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Aus: Ausgabe vom 13.08.2019, Seite 12 / Thema
Medizin und Ethik

Zwang ist keine Lösung

Die Organspende muss freiwillig bleiben, das gebietet die Verfassung. Zur geplanten Reform des Transplantationsgesetzes
Von Monika Knoche
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Die wirtschaftsliberale Lösung des Wartelistenproblems zeigte im Jahr 2010 der Film »Repo Men« auf: Organe können auf Kredit gekauft werden, wer die Raten nicht mehr zahlen kann, lernt die »Repo Men« kennen, die die transplantierten Organe mit Gewalt wieder entnehmen

Im Herbst will der Deutsche Bundestag das Transplantationsgesetz novellieren. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gab mit seinem unter anderem von Karl Lauterbach (SPD) und Petra Sitte (Die Linke) unterstützten Vorschlag, eine generelle Widerspruchslösung einzuführen, den Anstoß dazu. Dieser zufolge soll jeder als Organspender gelten, der sich nicht ausdrücklich dagegen ausgesprochen hat. Verschiedene Abgeordnetengruppen, die an der freiwilligen und selbstbestimmten Organspende festhalten wollen. haben inzwischen ebenfalls Entwürfe eingebracht. Alle Vorschläge eint das Ziel, die Anzahl der Organentnahmen zu erhöhen. Dadurch erhoffen sich die Verfasserinnen und Verfasser, die Zahl der Organspender zu erhöhen.

Der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Dr. Klaus Reinhardt, äußerte in bezug auf die Organspende: »Man wird eher zum Empfänger als zum Spender«. Damit ist das strukturelle Dilemma der Transplantationsmedizin umrissen. Sie ist ein Sonderfall ärztlicher Behandlung. Es wird immer so sein, dass – wie die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD, Sabine Dittmer, bei ihrer Rede am 25. Juni im Bundestag ausführte – »den Leuten auf der Warteliste die Zeit davonläuft«.

Ausfall messbarer Hirnfunktionen

Derzeit warten in Deutschland etwa 9.000 Menschen auf ein passendes Organ. Ursächlich für die lange Wartezeiten ist nicht so sehr eine mangelnde Bereitschaft zur Spende, sondern die selten vorkommende Diagnose »irreversibler Ausfall aller messbaren Hirnfunktionen«. Denn diese muss vorliegen, um durchblutete Organe entnehmen zu können. Die Zahl der Spender lässt sich also nur schwer erhöhen, zumal alle ärztliche Kunst darauf gerichtet ist, eben diesen Zustand bei schwer Hirnverletzten zu vermeiden. Einzig kann man anstreben, bei eben diesen Menschen rasch zu erkunden, ob eine Bereitschaft zur Organspende bekannt oder sogar dokumentiert ist.

Das unauflösbare Problem eines anwachsenden Organbedarfs hat die Transplantationsmedizin selbst hervorgebracht; der Organmangel ist systemimmanent. Allein die Tatsache, dass dieses medizinische Spezialgebiet trotz der prinzipiellen Mangelsituation an Bedeutung gewonnen hat, erhöht zusätzlich den Druck, passende Organe zu bekommen. Es sind diese Besonderheiten, welche die Transplantationsmedizin grundsätzlich von anderen ärztlichen Therapieformen unterscheidet. Deshalb wird sie niemals zu einer Regelversorgung für alle in Frage kommenden, schwer organerkrankten Patienten werden können. Durch keine gesetzliche Maßnahme ist an diesem unumstößlichen Fakt etwas zu ändern.

Weil ein Mensch einen außergewöhnlichen Sterbeprozess – mit sogenannter Hirntod-Diagnose – erleiden muss, um durch die Entnahme seiner Organe für andere hilfreich zu sein, müssen hohe ethische Maßstäbe an alle diesbezüglichen Rechtssetzungen angelegt werden. Das ist weit weniger eine Gewissensfrage der Abgeordneten als vielmehr eine Frage des Wirkungsbereiches des ersten Grundgesetzartikels, der die Unantastbarkeit der Menschenwürde als ein allem übergeordnetes Prinzip festschreibt, das handlungsleitend für die Gesetzgebung sein muss. Hier konkret ist sie für den am Hirnfunktionsverlust leidenden Menschen sicherzustellen. Deshalb wurde vor 25 Jahren, als diese Therapieform erstmals gesetzlich geregelt wurde, die freiwillige Organspende etabliert und damit die Selbstbestimmung gewährleistet.

