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Aus: Ausgabe vom 13.08.2019, Seite 5 / Inland
Subunternehmen

Deliveroo hat in Deutschland ausgeliefert

Fünf Tage Frist zwischen Bekanntmachung und Schließung. Beschäftigte schockiert
Von Gerrit Hoekman
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Fahrradkurier des Lieferdienstes »Deliveroo« fährt über eine nasse Straße in Berlin (18.11.2015)

Der britische Essenslieferant Deliveroo stellt seinen Dienst in Deutschland aus heiterem Himmel ein. Bereits ab dem nächsten Wochenende werden seine Fahrradkuriere keine Arbeit mehr haben. Das meldete die Deutsche Presseagentur am Montag. Die Fahrerinnen und Fahrer, die formal als Subunternehmer für Deliveroo arbeiten, erfuhren die schlechte Nachricht am Montag per Rundmail, die jW vorliegt.

»Mit diesem Schreiben möchte ich Dich darüber informieren, dass Deliveroo mit Ablauf des 16. August 2019 leider nicht mehr in Deutschland tätig sein wird. Diese Entscheidung war nicht einfach und ist uns nicht leichtgefallen«, teilte darin der Deutschlandchef Marcus Ross mit.

Mit dem Rückzug von Deliveroo wird die Konkurrenz für den Marktführer Takeaway.com in Deutschland immer geringer. Die mit der Marke »Lieferando« bekannt gewordenen Niederländer hatten das Deutschland-Geschäft des Rivalen »Delivery Hero« (»Lieferheld«, »Pizza.de«, »Foodora«) geschluckt und sind gerade dabei, die britische »Just Eat« zu übernehmen. Bei Deliveroo steht trotz des Deutschland-Aus der US-Technologiekonzern Amazon vor dem Einstieg. Der Lieferdienst war bislang in fünf deutschen Großstädten vertreten und beschäftigte dort 1100 Kuriere.

Offenbar kam das Aus für die Belegschaft nicht ganz überraschend. »Wir haben geahnt, dass etwas nicht in Ordnung ist, als vor zwei Monaten Kollegen in der Buchhaltung entlassen wurden«, sagt ein Kurier, der anonym bleiben will, gegenüber jW. »Statt dessen wurde eine neue Bezahl-App benutzt, um unser Auftragsgeld zu erhalten.« Am Montag sei die App abgestürzt, weil alle Auslieferer sofort ihr Geld ausgezahlt haben wollten. Das Vertrauen in den Arbeitgeber scheint nicht besonders groß.

Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) wirft dem Essenslieferdienst Deliveroo fehlende soziale Verantwortung vor: »Wir weinen dem Unternehmen und seinen Geschäftspraktiken, die komplett auf Scheinselbständigkeit basieren, keine Träne nach. Aber diese sehr kurze Frist zwischen Bekanntmachung und Umsetzung der Geschäftsaufgabe ist ein Schock für die Beschäftigten. Innerhalb weniger Tage verlieren sie ihr Einkommen, also ihre Existenzgrundlage. Auch das zeigt, welche Nachteile dieses Geschäftsmodell birgt«, so der NGG-Vorsitzende Guido Zeitler.

In der Rundmail bietet Deliveroo den Fahrerinnen und Fahrern »eine einmalige freiwillige Zahlung in Höhe von 10 Tagesvergütungen, die am 16. August ausgezahlt wird. Eine Zwei-Wochen-Vergütung, welche ausgezahlt wird, wenn Du den Brief unterschreibst, den Du per Post erhalten wirst«. Was unterschrieben werden soll, teilt Deliveroo in der Mail nicht mit. Es dürfte sich aber wohl um den Verzicht auf alle weiteren Ansprüche handeln. Für vier Tagesvergütungen mehr.

Die NGG fordert von der Politik, dass sie »derartigen Geschäftspraktiken, die das unternehmerische Risiko und die Kosten vorwiegend auf die Rider, also die Lieferdienstfahrer, abwälzen, einen Riegel vorschiebt«. Was Beschäftigte auch in dieser Branche brauchen würden, sei eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung – und zwar vom ersten Tag an.