – der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman. 2015 hatte er noch als Verteidigungsminister einen kurzen Krieg sowie einen Sieg im Kampf mit dem Iran um die Vormachtstellung in der Region angekündigt. Heute scheint er keinen Ausweg aus dem Debakel zu finden, in dem ein klarer Erfolg immer weiter entfernt erscheint.

Hussein Al-Asi, Außenminister der Ansarollah, machte den einzigen zu vernehmenden konstruktiven Vorschlag: Es sei an der Zeit, dass die bestimmenden Kräfte des Landes ernsthafte Gespräche miteinander führten, um den Jemen in einen föderalen Staat zu überführen. Eine gleichberechtigte Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen im Jemen im Gegensatz zu ihrer jahrzehntelangen Unterdrückung war neben dem Kampf gegen Korruption und für eine selbstbestimmte Entwicklung des Jemen eines der Hauptziele, mit dem die Ansarollah in den 2000er Jahren angetreten waren und von denen sie eine Mehrheit der Bevölkerung überzeugen konnten.

Hintergrund: Westliche Waffen gegen Zivilisten

Zum Jahrestag des verheerenden Angriffs der Militärkoalition unter Führung Saudi-Arabiens auf einen Schulbus im Jemen, bei dem über 50 Menschen, darunter 40 Kinder, getötet und 80 Personen verletzt wurden, bemängelte der stellvertretende Länderdirektor von »Save the Children«, bislang sei weder den Opfern und ihren Familien, noch den Überlebenden Gerechtigkeit zuteil geworden. Bis heute hätten diese teils Granatsplitter im Kopf und seien schwer traumatisiert. Der am 9. August 2018 mit einer in den USA produzierten, lasergesteuerten Bombe durchgeführte Angriff war einer von weit mehr als einem Drittel aller von der Kriegsallianz durchgeführten Bombardierungen, die rein zivile Ziele wie Schulen, Krankenhäuser, Moscheen, Hochzeitsgesellschaften, Märkte oder Trauerfeiern treffen.

Der Krieg, bei dem es vor allem um die Durchsetzung geostrategischer Interessen der Koalition und ihrer westlichen Verbündeten geht, hat die Infrastruktur des Landes nachhaltig zerstört. 24,1 von 28 Millionen Einwohnern Jemens sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, 19 Millionen haben keinen adäquaten Zugang zu Wasser und Gesundheitsversorgung, mehr als eine Million Menschen sind laut der Weltgesundheitsorganisation vom weltweit größten je registrierten Choleraausbruch betroffen. Laut einer 2018 in Sanaa durchgeführten Studie leiden 79 Prozent der jemenitischen Kinder unter schweren psychischen Problemen.

Experten sind sich einig: Würden alle Rüstungsexporte an Länder der Militärallianz aus den westlichen Industrienationen gestoppt, könnten die mangels nennenswerter eigener Rüstungsindustrien für diesen Krieg auf Waffenimporte angewiesenen Regierungen ihren Krieg nicht fortführen. Aber für die westlichen Regierungen sind die Rüstungsexporte an die Golfmonarchien nicht nur ein lukratives Geschäft. Es geht ihnen vor allem um die Kontrolle der Meerenge Bab Al-Mandab, der einzigen Ausweichmöglichkeit für Öltransporte, sollte Teheran die Straße von Hormus sperren. Und so setzt man sich über den Willen der Mehrheitsbevölkerung genau wie über Gutachten hinweg und setzt die Waffenlieferungen notfalls per präsidialem Veto durch, wie in den USA jüngst geschehen.

Auch der UN-Sicherheitsrat hat sich schon 2015, zwei Wochen nach Beginn der Luftangriffe, die Kriegsziele Riads zu eigen gemacht: Mit der Resolution 2216 wurde ein einseitiges Waffenembargo gegen die Ansarollah verhängt und diese zur bedingungslosen Kapitulation aufgefordert. Der damalige UN-Sondergesandte für den Jemen, Dschamal Benomar, hatte aus Protest seinen Rücktritt eingereicht. (wd)

Ähnliche:

  • Menschen versammeln sich am Donnerstag in der jemenitischen Haup...
    17.05.2019

    Bomben auf den Jemen

    Saudiarabisches Militärbündnis greift Hauptstadt Sanaa an. Bundeskanzlerin Merkel fürchtet um europäische Rüstungszusammenarbeit
  • Am dritten Jahrestag der Invasion, dem 26. März 2018, demonstrie...
    26.03.2019

    Vier Jahre Sterben im Jemen

    Am 26. März 2015 begann die von Saudi-Arabien geführte Militärintervention
  • Türkischer »Leopard«-Panzer nordöstlich von Afrin (23.1.2018)
    02.03.2019

    Mordgeschäft boomt

    Mehr Leid, mehr Aufträge, mehr Gewinn: Bundesregierung will Exporte in Kriegsgebiete erleichtern

Mehr aus: Schwerpunkt