Seither wurde offenkundig, dass die Realität auf Intensivstationen deutscher Krankenhäuser nicht zu der einst erhofften Anzahl an Organentnahmen führt. So hat sich der Bundestag in der Vergangenheit auf der Grundlage des bestehenden Transplantationsgesetzes bemüht, etwas gegen den Mangel an Spenderorganen zu unternehmen. Inzwischen werden, gestützt durch eine entsprechende Gesetzesregelung, Angehörige gezielter mit einer Explantationsoption bekannt gemacht, und es wird mit größerem Aufwand versucht, den mutmaßlichen Willen des »zur Spende geeigneten« Patienten zu erkunden.

Wie hochgradig missverständlich die Botschaft ist, die Organentnahme würde nach dem Tod durchgeführt, zeigt sich daran, dass der gewöhnliche Tod, der durch irreversiblen Herz-Kreislauf-Stillstand eintritt, für eine potentielle Organentnahme nicht in Frage kommt. Deshalb ist es irreführend, davon zu sprechen, man träfe als spendenbereite Person eine Entscheidung für »nach dem Tod«. Auch die Gleichsetzung einer neurologischen Diagnose, die anzeigt, dass das Leben unwiederbringlich endet, mit dem Tod eines Menschen, trägt zu dem erheblichen Misstrauen vieler Menschen gegenüber der Organspende bei. Hinzu kommt: Wird der sogenannte Hirntod festgestellt, muss der Arzt von Rechts wegen die Behandlung abbrechen. Davon sind Intensivmediziner nur suspendiert, wenn die Patientin oder der Patient die Weiterbehandlung zwecks Organentnahme gewollt hat. So ist die langjährige Praxis.

Die »Wartelistenproblematik« kann, wie dargestellt, nicht mit einer einfachen pragmatischen Regelung aufgelöst werden. Das Dilemma des systemimmanenten Organmangels bleibt bestehen, selbst wenn die Widerspruchslösung käme. Das »Sterben auf der Warteliste« kann mit keiner gesetzlichen Maßnahme verhindert werden. Der Ausnahmefall ärztlicher Leistungen kann nicht zu einem generellen Leistungsanspruch werden. Das ist zu bedenken, wenn Menschen auf der Warteliste die Hoffnung gemacht wird, mit einem Entzug von Grundrechten bei potentiell zur Spende geeigneten Patienten könne ihr Leiden früher gelindert oder ihr Tod verhindert werden. Aufrichtigkeit wäre auch in dieser Hinsicht ein ethisch wertvoller Beitrag.

Wirtschaftliche Belange

Wer eine Indikation zur Aufnahme in die Warteliste bekommt, hängt von der ärztlichen Beurteilung der Spezialabteilungen in Kliniken ab, Lebensrettung, Verbesserung der Lebensqualität und -zeit erweitern den Kreis der Personen, die auf ein geeignetes Organ hoffen. Implantationen die für einen Behandlungserfolg zwingend werden, erhöhen den Druck. Auf das »Ranking«, also darauf, wer an welcher Stelle auf der Warteliste steht, haben nur die behandelnden Ärzte Einfluss. Darüber wer tatsächlich ein passendes, fremdes Organ bekommt, entscheiden externe Experten, die für eine gerechte und medizinisch sinnvolle Verteilung sorgen sollen. Ein großer Medizinskandal brachte im Jahr 2011 zutage, dass Dringlichkeitskriterien manipuliert worden waren, um rascher an begehrte Organe zu kommen. Auch ist vor dem Hintergrund der allein ökonomischen Interessen dienenden Fallpauschalen, also dem Vergütungssystem, auf dessen Grundlage sich Krankenhäuser finanzieren müssen, die Anzahl der durchgeführten Organverpflanzungen ein wirtschaftlicher Faktor. Heutzutage ist die Ausweitung dieser Spezialdisziplin nicht mehr von wirtschaftlichen Belangen zu trennen.

