Gegründet 1947 Montag, 21. Oktober 2019, Nr. 244
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 13.08.2019, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Eine Welt in der Sackgasse

Die fromme Utopistin und der bürokratische Himmel: Jens Mehrle hat in Dessau »Rosie träumt« von Peter Hacks inszeniert
Von Kai Köhler
1.jpeg
»Durchgehend kluge Lösungen«: Babette Winter, Jörg Thieme und Gloria Iberl-Thieme im gekippten Zelt (v. l. n. r.)

Der römische Kaiser Diokletian, der um 300 regierte, ist als einer der entschlossensten Christenverfolger bekannt. Peter Hacks gibt ihm in seinem Drama »Rosie träumt« drei Töchter, von denen die Titelheldin ein bonbonfressendes, stets zu spät kommendes Gör ist. In entschlossener Keuschheit hat sich Rosie ihrem Bräutigam Jesus versprochen und ersehnt lustvoll einen baldigen Tod als Märtyrerin, um endlich die himmlische Seligkeit zu genießen.

Hacks hat mehrfach solche negativen Utopisten auf die Bühne gestellt, denen für die Welt, wie sie nun mal ist, nichts einfällt und die das ganze Glück sofort haben wollen. Als Materialisten interessierte ihn die konkrete Verbesserung der Welt. Das kommunistische Ideal gab die Richtung an, doch es für hier und heute zu fordern hieß für ihn, in der Praxis gar nichts zu erreichen. Und seine Rosie hat nicht mal ein Bild von einer idealen Welt, sondern denkt nur ans ideale Jenseits. Trotzdem: Die Handlung gibt ihrer Ideologie recht. Gleich anfangs bringt sie ihre beiden Schwestern, die der Vater als Christinnen schon hat köpfen lassen, ins Leben zurück. Im weiteren Verlauf leitet sie – neben kleineren Wundern – einen Fluss um und rettet für Rom eine bereits verlorene Schlacht.

Diese »Legende« – so der Untertitel – ist eines der merkwürdigsten Stücke von Hacks. Dass der Autor den christlichen Gehalt seiner Vorlagen, den um das Jahr 1000 entstandenen Dichtungen der Roswitha von Gandersheim, ernst nahm, ist auszuschließen. Er vermeidet jeden religiösen Weiheton, vielmehr gibt es Witze, die meisten sind sehr gut. Immer wieder tritt der Henker auf, tölpelhaft im Alltag, geschickt in seinem Fach, doch von Beginn an von Misserfolgen geplagt. Rosies Schwestern erstehen peinlicherweise auf: »Der Unfall bringt mich selbst in Verzweiflung, doch glaubt mir, Kaisers, sobald man es irgend mit Christen zu tun hat, gehen die Pannen los.« Das sagt der Scharfrichter zu Diokletian und dessen designiertem Nachfolger Gallikan, einem pragmatischen Gewaltherrscher, der Rosie als Sklavin mitnimmt und den sie doch zu einem christlichen Bekenntnis verlockt. Es ist eine Welt in der Sackgasse. Der alte Staat zerbröselt, die Opposition hat jedoch fürs Diesseits kein Konzept und zieht das Sterben vor. Man kann das 1974 in der DDR, am Anfang der Honecker-Zeit, geschriebene Drama als kluge Vorwegnahme ihres Endes lesen; warum soll man das heute aufführen?

Jens Mehrle, dem schon die Uraufführung von Hacksens »Orpheus in der Unterwelt«-Version und eine »Pandora«-Inszenierung zu verdanken sind, hat sich an das schwierige Werk getraut. Sicher war es auch der Erfolg seiner letztjährigen Premiere von Euripides’ »Ion«, gleichfalls im Dessauer Georgengarten und mit späteren Aufführungen in Wittenberg, Wörlitz und in der Dessauer Marienkirche, der für einen starken Andrang sorgte. Viele Interessenten wurden auf einen späteren Aufführungstermin verwiesen.

Wer eine Karte bekam, konnte tatsächlich das Drama so sehen, wie es geschrieben wurde, ohne kühne Textmontagen und ohne aufdringliche Aktualisierungen. Mehrle und sein Team vertrauen auf die Intelligenz eines Publikums, das einen 1.700 Jahre alten Stoff mit einer 1.000 Jahre alten Vorlage und einer 45 Jahre alten Dramatisierung auf die Gegenwart zu beziehen vermag. Mit anderen Worten: Sie vertrauen auf ein historisches Bewusstsein, das stets Bewusstsein der Gegenwart ist.

Das wäre nicht möglich ohne die Darsteller, die jeweils mehrere Rollen übernehmen müssen. Gloria Iberl-Thieme stellt unter anderem Rosie als so nerviges wie auch wirkungsmächtiges Mädchen dar. Babette Winter überzeugt vor allem als Barbarenherrscher Bradan, der sich prächtig mit seinem römischen Feind Gallikan versteht (kraftvoll als Machtmensch: Jörg Thieme). In der Entscheidungsschlacht machen die beiden Feldherren Konversation und nehmen die Sache als sportliches Spiel, während sich die Unteren nach Regeln ermorden. Das ist zynisch, aber begrenze Gewalt; während die religiöse Fanatikerin Rosie, die mittels Gebet Rom als künftigem Hauptsitz der Christenheit den Sieg zuschanzt, den beiden etablierten Herrschern peinlich ist.

Mehrle verfügt bei dieser Produktion des »Theater Provinz Kosmos e. V.« nicht über den Theaterapparat, wie Hacks ihn sich für den Innenraum vorstellte, doch wurden für die beschränkten Möglichkeiten einer Freiluftaufführung mit wechselnden Spielorten durchgehend kluge Lösungen gefunden. Ein einfaches Zelt, gedreht und gekippt, reicht, um die Plätze zu bezeichnen. Zudem hat Hacksens Drama, das zu lesen eine Freude ist, die Eigenschaft aller guten Theaterstücke: dass man noch viel mehr begreift, wenn man die Sätze gesprochen hört und den Ablauf sieht.

Keine der Handlungen führt zum beabsichtigten Ziel. Rosie freilich kommt in den ersehnten Himmel. In dem ist die erträumte Sphärenmusik einfach nur langweilig, Bürokratie herrscht statt Gottesglaube, sogar der kürzlich vom heiligen Blitz erschlagene Henker strolcht herum. Und Jesus? Den haben, so die Jungfrau Maria, »die Bischöfe gegessen«.

Mehrles Inszenierung zeigt auf sehr heitere Weise Hacksens Welt, in der nichts mehr geht; also unsere.

Weitere Aufführungen: 16., 23., 24. August Wittenberg (Lutherhaus, Amphitheater), 1. September Wörlitz (Amphitheater Insel Stein), 23. und 26. Oktober Dessau (Marienkirche)

Regio:

Mehr aus: Feuilleton