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Aus: Ausgabe vom 13.08.2019, Seite 7 / Ausland
Frankreich

Vor heißem Herbst

Keine Sommerpause für »Gelbwesten«: Französische Bewegung plant neue Aktionen
Von Georges Hallermayer
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Maxime Nicolle zusammen mit »Gelbwesten« bei einer Demonstration am 16. Februar in Paris

Zum 39. Mal sind am Samstag Hunderte Anhänger der »Gelbwesten«-Bewegung in Paris auf die Straße gegangen und ließen sich weder von der sommerlichen Hitze noch den polizeilichen Personenkontrollen abschrecken. Sie forderten vor allem den Rücktritt von Innenminister Christophe Castaner. Dieser steht seit Wochen im Zusammenhang mit 29 Selbstmorden von Polizisten als auch wegen der zwölfmonatigen Suspendierung von Alexandre Langlois, dem Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft »Vigi Poli ce«, öffentlich in der Kritik. Hinzu kommt nach wie vor die Empörung über den Tod von Steve Maia Caniço. Der als Betreuer in einem Kinderhort tätige 24jährige war am 21. Juni zusammen mit 14 weiteren Personen in Nantes nach einem Konzert von der Polizei in die Loire getrieben worden. Erst am 30. Juli wurde seine Leiche entdeckt. Die Castaner unterstehende Aufsichtsbehörde stellte den beteiligten Beamten einen Persilschein aus, der Einsatz gegen die Besucher des Musikfestivals sei »nicht unverhältnismäßig« gewesen.

Die Bewegung der »Gelbwesten« hat sich in den vergangenen Wochen regionalisiert, aber auch abgeschwächt. Hinzu kommt, dass in Frankreich während der Sommerferien bis zum »Rentrée«, dem Schulbeginn, traditionell eine Politikpause herrscht. Dennoch bereiten sich die »Gelbwesten« auf einen »heißen Herbst« vor. Wie Le Journal du Dimanche am Sonntag schrieb, soll insbesondere der vom 24. bis 28. August stattfindende G-7-Gipfel im baskischen Badeort Biarritz eine Gelegenheit für neue Proteste sein. Auf Facebook mobilisieren die Aktivisten unter anderem mit dem Sliogan »Les GJ retournent le G 7« – »Die Gelbwesten drehen die G 7 um« – zu Gegenaktivitäten in mehreren Städten des Baskenlandes.

Priscillia Ludosky, die im vergangenen Jahr mit einer Onlinepetition die Bewegung der »Gelbwesten« mit ausgelöst hatte und nicht nur für die Tageszeitung Le Monde als eine der prominenten Sprecherinnen und Sprecher der »Gilets jaunes« gilt, hat für den 31. August ein landesweites Treffen der »Gelbwesten« an der französisch-schweizerischen Grenze aufgerufen. Der sowohl von der linken »La France insoumise« um Jean-Luc Mélenchon als auch von den Faschisten der »Rassemblement National« umworbene Eric Drouet mobilisiert für den 7. September zu einem Treffen in Paris: »Die Regierung ist noch immer nicht den Erwartungen der Gilets jaunes und der französischen Bürger nachgekommen. Es ist an uns, zu reagieren.« Eine weitere Gruppe um Maxime Nicolle ruft via Facebook für den 21. September zu einer »historischen Mobilisierung« auf, um »zusammen gegen das System zu marschieren, gegen die Zerstörung des Planeten, die Arroganz der Eliten, die Rentenreform, die prekären Monatsenden«. 10.000 haben ihr Interesse signalisiert, 2.000 ihre Teilnahme angekündigt. Ein Höhepunkt wird vermutlich auch der erste Jahrestag des Entstehens der Bewegung am Wochenende des 16. und 17. November werden. »Ein Jahr des Kampfes, das wird gefeiert«, heißt es dazu bereits.

Außerdem gibt es nach wie vor Aktionen örtlicher Initiativen. Schüler wie Lehrer, Umweltbewegte, Rentner und Staatsbedienstete gemeinsam mit den »Gelbwesten«, ebenso Gewerkschaften und politische Gruppen. Wie die Haute Provence Info am 8. August berichtete, unterstützen »Gelbwesten« in Sisteron das Personal der örtlichen Notaufnahme, nachdem die Pfleger mehr Stellen, eine Budgetaufstockung und die Rücknahme der Schließung der Notfalleinrichtung während der Nachtstunden gefordert hatten.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Jacques: Gelbweste für jW Es ist ein wohltuender Artikel. Denn die jW hat sich schwergetan, sich auf eine regelmäßige Berichterstattung über die Gelbwesten einzulassen. Eigentlich müsste die wiederholt geäußerte Sorge von Frau...

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