Man mag es einer gewissen – dem grundlegenden Dilemma geschuldeten – Getriebenheit zusprechen, wenn Vorschläge in den politischen Raum dringen wie der des BÄK-Präsidenten Reinhardt: »Wer bereit ist zu geben, wird bevorzugt bekommen.« Reinhardt stellt sich auf die Seite derer, die eine Widerspruchslösung präferieren. Neben der medizinethischen und rechtlichen Fragwürdigkeit einer solchen Position des höchsten Standesvertreters der deutschen Ärzteschaft, zeigt die Äußerung auch, wie emotional aufgeladen die aktuelle Debatte ist. Dass menschenrechtliche Garantien in der Medizin gebieten, dass jeder Mensch in ärztlicher Obhut unabhängig von dessen Lebenseinstellung einen nicht abzuweisenden Anspruch hat, ein auf die Schwere seiner Erkrankung bezogenes Therapieangebot zu bekommen, gerät da schnell in den Hintergrund. Das aber ist ein Gebot humanistischer Medizin.

In der Debatte im Deutschen Bundestag zeigte sich, dass die Diskussion um eine Erhöhung der Zahl der Organspender längst mit moralischen Argumenten geführt wird. Es geht ums Strafen und Belohnen. So äußerte etwa der Stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Georg Nüßlein während der ersten Lesung der verschiedenen Gesetzentwürfe: »Es gibt nichts Christlicheres, nichts, was mehr mit Nächstenliebe zu tun hat, als im Tod einem anderen das Leben zu retten.« Es ist zwecks Versachlichung der Debatte angeraten, das Allgemeinwohl und die jeweiligen religiösen Maximen als Handlungsleitlinien in dieser Angelegenheit aus dem Spiel zu lassen. Weder trifft das Kriterium Allgemeinwohl hier den Kern der Sache, noch darf der Gesetzgeber persönliche, religiöse Bekenntnisse zum Kern seiner Gesetzgebungsaufgabe machen.

Außerdem ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die unveräußerlichen Menschenrechte von Patientinnen und Patienten nicht von Rechts wegen in Konkurrenz zueinander gestellt werden oder gar graduell abgestuft zur Geltung kommen dürfen, je nach Nützlichkeit, die man ihnen in bezug auf Dritte beimisst.

Als Pro-Argument für eine einfache Widerspruchsregelung wird oft auf andere EU-Mitgliedsstaaten wie Kroatien oder Spanien verwiesen, die eine deutlich höhere Organgewinnungsquote als die Bundesrepublik erreichen. Allerdings gelten andernorts teilweise auch andere Explantationsvoraussetzungen. Neben der Organentnahme bei Herz-Kreislauf-Versagen, wird die Feststellung des sogenannten Hirntodes als Entnahmekriterium unter geringeren diagnostischen Standards praktiziert. Unberücksichtigt bleiben auch die jeweiligen Versorgungsstandards und die zeitliche Dauer bis zum Eintreffen notärztlicher Hilfe bei schwerstverletzten Unfallopfern, die Nähe zu Spezialkliniken etc. Das alles sind Faktoren, die die Anzahl potentiell zur Organentnahme geeigneter Patienten beeinflussen können. Und: Frankreich und Dänemark haben anders als Deutschland ein Widerspruchsgesetz, kommen aber dennoch nicht auf eine höhere Transplantationsquote.

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Sie plädieren für die sogenannte Widerspruchslösung: Jeder wird automatisch zum Organspender, sofern er nicht ausdrücklich widerspricht – Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (r.) am 1. April 2019 in Berlin

Wie schon dargelegt, ist an dem medizinischen Fakt nichts zu ändern, dass die übergroße Zahl der Menschen, die freiwillig zu einer Organentnahme bereit sind, für eine Spende nicht geeignet sind. Die Diagnose »irreversibler Ausfall aller messbaren Hirnfunktionen« führt normalerweise dazu, die intensivmedizinische Behandlung abzubrechen. Nur wenn die Patientin oder der Patient einer Organspende ausdrücklich zugestimmt hat, kann ein »Ausnahme-Sterbeprozess« eingeleitet werden, der mit der Organentnahme endet. Aus dieser Sachlage erklärt sich, warum die Gleichsetzung »hirntot = Tod« zweckgeleitet ist, aber auch, warum vorab eine Freiwilligkeitserklärung zur Behandlungsänderung gegeben worden sein muss, die auf einer informierten Zustimmung zum tatsächlichen Geschehen beruht.

