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Aus: Ausgabe vom 13.08.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Berichterstattung

Keine objektive Quelle

Journalistenverband appelliert, Polizeiberichte kritisch zu hinterfragen
Von Susan Bonath
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16 verletzte Polizisten? Proteste für mehr Klimaschutz im Rheinland (Juni 2019)

Ob Richter, Reporter oder Bürger: Die Polizei genießt in Umfragen stets ein hohes Ansehen. Und die meisten glauben ihr selbst abstruse Behauptungen. Das führte nicht nur im Fall des Düsseldorfer Rheinbads zur Verbreitung von »Fake News«. Ein klassisches Beispiel: Geht die Polizei rücksichtslos gegen Demonstranten vor, begibt sie sich nicht selten selbst in die Opferrolle, um ihre Gewalt zu rechtfertigen. Wie im Fall der Besetzung eines Kohlebaggers von RWE Ende Juni: Von 16 verletzten Polizisten war die Rede, viele Redaktionen übernahmen das ungeprüft. Bis der WDR nachhakte, wobei herauskam: Nur vier Beamte setzten ihren Dienst nicht fort, zwei von ihnen wurden durch Fremdeinwirkung verletzt. Das veranlasste den Deutschen Journalisten-Verband (DJV) zu einem Appell an seine Mitglieder: Man müsse Polizeiberichte »in allen Fällen kritisch hinterfragen«.

Eine Meldung der Behörde sei »für Redaktionen eine wichtige Ausgangsinformation, mehr aber nicht«, erklärte der DJV-Vorsitzende Frank Überall am 1. Juli. Und: Niemals dürfe diese ungeprüft in die Berichterstattung einfließen. Denn bei Auseinandersetzungen sei die Polizei »keinesfalls unparteiischer Beobachter, sondern selbst Partei«. Überall weiter: »Das müssen wir Journalisten immer im Hinterkopf haben, wenn wir den Bericht lesen«. Informationen und Bilder von Kollegen vor Ort seien unverzichtbar.

Für kritische Journalisten ist diese Erkenntnis nicht neu. Mit hohen Verletztenzahlen in den eigenen Reihen kokettiert die Polizei gerne. Um von eigenen Übergriffen abzulenken, fließt jeder Kratzer, oft sogar jedes Unwohlsein in die Statistik ein. So lief es auch 2017 bei den Protesten gegen den G-20-Gipfel in Hamburg. Von angeblich 476 verletzten Beamten hatten sich mehr als die Hälfte tatsächlich krank gemeldet. Nur 21 von ihnen waren so verletzt, dass sie ihren Dienst nicht fortsetzten – wie viele davon durch Demonstranten, ist bis heute unklar.

Pressestellen der Polizei hätten gar kein Interesse daran, neutral zu berichten, sagte auch Thomas Wüppesahl von der Bundesarbeitsgemeinschaft kritischer Polizistinnen und Polizisten am 16. Juli in einem Interview mit der Taz. Die Polizei arbeite »häufig genug für selbst definierte Ziele und Interessen – damit meistens für rechts oder Mächtige«, mahnte Wüppesahl.

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