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Aus: Ausgabe vom 13.08.2019, Seite 16 / Sport
Tennis

In der goldenen Jugend

Stand der Dinge: Bizarr. Der Rogers Cup endete mit sehr kurzen Finals
Von Peer Schmitt
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Um einen Hartplatztitel zu verteidigen, musste Rafael Nadal (hier links am Sonntag in Montreal) 33 Jahre alt werden

Beim Rogers Cup in Kanada wurden am Sonntag die Finals gespielt. Es war kein guter Tag, aber einer der Wahrheit. Beim Rogers Cup spielen ATP und WTA Jahr für Jahr abwechselnd in Montreal bzw. Toronto, und seltsamerweise erscheint Montreal immer irgendwie angenehmer und interessanter. In diesem Jahr aber konnte man sich nicht einmal darauf mehr verlassen.

Im Finale des ATP Masters 1000 in Montreal machte der an eins gesetzte Rafael Nadal mit dem 23jährigen Russen Daniil Medwedew, Weltranglistenachter und einer der konstantesten Spieler der Saison, erschreckend kurzen Prozess. 6:3, 6:0 ging es aus. Und dieser Ausgang des Turniers schien von Beginn an unvermeidlich. Novak Djokovic und Roger Federer nahmen diesmal nicht teil, also schien der Weg frei für Nadal und die erste Titelverteidigung (er hatte letztes Jahr in Toronto gewonnen) bei einem Hartplatzturnier in seiner gesamten Karriere.

Nadal ist mittlerweile 33 Jahre alt. Er hat beim Rogers Cup seit 2004 13mal gespielt und nunmehr insgesamt fünfmal gewonnen, sein 35. Masters-1000-Titel in seinem 51. Finale dieser Kategorie. Dass es so spielend einfach aussah, und zwar, wie gesagt, nicht auf Sand, wo jede Niederlage für ihn eine Überraschung ist, sondern auf Hartplatz, einem relativ schnellen zudem, spricht Bände über die Monokultur der ATP.

Ins Finale war er kampflos eingezogen. Halbfinalgegner Gael Monfils, auch schon 32, hätte wenige Stunden nach seinem kräftezehrenden 6:4-3:6-7:6-Viertelfinalsieg gegen Roberto Bautista Agut antreten müssen und sagte ab. Einen Satz verlor Nadal lediglich im Viertelfinale gegen seine Nemesis Fabio Fognini. Es sind derzeit die bösen Buben, Spinner und Weirdos, die kurzzeitig Rettung versprechen, aber dieses Versprechen nicht einhalten, so wie Fognini sein Niveau nach Gewinn des ersten Satzes gegen Nadal nicht halten konnte.

Für Medwedew war die Finalniederlage in Montreal die zweite innerhalb einer Woche. Er hatte vorletzten Sonntag beim ATP 500 in Washington D.C. 6:7, 6:7 gegen Nick Kyrgios verloren. Der Australier, ebenfalls hoffnungsvoller Weirdo und böser Bube, schied in Montreal direkt nach seinem Turniersieg in der ersten Runde gegen Kyle Edmund aus und stritt im Verlauf dieses Matches mit dem Schiedsrichter über Handtücher. Kein Scherz. Praktisch jedes Match von Kyrgios ist bizarr (obwohl er, wie das Finale in Washington bewies, durchaus zu großer Konzentration in der Lage ist), aber längst nicht so bizarr wie Nadals Unermüdlichkeit. Die erste Hartplatztitelverteidigung in der goldenen Jugend von 33 Jahren. Tennis ist ein sauberer Sport.

Parallel in Toronto war das Finalvergnügen noch kürzer. Serena Williams gab gegen die kanadische Lokalmatadorin Bianca Andreescu nach zehn Minuten bei 1:3 wegen Rückenschmerzen auf. Der Rogers Cup ist tatsächlich das erste WTA-Finale von Williams seit Rom im Mai 2016 gewesen. Seit ihrer Babypause konzentriert sie sich offensichtlich noch mehr auf die Majors, als sie es in ihrer Karriere ohnehin schon immer getan hatte. Nach ihrer fragwürdigen Leistung im Wimbledon-Finale schien sie in Toronto allerdings den Fokus auf Spielpraxis zu setzen. Im Viertelfinale gelang ihr sogar die Revanche für die Finalniederlage bei den letzten US-Open gegen Naomi Osaka (6:3, 6:4). Osaka ist dennoch seit dieser Woche wieder die Nummer eins der Weltrangliste, da die zwischenzeitlich führende Ashleigh Barty bereits in der zweiten Runde gegen die spätere Halbfinalistin Sofia Kenin ausgeschieden war.

Im Halbfinale lieferte Williams gegen die Turnierüberraschung überhaupt, die 21jährige tschechische Qualifikantin Marie Bouzkova, ihre übliche Theaterroutine ab, gegen eine hohe Außenseiterin den ersten Satz mit haarsträubenden Fehlern zu verlieren, um diese danach mit unreturnierbaren Aufschlägen und brutalen Returns zu zermatschen.

Das Halbfinalaufgebot in Toronto repräsentierte ganz gut den merkwürdigen Stand der Dinge bei der WTA. Zum einen die bald 38jährige Serena Williams, an acht gesetzt, an ihrer Seite drei ungesetzte Spielerinnen – Kenin, Bouzkova. Andreescu –, keine von ihnen über 21 Jahre alt. Mit der 19jährigen Andreescu gewann die jüngste von ihnen das Turnier, direkt nach einer mehrwöchigen Verletzungspause. Andreescus Bilanz gegen Top-ten-Spielerinnen ist in diesem Jahr makellos: 7:0. Sie steht nun auf Platz 14 der Weltrangliste. Ihre Oberarme und Schultern sind ungefähr so kräftig wie die von Williams, nur 20 Jahre jünger. Tennis ist ein sauberer Sport.

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