Ist diese Zustimmung nicht gegeben, dürfen Ärzte die Organentnahme nicht durchführen. Ebenso verhält es sich mit der medizinrechtlichen Kategorie »Informed consent« (»Informierte Einwilligung« bzw. »Einwilligung nach erfolgter Aufklärung«). Sie setzt die umfassende Einsichtsfähigkeit voraus und muss dokumentiert sein. Das kennzeichnet einerseits die freiwillige Zustimmung seitens der behandelten Person, und andererseits zeugt sie von der Rechtmäßigkeit der medizinischen Intervention. Diese Praxis garantiert die unveräußerliche Selbstbestimmung.

Utilitaristisches Recht

Gesundheitsminister Spahn möchte diese gesetzlichen Normen umkrempeln. Gemeinsam wollen federführende Politikerinnen und Politiker der CDU, SPD und der Linken für den Spezialfall Transplantationsmedizin ein utilitaristisches Recht schaffen und eine am fremden Nutzen orientierte klinische Praxis einführen. Jeder Mensch soll per Gesetz zum Organspender werden, sofern er nicht schriftlich widersprochen hat. Hat er sich nicht erklärt, wird das als Zustimmung gewertet. Das ist der Kern der Widerspruchslösung.

Die Organentnahme wäre dann keine Spende mehr, sie würde vielmehr zur allgemeinen Bürgerpflicht erhoben. Ein staatlicher Zwang entstünde, dem man gegebenenfalls nur durch eine aktive Abwehr, durch einen schriftlich dokumentierten Widerspruch entkommen kann. Will man dem Staat die Eigentumsrechte am eigenen Körper nicht zusprechen, ist man gezwungen, frühzeitig zu handeln. Überdies wäre im Fall der geplanten Widerspruchslösung jeder Mensch genötigt, sich rechtsverbindlich zu den letzten Dingen des Lebens zu verhalten.

Die Widerspruchslösung würde in vielerlei Hinsicht Bürger- und Menschenrechte auf den Kopf stellen. Es sei hier betont, dass diese spezielle Menschenrechtsfrage – wann ist der Mensch tot, und wer darf dann über ihn verfügen? – überhaupt erst durch die Transplantationsmedizin entstanden ist. Es könnte sich bei näherer Befassung zeigen, dass dies eine überflüssige Frage ist, wenn man zu dem kulturübergreifenden, traditionellen Konsens zurückfinden würde, dass der Mensch erst dann tot ist, wenn all seine Lebensfunktionen erloschen sind. Diese natürliche Tatsache, kann selbst die im Zuge der ersten Transplantationsgesetzgebung vor 25 Jahren überhaupt erst vorgenommene Setzung »hirntot = Tod« nicht wegdefinieren. Menschen in diesem Zustand werden nicht als tot erlebt. Näherte sich der Bundestag noch einmal dieser zentralen Grundrechtsproblematik, könnte das dazu führen, die selbstbestimmte, freiwillige Organspende als einzig verfassungsfeste Lösung zu bestätigen. Man könnte dann erkennen, dass es zweierlei Todesdefinitionen nicht bedarf, um die Transplantation zu regeln. Womöglich würde gerade dadurch mehr Vertrauen in der Bevölkerung entstehen.

Die Widerspruchsregelung offenbart aber noch einen weiteren Widerspruch. Nur von Menschen, die als »hirntot« diagnostiziert sind, wird eine generelle leibhaftige Solidarpflicht gefordert. Menschen die eines natürlichen Todes sterben, genießen weiterhin uneingeschränkten Schutz, die Totenruhe, obgleich auch ihre Leichname für medizinische Zwecke geeignet sein können. Hier wird deutlich: Die Widerspruchslösung würde einzig einem von Nützlichkeitserwägungen der Transplantationsmedizin getriebenen Interesse dienen. Würde der Deutsche Bundestag diesem Ansinnen folgen, so entstünden zwei sich grundlegend widersprechende Rechtsregelungen. Auch das wäre verfassungswidrig.

Bislang haben die Debatten im Plenum des Bundestages wenig zu diesen Unvereinbarkeiten und den Brüchen in der Rechtslogik, die bei einer Widerspruchsregelung aufträten, aufgezeigt. Im Mittelpunkt standen lediglich zwei Überlegungen: Selbstbestimmung versus erzwungener Solidarität sowie neue Regelungen, mit denen man hofft, die Explantationsquote zu steigern.

Im weiteren Verlauf der parlamentarischen Beratungen wird es vielleicht Abgeordnete geben, die danach fragen, ob der Staat einerseits ein gemeinnütziges solidarisch-altruistisches und andererseits ein für die Gemeinschaft nicht nützliches Sterben mit unterschiedlichen Grundrechtsgarantien belegen darf. Ob es überhaupt Sache des Staates sein kann, dem Tod Qualitäten für die Lebenden beizumessen und dafür jeweils andere Rechtsgrundsätze zu konstruieren. Ob es überhaupt möglich ist, staatlicherseits dem individuellen Tod Sinnhaftigkeit oder Verschwendung beizumessen. Oder ob es für das Sicherheitsgefühl aller nicht besser ist, dabei zu bleiben, dass die Würde des Menschen bis ganz zuletzt gewahrt wird.

Auch wenn die Befürworter einer leibhaftigen Solidarpflicht betonen, aus edlen, ethisch nicht zu beanstandenden Motiven zu handeln, wie Karl Lauterbach betonte (»Keiner der Vorschläge steht ethisch höher als der andere«), so wollen sie doch dem Staat ein Eingriffsrecht in die unveräußerliche Selbstbestimmung zubilligen.

In unseren Verfassungsgrundsätzen, die auf Lehren aus den Menschenrechtsverbrechen auch in der Medizin im deutschen Faschismus ruhen, ist festgehalten, dass niemals wieder zwischen »lebenswert« und »lebensunwert« entschieden werden darf. Das täte freilich niemand, der der Widerspruchslösung zuneigt. Doch ergibt sich für heutige Fragestellungen daraus, dass es keinerlei Abstufung im Menschenrecht, und keine unterschiedliche Ausgestaltung der Selbstbestimmung geben darf. Weshalb weder am Beginn – man denke an die embryonale Stammzellforschung – noch am Ende menschlichen Lebens fremdnützliche Zwecke diese Schutzgarantien schleifen dürfen. Es ist so gesehen dem Bundestag aufgetragen, die Entwicklungen der modernen Medizin und die medizinische Forschung in diesen grundgesetzlichen Rahmen zu integrieren.

Medizinischer Fortschritt

Heutzutage spricht niemand mehr davon, aus der embryonalen Stammzellforschung erwüchsen lebensrettende Hilfen für Alzheimer-, Demenz- oder Parkinsonkranke. Während der Debatte zu Beginn der 1990er Jahre war das der Fall. Die Zeit ist darüber hinweggegangen. Die medizinische Forschung kennt heute andere Optionen. Damals klangen die moralischen Appelle an Politikerinnen und Politiker, die die Menschenwürde umfassend – also auch als für den Embryo gültig – verstanden, ebenso dramatisch wie die heutigen.

Es ist zu hoffen, dass die medizinisch-biologische Forschung in nicht allzu ferner Zukunft Therapiemethoden entwickelt, die den Organbedarf mindern und die Kranken als sogenannte Regelversorgung zugänglich gemacht wird. Eine moderne Medizin mithin, die kein ethisches Dilemma hervorbringt und individualisierte, nebenwirkungsarme Therapien ermöglicht. Es wäre für die gesellschaftliche Debatte insgesamt hilfreich zu erfahren, welche Forschungsziele zu beschreiben sind, um zukünftig die Zahl der Transplantationen zu verringern.

Der Gesetzgeber könnte vor diesem Hintergrund mit mehr Zuversicht darauf verzichten, ein extraordinäres Recht für einen Sonderfall der Medizin zu schaffen und die Organspende als freiwillige Entscheidung beibehalten.

Monika Knoche gehörte 1979 zu den Mitbegründerinnen der Grünen und saß von 1994 bis 2002 im Bundestag. Als Gesundheitsexpertin und drogenpolitische Sprecherin der Grünen war sie Mitglied des Gesundheitsausschusses. 2002 verließ sie die Partei aufgrund ihrer Kritik an der »rot-grünen« Kriegspolitik sowie der neoliberalen Agenda der Grünen und trat 2005 der Partei Die Linke bei, für die sie sich 2005 erneut in den Bundestag wählen ließ. Von 2007 bis 2009 war sie deren Stellvertretende Fraktionsvorsitzende.

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (13. August 2019 um 04:23 Uhr)
    Guten Morgen, liebe Frau Knoche,

    ohne Frage ist Ihren Argumenten zuzustimmen. Allerdings kann ich dieser Aussage nicht folgen: "Wie schon dargelegt, ist an dem medizinischen Fakt nichts zu ändern, dass die übergroße Zahl der Menschen, die freiwillig zu einer Organentnahme bereit sind, für eine Spende nicht geeignet sind. Die Diagnose »irreversibler Ausfall aller messbaren Hirnfunktionen« führt normalerweise dazu, die intensivmedizinische Behandlung abzubrechen. Nur wenn die Patientin oder der Patient einer Organspende ausdrücklich zugestimmt hat, kann ein »Ausnahme-Sterbeprozess« eingeleitet werden, der mit der Organentnahme endet. Aus dieser Sachlage erklärt sich, warum die Gleichsetzung »hirntot = Tod« zweckgeleitet ist, aber auch, warum vorab eine Freiwilligkeitserklärung zur Behandlungsänderung gegeben worden sein muss, die auf einer informierten Zustimmung zum tatsächlichen Geschehen beruht."

    Selbstverständlich ist kein Hirntod zweckgeleitet, sondern beruht auf einem üblen Unfall. Auch beruht die Zustimmung zur Organspende bisher leider einer und meiner Zustimmung. Dass Sie verschiedene Vorbehalte ins Spiel bringen, ändert nichts an der realen Lage: Zu wenige Menschen in unserem Land haben ihre Bereitschaft erklärt, ihre Organe und Gewebe nach dem Tode zu spenden. Sogar unter denjenigen, die im medizinischen Bereich tätig sind, also tagtäglich miterleben, woran es mangelt, fehlt die Bereitschaft.

    Auch mir ist erst vor neun Monaten bewußt geworden, dass ich umdenken sollte. Damals wurde ein Aneurysma in meinem Gehirn festgestellt - denn glücklicherweise hatte ich daheim einen Unfall, bei dem ich das Bewußtsein verlor, also ich ins MRT geschoben wurde und das Aneurysma festgestellt und dann operiert wurde.

    Seitdem, auch weil mir mitgeteilt wurde, dass das Drama vielleicht nicht endet, ist mir klar, dass ich einmal Glück hatte. Deshalb ist vollkommen klar, dass ich mehr zu hinterlassen habe als Reichtümer. Alle meine kleinen Schätze lassen sich verteilen. Aber dass es im Falle der Organspende nur um direkte Hilfe geht, also wir daran denken, dass es jemanden, den wir nicht kennen, das Leben erhält, ist mein und unser Ziel. Es geht nicht um Ansätze, sondern um die Organe und Gewebe aus einer Gestalt, die abgegeben werden können. Wer der Spender ist, spielt keine Rolle.

    Die Bereitschaft ist vonnöten. Bitte teilen Sie allen mit, dass man in jeder Apotheke einen Organspendeausweis erhalten kann! Dafür vielen Dank!

    Freundliche Grüße!

    Ihr scharmann
  • Beitrag von Dieter R. aus N. (13. August 2019 um 07:39 Uhr)
    Das Modell »Arzt als Unternehmer« ist hierzulande mittlerweile voll installiert. Und das hat leider dazu geführt, dass Patienten nun Kundschaft sind und durchaus nicht sicher sein dürfen, ob eingeleitete Therapiemaßnahmen ihrer Gesundheit oder eher dem Geldbeutel von Ärzten bzw. der Auslastung von medizinischen Gerätschaften dienen. Vor diesem Hintergrund fehlenden Grundvertrauens ist die geplante allgemeine Organpflichtentnahme unbedingt abzulehnen. Bezeichnenderweise ist die Linkspartei leider wieder mal auf einen Zug aufgesprungen, der nicht nach »Gemeinwohl«, sondern nach »Profitlingen« unterwegs ist.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Bernd Beier: Dringendere Themen 9.000 Menschen warten auf eine Organtransplantation. Darüber gibt es zahllose Diskussionen in den Medien und politischen Gremien über menschliche Schicksale, menschliche Würde, über Verantwortung und ...
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